Wenn Volkmar Weber am Abend in seinem Garten in Überlingen sitzt, schaut er oft mit wachem Blick in den Himmel und beobachtet die Positionslichter der Flugzeuge im Anflug auf den Flughafen Zürich-Kloten. „Ich frage mich auch heute, wie es um die Sicherheit steht, was sich seit dem 1. Juli 2002 eigentlich getan hat.“
Vor zehn Jahren, am 1. Juli 2002, stieß um 23.35 Uhr eine Tupolew 154 aus der russischen Republik Baschkortostan mit einer DHL-Frachtmaschine in 11.000 Meter Höhe über dem Bodensee zusammen. Weber war damals Oberbürgermeister der Stadt. Die DHL-Maschine wollte nach Brüssel, die Tupolew der Baschkirian-Airline nach Barcelona. Viele Überlinger hörten das laute Grollen, sahen die Feuerbälle, die auf die Obstwiesen am Bodenseeufer fielen. Weber war gerade auf der Autobahn unterwegs. Er fuhr gleich ins Lagezentrum. Es war einer der größten Flugzeugunfälle in der Geschichte der Bundesrepublik. Alle 71 Insassen der Flugzeuge kamen ums Leben - 54 von ihnen waren Kinder, die meisten 14 oder 15 Jahre alt.
„Vieles schwebt noch im Ungewissen“
Weber fragt sich, ob die Mängel bei der Überwachung des Luftraums, die auch Ursache des Unglücks waren, heute wirklich beseitigt sind: „Bei Skyguide hat sich wohl einiges verbessert. Aber vieles schwebt noch im Ungewissen.“ Das Schweizer Unternehmen musste nach dem Unglück Fehler in der Flugsicherung zugeben. Vier leitende Mitarbeiter verurteilte ein Schweizer Strafgericht zu Geld- sowie Freiheitsstrafen. 2007 stellte eine Zivilkammer des Konstanzer Landgerichts „schwerwiegende organisatorische Mängel“ bei Skyguide fest. Zudem befand das Gericht, die Übertragung deutscher Hoheitsrechte an Skyguide sei verfassungswidrig. Eigentlich bedürfe es eines Staatsvertrags, wenn Hoheitsrechte in diesem Umfang übertragen würden. Den Staatsvertrag mit der Schweiz gibt es bis heute nicht.
Das meint der frühere Oberbürgermeister, wenn er von der Ungewissheit spricht, die den Bürgern in der Bodenseestadt geblieben sei. Die Menschen misstrauen den Schweizer Fluglotsen weiterhin, besonders seit einem weiteren Zwischenfall mit einer malayischen Frachtmaschine, die über Singen kreisen musste, weil ihre Kerosin-Tanks so voll waren, dass sie in Zürich nicht landen konnte. Angeblich gab es seit dem Unglück im Jahr 2002 im südbadischen Luftraum acht weitere Zwischenfälle. Die Pilotenvereinigung „Cockpit“ sieht das anders: „Der Bodenseeraum ist keine Problemregion, es gibt Ecken auf der Erde, wo es mehr Schwierigkeiten gibt“, sagt Jörg Handwerg von „Cockpit“. Bei den Bürgern bleibt aber ein Unbehagen. Das hängt auch damit zusammen, dass der Luftraum über dem Bodensee eine Wartezone ist und die Flugzeuge oft im Zickzackkurs Zürich anfliegen. „Misstrauen ist geblieben, zu unseren Alltagssorgen zählt das aber nicht mehr“, sagt Peter Friedrich, damals SPD-Bundestagsabgeordneter, heute Baden-Württembergs Bundesratsminister. Friedrich saß mit seiner Frau auf dem Balkon, als die Flugzeuge kollidierten.
Fast jedes Jahr gibt es eine Andacht
An das Unglück erinnern in Überlingen zwei Gedenkstätten. Die Künstlerin Andrea Zaumseil entwarf eine Skulptur im Ortsteil Brachenreuthe. Große Edelstahlkugeln, verbunden mit einem Seil, erinnern an die 71 Opfer. In Owingen-Taisersdorf, wo das Frachtflugzeug in Flammen aufging, gibt es auch einen Gedenkstein. Die Anteilnahme der Überlinger und die Hilfsbereitschaft der Deutschen nach dem Unglück trugen dazu bei, das noch vom Zweiten Weltkrieg geprägte Deutschland-Bild der Baschkiren ins Positive zu wenden. Der Verein „Brücke nach UFA“ organisiert seit vielen Jahren den Kulturaustausch zwischen der Bodenseeregion und der baschkirischen Hauptstadt Ufa. Aus gemeinsamer Trauer ist Völkerverständigung geworden. Sabine Becker (CDU), heute die Oberbürgermeisterin der Stadt, empfängt jedes Jahr viele Besuchergruppen aus der russischen Teilrepublik. Das Interesse am deutschen Bildungssystem ist unter ihnen groß. Der nach dem Unglück initiierte Versuch, die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Baden-Württemberg und der russischen Teilrepublik zu intensivieren, scheiterte aber. Der kulturelle Austausch war erfolgreicher: Die Jörg-Zürn-Gewerbeschule, eine Unesco-Projektschule, etablierte einen Schüleraustausch mit einem Gymnasium in Ufa. „In diesen Wochen ist gerade wieder ein Gymnasiast aus Ufa bei uns, der ein Geschwisterkind durch das Unglück verloren hat“, erzählt Sabine Becker.
Fast jedes Jahr gibt es am Gedenktag eine Andacht. In diesem Jahr ist für Sonntag eine Feier an der Gedenkstätte in Brachenreuthe geplant. Dort werden Peter Friedrich sprechen und der stellvertretende Ministerpräsident Baschkortostans, Fidus Jamaltdinow. Und am Montag richtet die Teilrepublik im Salem-College in Überlingen einen kleinen Empfang aus.
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