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Verschollene Boeing : Die beispiellose Suche nach Flug MH370

Phantombild: Eine Boeing 777-200ER der Malaysia Airlines kurz vor dem Start am Sonntag in Kuala Lumpur Bild: Reuters

26 Nationen beteiligen sich an dem Versuch, die verschwundene Boeing der Malaysia Airlines aufzuspüren. Das Suchgebiet ist riesig. Die Anrainerstaaten diskutieren über Lücken in der Luftraumüberwachung. Doch auch sie haben etwas zu verbergen.

          Neun Tage, nachdem die malaysische Boeing 777 absichtlich von ihrer Route von Kuala Lumpur nach Peking umgelenkt wurde, läuft in Asien nun eine beispiellose Suchaktion mit multinationaler Beteiligung. Das Suchgebiet erstreckt sich über zwei gewaltige Korridore vom Kaspischen Meer bis Laos und Burma sowie vom Osten der indonesischen Insel Sumatra bis tief in den südlichen Indischen Ozean hinein. Es umfasst hohe Bergketten und tiefe Meeresgründe. „Die Suche in diesen beiden Korridoren hat bereits begonnen“, sagte Verkehrsminister Hishammuddin Hussein am Montag.

          Till  Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Die Polizei konzentriert sich derweil weiter auf die Piloten, die Crew und die Passagiere des Flugzeugs. Wie am Montag bekannt wurde, hatte der 27 Jahre alte Co-Pilot den letzten Funkspruch „Alles klar, gute Nacht“ am 8. März um 1.19 Uhr abgesetzt. Im Verlauf der Ermittlungen werde derzeit auch geprüft, ob er dabei „verstört“ geklungen habe oder nicht, hieß es in einer Pressekonferenz der malaysischen Behörden.

          Letzte Daten um 1.07 Uhr übermittelt

          Entgegen früheren Angaben ist unklar, ob zu diesem Zeitpunkt das Datenübermittlungssystem Acars bereits ausgeschaltet war oder nicht. Das letzte Mal hatte das System nach Angaben des Leiters der staatlichen Malaysia Airlines, Ahmad Jauhari Yahya, um 1.07 Uhr Daten übermittelt. Das nächste Datenpaket wäre eine halbe Stunde später erwartet worden, wurde aber nie gesendet. Irgendwann innerhalb dieser Zeit muss das System manuell abgeschaltet worden sein. Wann, wissen die Ermittler dem Airline-Chef nach nicht.

          Bild: dpa

          Der sogenannte Transponder antwortete von 1.21 Uhr an nicht mehr. Danach, als das Flugzeug gerade vom malaysischen in den vietnamesischen Luftraum wechselte, war es vom zivilen Radar verschwunden und in die umgekehrte Richtung weitergeflogen. Zuletzt wurde es 200 Meilen nordwestlich der Insel Penang von einem Militärradar geortet. Später wurden dann von einem Satelliten noch sechs „Handshakes“ oder „Pings“ registriert, der letzte um 8.11 Uhr. Diese Signale lassen jedoch keinen Schluss auf die genaue Position des Flugzeugs zu.

          26 Nationen beteiligt

          Im Abgleich mit anderen Daten haben die Ermittler daraus aber die beiden Korridore kalkulieren können. Irgendwo in diesen beiden Gebieten muss sich das Flugzeug zur Zeit des letzten Pings befunden haben. Der Tankfüllung entsprechend könnte das Flugzeug nach 8.11 Uhr allerdings noch etwa eine halbe Stunde weitergeflogen sein, sagte Ahmad Jauhari Yahya. Insgesamt sind 26 Nationen an der Operation beteiligt. Darunter haben Malaysia, Australien, China, Indonesien und Kasachstan bereits Missionen in den betreffenden Regionen gestartet.

          Zuletzt hatte sich auch Australien angeschlossen. Australien und Indonesien übernehmen die Verantwortung über jeweils einen von zwei Teilen in dem südlichen Korridor. Australien hat nach Angaben des malaysischem Verkehrsministers zwei Flugzeuge auf den Christmas- und Cocos-Inseln stationiert. Malaysia hat zwei Schiffe und einen Helikopter in die Region geschickt. Auch ein amerikanisches Flugzeug wird dorthin verlegt. In der ersten Woche hatte sich die Suche zunächst auf das Südchinesische Meer und dann auf die Straße von Malakka konzentriert.

          Keine nachweisbare Theorie

          Am Montag war auch ein Team französischer Fachleute nach Kuala Lumpur gereist. Es soll Erfahrungen aus der Suche nach der Passagiermaschine der Air France weitergeben, die im Juni 2009 in den atlantischen Ozean gestürzt war. Auch ein chinesischer Fachmann ist eingetroffen. Auf sie alle warten viele offene Fragen. Auch mehr als neun Tage nach dem Verschwinden des Flugzeugs scheint zum Beispiel immer noch nicht geklärt, wie die Boeing auf ihrem mehrstündigen Geisterflug unterwegs sein konnte, ohne – so weit bekannt – von irgendeinem Radar geortet zu werden.


          Flug MH370 von Malaysia Airlines


            Was ist passiert?

            Der Flug MH370 von Malaysia Airlines verschwand auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking am 8. März 2014 um 2.40 Uhr Ortszeit vom Radar. Bislang sind weder das Flugzeug noch Überreste der Maschine entdeckt worden

            In welchem Zustand befand sich das Flugzeug?

            Die Boeing 777-200ER („Extended Range“) wird von vielen Fluggesellschaften für Langstreckenflüge genutzt und ist ein äußerst zuverlässiges Flugzeug. Die Maschine mit der Kennung 9M-MRO war nach Angaben von Malaysia Airlines im Hangar in Kuala Lumpur am 23. Februar 2014 zuletzt gewartet worden. Mechaniker hätten beim sogenannten A-Check keinerlei Probleme an der Maschine entdeckt. Der nächste Check sei erst am 19. Juni 2014 fällig gewesen. Die Maschine war 2002 ausgeliefert worden und hatte gut 53.000 Flugstunden hinter sich. Am 9. August 2012 kollidierte das Flugzeug mit einem Airbus A340, woraufhin die rechte Tragflächenspitze abriss. (dpa)

            Wie viele Menschen waren an Bord?

            Von den 239 Menschen an Bord waren 227 Passagiere und 12 Besatzungsmitglieder. Die meisten der Passagiere stammen aus China (152), weitere Opfer aus Malaysia (38, davon gesamte Besatzung), Indonesien (7), Australien (6), Indien (5), Frankreich (4), den Vereinigten Staaten (3), Iran (2), Kanada (2), Neuseeland (2), Ukraine (2), Taiwan (1), Niederlande (1), und Russland (1). Die Identität einer Person ist ungeklärt. Ein Passagier war mit einem chinesischen Pass an Bord, dessen Inhaber allerdings den Pass weder als gestohlen gemeldet noch seine Heimat, die Provinz Fujian, verlassen hatte. Zwei Iraner, die mit gestohlenen Pässen eines Österreichers und eines Italieners an Bord gekommen waren, wurden zunächst verdächtigt, Terroristen zu sein. Sie suchten aber wohl nach Asyl in Europa und gehörten offenbar keiner terroristischen Organisation an.

            Welche Ursachen kann das Verschwinden haben?

            Bisher wurden mehrere Theorien aufgestellt: 1. Das Flugzeug ist durch einen terroristischen Anschlag zerstört worden. Dagegen spricht die Tatsache, dass vom Pentagon bei der weltweiten Satellitenüberwachung des Luftraums keine Lichtblitze registriert worden, die auf eine Explosion hindeuten. 2. Einer der Piloten wollte Selbstmord begehen. Dagegen sprechen die Änderung der Flugroute und der über mehrere Stunden fortgeführte Flug. 3. Die Maschine verunglückte durch einen technischen Fehler. Dagegen sprechen ebenfalls der Kurswechsel und die weitere Flugzeit. 4. Die Maschine verunglückte in schweren Turbulenzen. Dagegen sprechen das gute Wetter und die weitere Flugzeit. 5. Das Flugzeug wurde entführt und ist über dem Ozean verunglückte. Auch für diese These gibt es keine Anhaltspunkte.

            Wie kann ein Flugzeug einfach verschwinden?

            Welche Technik an Bord moderner Verkehrsflugzeuge Daten aufzeichnet und kommuniziert, haben wir in einem Artikel zusammengefasst.

            Wie groß ist der Schaden für die Airline?

            Dem „Handelsblatt“ zufolge bestätigte die Allianz-Versicherung, dass sie ein Konsortium aus verschiedenen Versicherern von Malaysia Airlines anführt. Die Versicherungssumme belaufe sich unbestätigten Angaben zufolge auf insgesamt rund 100 Millionen Dollar (etwa 72 Millionen Euro), es sei aber unklar, welchen Anteil daran die Allianz trage. In der Luftfahrtversicherung ist es demnach üblich, die Versicherungssummen an Fluggesellschaften und Angehörige von Insassen im Schadensfall früh auszuzahlen. Die Auszahlung an die Fluggesellschaft sowie an die Angehörigen der insgesamt 239 Insassen der Maschine von Malaysia Airlines wurde bereits im März 2014 abgeschlossen. Der Schaden für Malaysia Airlines ist kaum zu beziffern. Auf Flug MH370 folgte der übver der Ukraine abgeschossene Flug MH17. Die doppelte Katastrophe könnte die ohnehin angeschlagene Fluggesellschaft endgültig in die Knie zwingen. (AFP)

          Dazu gibt es verschieden Theorien, von denen aber keine nachgewiesen ist. Wie die „New Straits Times“ etwa am Montag unter Berufung auf Ermittler berichtete, könnte die Maschine nach ihrer Umkehr auf etwa 1500 Meter Flughöhe oder niedriger herabgestiegen sein, um sich vor der Radarüberwachung zu verstecken. Den Bericht wollte der malaysische Verkehrsminister jedoch nicht bestätigen. Ein Problem dürfte sein, dass gewisse sensible Daten offenbar aus Gründen der nationalen Sicherheit nicht veröffentlicht werden. So hat Malaysia bisher direkte Angaben darüber vermieden, wie weit seine Radarüberwachung in den betreffenden Gebieten überhaupt reicht.

          Lücken  in der Luftraumüberwachung?

          Auch andere Länder könnten sich in diesen Fragen womöglich auf die Geheimhaltung berufen haben. Die thailändische Luftwaffe teilte nun mit, dass ihre Radarsysteme das Flugzeug nur einmal beim Start in Kuala Lumpur auf dem Schirm gehabt hätten. Auch der australische Regierungschef Tony Abbott sagte, dass es keine Hinweise gebe, wonach sich die Maschine in der Nähe Australiens bewegt habe. Die Luftfahrtbehörde in Kasachstan teilte dem Sender BBC mit, es sei nicht möglich, dass das Flugzeug in den kasachischen Luftraum eingetreten sei, ohne entdeckt zu werden. Es hätte dafür außerdem über China, Indien oder diverse andere Staatsgebiete fliegen müssen.

          Doch auch aus diesen Ländern gibt es bisher keine Berichte über mögliche Ortungen des Flugzeugs. In Malaysia wird nun auch verstärkt darüber diskutiert, ob es eklatante Lücken in der Verteidigung des staatlichen Luftraums gibt. Immerhin scheint es der Person oder den Personen, die das Flugzeug zu dem Zeitpunkt unter ihrer Kontrolle hatten, gelungen zu sein, das Flugzeug unerkannt und ungestört zurück in den malaysischen Luftraum zu lenken. Dabei wurde es sogar von einem malaysischen Militärradar geortet, wenn auch nicht identifiziert. Dennoch konnte der Flug MH370 offenbar sogar einmal quer über die malaiische Halbinsel fliegen, ohne dass dies zu einer Reaktion des malaysischen Militärs geführt hätte.

          Quelle: F.A.Z.

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