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Veröffentlicht: 07.08.2014, 06:37 Uhr

Extremes Sommerwetter Das ist doch nicht normal!

Überschwemmte Felder, vollgelaufene Keller, Blitze, stundenlanger Platzregen: So sieht der deutsche Sommer aus. Wird das jetzt immer so sein? Eine Erkundung.

von Lina Timm
© dpa „Boah, das prasselt aber“: Blitzeinschlag in einer Kirche in Münster am Montag

Es gibt Dinge, die sind einfach so, denkt man. Der Sommer in Deutschland zum Beispiel. Im Norden: Regen. Im Süden: Sonne. Das ist normal. Wobei, eigentlich ist selbst norddeutscher Regen nicht normal, im Sommer hat gefälligst überall die Sonne zu scheinen!

Die vergangenen zwei Wochen aber brannte auf einmal die Sonne auf die Strandkörbe, während der Rest von Deutschland ein Wetter hatte, das nicht mehr nur die Boulevardzeitungen zu einer der furchtbarsten Floskeln verleitete. Es regnete, und zwar, genau: sintflutartig.

Schuld war Quintia. An nur einem Tag ließ das Tief 109 Liter Wasser auf den kleinen Ort Emmingen-Liptingen in der Nähe vom Bodensee hinunterplatschen. Für Altenberge bei Münster hatte Quintia noch 98 Liter übrig, und in Kandel bei Karlsruhe mussten die Menschen immerhin noch 73 Liter pro Kellerquadratmeter schöpfen. So weit die amtliche Rangliste. Um die Statistik zu komplettieren: Das ist eineinhalb Mal so viel, wie in einem durchschnittlichen Juli zu erwarten ist.

Normal ist das nicht. Aber – war Wetter eigentlich jemals normal?

Stellt man solche Fragen, gibt es immer irgendwelche Menschen, die das jetzt wissen müssten. Ein Bauer zum Beispiel, der lebt doch davon. Oder ein Feuerwehrmann, für den jeder Tag unnormal ist. Oder doch der Deutsche Wetterdienst? Der macht schließlich nichts als Wetter.

Fragen wir doch mal.

Tübingen, am Dienstag, auf dem Hof von Landwirt Christian Reutter

Der Dinkel muss vom Feld. Eigentlich müssten auch Winterweizen, Hafer und die Sommergerste vom Feld, es ist nämlich alles reif. Vier Wochen haben Christian Reutter und sein Sohn Zeit, ihre 100 Hektar abzuernten. Gerade sind sie mittendrin. Oder sagen wir mal: Sie wären es gern.

„Schau nach Südosten, von da kam das letzte Wetter!“, hatte Reutter seinem Sohn noch zugerufen, als der auf den Mähdrescher stieg. Der Sohn drosch, der Vater fuhr die Anhänger voller Dinkel vom Feld zum Hof. Dann wurde es im Westen schwarz. Hänger abdecken, Maschinen vom Feld. Christian Reutter dachte noch kurz etwas aus der Kategorie „So was Dummes!“, dann blickte er staunend in den Himmel. „Statt einzelner Blitze und Donnerschläge gab es Lichtfeuer und Dauergrollen.“ Habe er noch nie vorher gesehen, so was.

Was er seit zwei, drei Jahren hingegen immer häufiger bei solchen Gewittern sieht, ist sein überlaufender Regenmesser. Für einen Landwirt ist der Regenmesser das, nun ja, Maß der Dinge. 40 Liter schafft das Gefäß auf Reutters Hof. Zeigt es nach einem Schauer drei Liter an, kann Reutter nach ein paar Stunden wieder auf die Felder. Zeigt es zwanzig Liter an, steht der Mähdrescher zwei Tage in der Scheune. Am Dienstag waren es 70 Liter. Das Wasser floss Reutter sogar aus dem Wald entgegen. Das brachte ihn dann doch etwas aus dem Konzept.

Jeder Schauer, der jetzt noch kommt, könnte das Korn auf dem Feld von potentieller Backware in Tierfutter verwandeln. Ob das alles noch normal ist? Die Heftigkeit, sagt Reutter, sicher nicht. Aber er ist keiner, der resigniert. Einige der älteren Kollegen hingegen seien ganz froh, nun bald in Rente zu dürfen. Reutter, 57, hat sich dieses Jahr einen neuen Mähdrescher gekauft. Viereinhalb statt drei Meter breit, damit er in den wenigen trockenen Tagen überhaupt noch alles ernten kann.

Im Winter schneit es, im Herbst regnet es, im Sommer haben wir maledivische 33 Grad, mindestens. Ist das normales Wetter? Zumindest in der Vorstellung vieler. Das mit dem Schnee haut nun aber schon länger nicht mehr hin. Und der Regen hat, wenn wir ehrlich sind, auch schon einige Sommerlöcher gefüllt. Was normal ist, weiß Thomas Rolf auch nicht. Aber er ist Dozent für Philosophie an der Uni Mainz und hat sich zur Normalität zumindest schon mal viele Gedanken gemacht. Einer davon lautet: „Wir müssen unterscheiden zwischen dem, was normal ist, und dem, was wir als normal ansehen.“

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