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Bestürzung auf Ischia : Leichtes Beben, schwere Folgen

Fassungslos auf Ischia: Hätte es so schlimm kommen müssen? Bild: AP

Abermals wird Italien von einem Erdbeben erschüttert. Die Empörung wächst, denn die Folgen sind verheerender, als sie es sein müssten. Die wütende Frage lautet: Wie kann es sein, dass bei so einem kleinen Beben überhaupt Menschen sterben müssen?

          Diesmal geht die Bestürzung sofort über in Wut. Ein Jahr nachdem in Mittelitalien auf dem Apennin zwischen Amatrice und Accumoli bei dem ersten von später insgesamt etwa 70.000 Beben 299 Menschen ums Leben gekommen waren, hat sich am späten Montag die Vulkaninsel Ischia mit einer Stärke von vier geschüttelt. Damals wütete das Beben im Grenzgebiet der Regionen Latium, Umbrien und den Marken mit einer Stärke von sechs; mithin hundertmal stärker als nun; und dennoch kamen auf Ischia zwei Menschen ums Leben. Wie kann es sein, dass bei so einem kleinen Beben überhaupt Menschen sterben müssen, lautet die wütende Frage?

          Jörg Bremer

          Politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

          Noch während die Leichen geborgen wurden und TV-Zuschauer miterlebten, wie zwei Kinder lebend aus den Trümmern ihres Elternhauses hervorgezogen werden konnten, schimpfte Francesco Peduto, Chef des Nationalen Rats der Geologen (CNG): Es sei geradezu irrwitzig, dass man bei so einem Beben in Italien sterben müsse. „So viel wurde geredet, aber quasi nichts ist in diesem Jahr zum Beispiel gegen verbotenes Bauen geschehen.“ Italien reagiere nur; Prävention bleibe Fremdwort. Verhalten klingt die Verteidigung der Bürgermeister auf Ischia, es seien keine neuen Gebäude gefallen sondern vor allem alte Strukturen, so eine Kirche von 1883.

          Das Erdbeben hat die italienische Urlaubsinsel Ischia mitten in der Hochsaison erschüttert. Bilderstrecke
          Das Erdbeben hat die italienische Urlaubsinsel Ischia mitten in der Hochsaison erschüttert. :

          Bischof Pietro Lagnese bestätigte am Dienstag den Einsturz einer Kirche in Casamicciola im Norden der Insel. Dabei sei eine Frau aus dem Gemeinderat von einer einstürzenden Kirchenmauer tödlich getroffen worden, als sie ihren Wagen parken wollte. Ein Großteil der „Chiesa del Purgatorio“ sei zerstört; zudem habe es einige Häuser drum herum getroffen, berichtete der Bischof, der sich unverzüglich in das Gebiet begeben hatte. Nach Angaben des Inselkrankenhauses waren etwa 40 Menschen bei dem Beben um 20:57 Uhr verletzt und eingeliefert worden, während ein anderes Hospital evakuiert wurde. Der Katastrophenschutz teilte mit, die meisten Schäden habe es in den höher gelegenen Regionen Ischias gegeben. Dagegen seien in den Hotels und Ferienwohnungen an der Küste kaum Schäden entstanden. Dennoch reisten viele Touristen aus Furcht vor Nachbeben ab. Noch in der Nacht stellten die Behörden drei zusätzliche Fähren ein, um die gut 1000 Abreisewilligen ans Festland zu bringen.

          Wieder gleichen sich die Bilder

          Von jeher wird Italien von Erdbeben heimgesucht. Die Untersuchungen der historischen Erdbeben von 1228 bis 1883 am Golf von Neapel zeigten, dass sich dort in etwa 2000 Meter Tiefe ein Magma-Becken langsam abkühle, erklärte der Präsident der Nationalen Vereinigung der Geomorphologen von der Universität Neapel, Micla Pennetta. Damit habe das jetzige Erdbeben auf Ischia eine andere Ursache als jene Beben im Apennin, die auf tektonische Bewegungen des Erdreichs zurückzuführen seien. Insgesamt lebten in Italien 21 Millionen Menschen in gefährdeten Regionen. Das wisse man, denn das werde regelmäßig wiederholt, aber es geschehe zu wenig zu ihrem Schutz, sagte Pennetta.

          Mindestens zwei Tote : Erdbeben auf italienischer Insel Ischia

          „Abusivismo“ ist für Sandro Simoncini, Dozent für Urbanistik an Roms Sapienza, wieder einmal das Wort der Stunde. Gerade in diesem gefährdeten Land werde besonders fahrlässig und im Bewusstsein aller Risiken gegen Baurecht verstoßen. „In Italien muss man bei einem Erdbeben sterben, das in anderen Teilen der Welt kaum Aufmerksamkeit erregen würde“, stellte Simoncini fest. Auf Ischia habe es besonders viel Bauspekulation gegeben und in vielen Fällen sei auch dort gebaut worden, wo es nach Recht und Menschenverstand keine Genehmigung hätte geben dürfen; oft auch noch unter Nutzung von Materialien und Techniken minderer Qualität, sagte Simoncini.

          Und wieder gleichen sich die Bilder: Noch in der Nacht retteten Feuerwehrleute ein sieben Monate altes Baby. Seine beiden Brüder konnten am Morgen wohlbehalten geborgen werden. „Es war eine schreckliche Nacht, die man mit Worten kaum beschreiben kann“, sagte der Vater in den besonders betroffenen Casamicciolo. Offenbar hatten sich die Kinder unter einem Bett „sicher versteckt“. Die schon wieder schwangere Mutter schrie vor Glück, als sie alle Kinder wieder bei sich hatte. Vor einem Jahr kamen ähnliche Berichte aus Amatrice und Accumoli. Dort sollen an diesem Mittwoch und Donnerstag weitere „Moduli“ übergeben werden, moderne Bungalows aus Holz und Glas, in denen die Opfer von damals nun endlich eine neue Zukunft bauen können.

          Quelle: F.A.Z.

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