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Eine Woche nach „Sandy“ New York zwischen Erholung und Verzweiflung

An der amerikanischen Ostküste bleiben Benzin und Heizöl weiterhin knapp. Hunderttausend Menschen sind immer noch ohne Strom. Die Temperaturen sinken. Es soll aber keine Beeinträchtigungen für die Präsidentschaftswahl geben.

© Polaris/laif Vergrößern Verwaltung des Mangels: Die New Yorker stehen stundenlang an, um knapp 40 Liter Benzin zu bekommen

Fast eine Woche, nachdem der Wirbelsturm Sandy über die amerikanische Ostküste hinweggefegt ist, kämpft die Region noch immer mit gewaltigen Lücken in der Versorgung mit Benzin, Heizöl und Strom. Zwar entspannte sich am Wochenende die Lage in manchen Gegenden, etwa im zentralen New Yorker Stadtteil Manhattan, der wieder fast vollständig mit Strom versorgt ist.

Roland Lindner Folgen:        

In anderen Teilen der Stadt und des Umlandes blieben aber Hunderttausende Menschen ohne Strom, und die Versorgungsunternehmen sahen sich zunehmender Kritik von Politikern wie Bürgermeister Michael Bloomberg oder Gouverneur Andrew Cuomo gegenüber. Da sich zudem die Temperaturen dem Gefrierpunkt nähern und ein neuer, allerdings bei weitem nicht so heftiger Sturm der Ostküste nähert, drohen noch unangenehme Tage für jene, die ohne Strom ausharren.

Derweil gab es vor vielen Tankstellen am Wochenende noch immer kilometerlange Schlangen von Autos. Der Bundesstaat New Jersey sah sich am Samstag zu einer Radikalmaßnahme gezwungen und rationierte Benzin. Autos mit Nummernschildern, die mit einer geraden Zahl enden, dürfen bis auf weiteres nur an Tagen mit einem geraden Datum aufgetankt werden, Autos mit ungeraden Zahlen sind bei ungeradem Datum an der Reihe.

Die Präsidentschaftswahl am Dienstag soll aber auf jeden Fall auch in den Katastrophengebieten stattfinden. Allerdings sind einige Wahllokale noch ohne Strom. Möglicherweise müssten die Stimmen dann in Zelten oder in Containern auf Militärlastwagen abgegeben werden.

Rund 400.000 Haushalte ohne Strom

Die Stadt New York kehrte am Wochenende ein Stück weit zur Normalität zurück. Rund 80 Prozent des U-Bahn-Systems waren wieder in Betrieb. Die Skyline, die im Südteil von Manhattan wegen ausgefallenen Stroms mehrere Nächte der vergangenen Woche dunkel blieb, war wieder fast vollständig erleuchtet.

In anderen Gegenden der Stadt wie Queens oder Staten Island und im New Yorker Umland bleibt die Lage aber zum Teil dramatisch. Auf Long Island vor New York etwa hatten am Sonntag morgen noch rund 400.000 Haushalte keinen Strom, im gesamten Bundesstaat New York sind es 700.000, in New Jersey gar 900.000 Häuser ohne Strom.Angesichts zunehmender Kälte mit Temperaturen, die nachts nahe am Gefrierpunkt liegen, wächst die Verzweiflung der Betroffenen in der Region und auch die Wut auf die Stromversorger.

Bürgermeister Bloomberg forderte die Menschen, deren Heizung nicht funktioniert, auf, eine der beheizten öffentlichen Unterkünfte aufzusuchen. Bloomberg griff den Stromversorger Long Island Power Authority scharf an und warf ihm vor, „nicht aggressiv genug“ gehandelt zu haben. Gouverneur Cuomo beschuldigte die Stromunternehmen der Region, nicht ausreichend vorbereitet für die Naturkatastrophe gewesen zu sein, und drohte ihnen mit Lizenzentzug. Er fürchtet zudem, dass 30 000 bis 40 000 New Yorker neue Behausungen brauchen - und das in einer Stadt, in der Wohnraum ohnehin knapp und teuer ist.

Chaos an den Tankstellen

Die Knappheit von Benzin und Heizöl hat unter anderem damit zu tun, dass der Wirbelsturm den Betrieb auf den Häfen der Region lahmgelegt hat. Außerdem hatten viele Tankstellen keinen Strom. Diejenigen Tankstellen, die in Betrieb waren, sahen sich einem heftigen Andrang von Autos gegenüber. Viele Fahrer warteten stundenlang vor Tankstellen, um dann festzustellen, dass das Benzin ausgegangen war, bevor sie an der Reihe waren.

Um die Tankstellen herum wurde oft der ganze Verkehr behindert, und es spielten sich chaotische Szenen ab. Vor einer Tankstelle in Queens wurde ein Mann festgenommen, der eine andere Person in der Schlange mit einer Waffe bedroht haben soll. Zusätzliches Chaos löste Cuomo am Samstag mit der Ankündigung aus, das amerikanische Verteidigungsministerium werde eine Handvoll mobiler Tankstellen in die Stadt bringen und Gratisbenzin verteilen.

Die Verteilstationen erlebten einen derartigen Andrang, dass Cuomo das Angebot zurücknahm und das Benzin auf Rettungsfahrzeuge beschränkt wurde. Der Gouverneur versprach, dass sich die Lage innerhalb der nächsten Tage entspannen werde. Mehr als 100 Millionen Liter Benzin seien auf dem Weg nach New York.

New York City Marathon runners carry relief supplies through a damaged neighborhood in the Staten Island borough of New York Nachdem der New York Marathon abgesagt wurde, beteiligten sich viele Läufer an Hilfsaktionen, hier in Staten Island © REUTERS Bilderstrecke 

Der wirtschaftliche Schaden des Wirbelsturms Sandy könnte allein im Bundesstaat New York 18 Milliarden Dollar erreichen, schätzte Thomas DiNapoli, der Vorsitzende des Rechnungshofes. „Unsere tägliche Infrastruktur von Straßen, Energie, Abwasser und Wasser sind alle von diesem Sturm betroffen“, sagte er in einer Mitteilung. Der Schaden werde immens sein, selbst wenn ein großer Teil durch Versicherungen oder von der Bundesregierung gedeckt werde.

Die von Sandy angerichteten Schäden haben auch Folgen für die Präsidentschaftswahlen am kommenden Dienstag. Viele Wahllokale in New York und New Jersey sind nicht betriebsbereit, weil sie beschädigt sind oder keinen Strom haben. In New York sollen daher am Dienstag in betroffenen Gegenden provisorische beheizte Zelte aufgestellt werden. Das benachbarte New Jersey will Wählern erlauben, ihre Stimmen über Email oder Fax abzugeben.

Weder in New York noch in New Jersey dürften diese Erschwernisse Auswirkungen auf den Wahlausgang haben - beide Bundesstaaten gelten klar als Revier der Demokratischen Partei und somit des Amtsinhabers Barack Obama. Konsequenzen könnte es allerdings bei vielen der gleichzeitig stattfindenden lokale Wahlen etwa für Posten im Senat geben.

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Quelle: F.A.Z.

 
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