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Sprengmeister im Interview : „Bei britischen Fliegerbomben besteht immer eine riesige Gefahr“

  • -Aktualisiert am

Eine Luftaufnahme der Fundstelle der Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg, nahe des Dresdner Hauptbahnhofs im Stadtteil Löbtau. Bild: AFP

Wie konnte es bei der Fliegerbombe in Dresden so weit kommen – und warum sind britische Bomben gefährlicher als amerikanische? FAZ.NET hat beim hessischen Kampfmittelräumdienst nachgefragt.

          In Dresden ist die Entschärfung einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg nicht geglückt. Sie endete mit einer Teilexplosion – verletzt wurde dabei niemand. Im Moment warten die Spezialisten darauf, dass die Bombe abkühlt, und beraten über das weitere Vorgehen. Nach Angaben der sächsischen Polizei besteht akute Explosionsgefahr. Das Wissen und Können der Experten vom sächsischen Kampfmittelräumdienst wird auf die Probe gestellt. René Bennert, Feuerwerker bei den hessischen Kollegen, erläutert die Hintergründe der aktuellen Situation.

          Wann hatten Sie zuletzt eine Bombe mit vergleichbarem Gefahrenpotenzial?

          So wie es aus den Medien hervorgeht, ist es eine britische Fliegerbombe. Bei denen besteht immer eine riesige Gefahr. Aus einem ganz einfachen Grund: der Zünder ist nicht sprengkräftig. Das heißt, wenn ich den Zünder entfernt habe, ist die Bombe noch lange nicht entschärft, weil auch der sogenannte Detonator gezogen werden muss. Den gleichen Fall hatten wir mit der großen „HC 4000“, ebenfalls eine britische Fliegerbombe, die wir im letzten Jahr in Frankfurt entschärft haben. Das kann man vergleichen.

          Die britische Fliegerbombe gehört also zu den gefährlichsten Bombentypen?

          Nein, das ist immer abhängig von den Zündsystemen. Wenn ich eine amerikanische Bombe mit einem sogenannten chemisch-mechanischen Langzeitzünder habe, ist das noch gefährlicher. Es ist immer davon abhängig, was ich vor Ort vorfinde, das kann man nicht pauschalisieren. Das Gefährdungspotenzial bei der Entschärfung ist insgesamt vielleicht etwas höher als bei einer amerikanischen Bombe, weil man eben zwei Arbeitsschritte hat.

          Wie kann es zu einem Funkenflug kommen, der schließlich in einer Explosion endet, wie es gerade in Dresden passiert ist?

          Das kann mehrere Gründe haben. Wie es in Dresden ist, weiß ich natürlich nicht. Aber wir haben einmal die sogenannte Raketenklemme, die mit einem Treibladungspulver gezündet wird, das auch etwas anderes entzünden kann. Zweitens können sich an der Bombe Nitrate bilden, die sich dann auch deflagrativ, also mit einem schnellen Abbrand, oder auch detonativ, also mit einer Explosion, umsetzen können. Das gilt allgemein, nicht nur auf diesen speziellen Typ in Dresden bezogen.

          Sie haben bereits zahlreiche Bombenentschärfungen miterlebt. Wie häufig kommt es denn vor, dass es zu einem Funkenflug kommt und ein Entschärfungsversuch mit einer Explosion endet?

          Bei uns ist es in dieser Form noch nicht vorgekommen, aber wie es generell aussieht, kann ich leider nicht sagen. Das hängt immer von der Umgebung ab und welche Materialien neben der Bombe herumliegen. Wenn ich dort Laub habe, kann es zum Beispiel ganz schnell passieren, dass sich dieses entzündet. Ich weiß nicht, wie es in Dresden aussieht, aber bei uns ist so etwas zum Glück – toi, toi, toi – noch nicht passiert.

          Wie lange kann es dauern, bis die Bombe abgekühlt ist und die Kollegen in Sachsen weiterarbeiten können?

          Das kommt ganz darauf an, welches Material da gerade brennt. Eine Bombe kann, alleine durch den Sprengstoff, durchaus mehrere Stunden brennen. Befindet sich im Umfeld noch anderes brennbares Material, das natürlich mitbrennt, dann kann das auch länger dauern. Man weiß zudem auch nicht, ob da eventuell ein Glutnest ist, das immer wieder aufflammen kann. In einer Situation wie dieser geht da ja keiner hin und überprüft das, weil die Bombe sich ja noch umsetzen, also explodieren, könnte.

          In Filmen sieht man meist einen Sprengmeister direkt bei der Bombe. In diesem Fall wurde eine Fernsteuerung eingesetzt. Wie ist hier das klassische Vorgehen – gibt es eine Technik, die meist angewandt wird?

          Die sogenannte Raketenklemme, die wohl eingesetzt wurde – ich weiß es natürlich nicht sicher – ist eine Klemme, die mechanisch auf den Zünder aufgesetzt wird. Dabei muss man also wirklich noch an der Bombe hantieren und erst danach wird diese aus der Deckung heraus elektronisch gezündet. Einfach, um unsere Sicherheit zu gewährleisten.

          Also ist es nicht so wie in der Vorstellung vieler, dass meist an der Bombe direkt gearbeitet wird?

          Nein, nicht immer, aber wie gesagt muss das Gerät ja auch angebracht werden und das ist der Zeitraum, in dem man vorne an der Bombe arbeitet. Außerdem muss man auch den Zünder erst einmal dementsprechend vorbereiten. Das sind alles Arbeiten, die man vorne an der Bombe tätigt.

          Nachdem der erste Entschärfungsversuch in Dresden abgebrochen wurde, hieß es, das Gefahrenpotenzial sei doch höher, als man anfangs dachte. Wie erkennt man: Jetzt ist es doch gefährlicher, als wir gedacht hätten?

          Das kann mehrere Ursachen haben, aber die logischste wäre, wenn man zum Beispiel sieht, dass sich die Zündnadel schon im Detonator befindet. Im Idealfall kann man dies schon von draußen sehen, das ist aber abhängig vom Zündsystem. Wenn das so ist, hat man das Problem, dass man bei der Entschärfung mechanische Arbeit auf den Detonator ausübt und sich die Bombe dabei detonativ umsetzen, also explodieren, kann. Aber was in Dresden nun speziell der Fall ist, kann ich Ihnen natürlich nicht sagen.

          René Bennert, Feuerwerker beim Kampfmittelräumdienst im Regierungspräsidium Darmstadt, ist zuständig für Bombenentschärfungen in ganz Hessen.

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