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Nach dem Hochhaus-Brand : Demonstranten stürmen Bezirksrathaus in London

Wütende Demonstranten in London Bild: AFP

Keine Sprinkleranlage, billiges Dämmmaterial: Nach dem verheerenden Brand im Grenfell-Hochhaus mischt sich in die Trauer allmählich Wut. Offenbar wäre besserer Brandschutz schon für 5000 Pfund mehr zu haben gewesen.

          In einer der kleinen Straßen im Schatten der Brandruine in Nord-Kensington steht im Parkverbot ein silberner Kleintransporter. An die Windschutzscheibe ist ein großes Stück Packpapier geheftet, das in unbeholfener Schrift darauf hinweist, dass dieser Wagen Mohamed Neda gehörte. „Mein Auto. Ich werde vermisst.“ Der afghanische Taxifahrer wohnte im zwanzigsten Stockwerk des Hochhauses, dessen verkohlte Ruine wie ein Mahnmal über den Dächern der kleinen Reihenhäuser herausragt. Neda muss vorgehabt haben, seinen Wagen am vergangenen Mittwoch vor 8.30 Uhr morgens wegzufahren. Andernfalls hätte er einen Strafzettel riskiert. Seine Kopfhörer baumeln am Armaturenbrett. Jemand hat einen Blumenstrauß zwischen die Scheibenwischer geklemmt.

          Mahnmal: Löscharbeiten an der völlig verkohlten Fassade des Grenfell-Hochhauses im Londoner Stadtteil Kensington.
          Mahnmal: Löscharbeiten an der völlig verkohlten Fassade des Grenfell-Hochhauses im Londoner Stadtteil Kensington. : Bild: dpa
          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          An der Motorhaube klebt eine Vermisstenanzeige mit einem Bild Nedas. Die ganze Umgebung ist gepflastert mit Aushängen dieser Art. An jedem Zaun, an jeder Mauer prangen Fotos von Vermissten, deren Angehörige und Freunde die Hoffnung nicht aufgeben wollen, dass sie aus dem flammenden Inferno gerettet werden konnten. Am Freitag haben die Behörden die Zahl der Todesopfer von siebzehn auf „mindestens dreißig“ angehoben. Zwölf Leichen seien geborgen worden, teilt der Einsatzleiter der Polizei mit. Er kann die genaue Opferzahl auch am dritten Tag nach dem Unglück nicht beziffern; er gesteht aber ein, dass sie im Sicherheit höher liegt als bislang angegeben.

          Die Fassade des Hochhauses ist komplett verkohlt. Bilderstrecke
          Brand in London : Hochhaus geht in Flammen auf

          Darauf lassen allein die Berichte von einigen der letzten verzweifelten Anrufe schließen, die von Bewohnern des Hochhauses kamen, bevor sie der Rauch und die Flammen übermannten. Zu ihnen zählt das junge italienische Architektenpaar, das sich in den frühen Morgenstunden von seinen Eltern verabschiedete, in der Gewissheit sterben zu müssen. Zwölf Menschen schweben am Freitag im Krankenhaus noch in Lebensgefahr. Die Polizei hatte am Donnerstag die Hoffnung geäußert, dass die Zahl der Toten nicht dreistellig werde.

          Während die ausgebrannten Wohnungen in den kommenden Wochen nach den Überresten der Toten durchforstet werden sollen, hat die Polizei Ermittlungen eingeleitet, um möglichst bald Antworten auf die dringlichen Fragen über die Brandursache sowie mögliche Versäumnisse und Pannen beim Brandschutz liefern zu können. Nach Auskunft des Einsatzleiters wird auch geprüft, ob Straftaten begangen worden sind.

          An dem Brand zeigt sich die Kluft zwischen Arm und Reich

          Beileid und Zorn vermengen sich in den Botschaften auf den sich ständig vermehrenden Trauertafeln vor einem Gemeindezentrum nahe dem Unglücksort. Aus dem bunten Patchwork von Aufschriften spricht die Wut der Menschen, die sich von den Behörden im Stich gelassen fühlen. „Vierhundert Millionen Pfund an öffentlichen Geldern für die Renovierung von Buckingham Palace aber kein Geld für Feuermelder und Sprinkleranlagen für das arme Volk“, empören sich mehrere Stimmen. „Gerechtigkeit für Grenfell“ und „Wir wollen Antworten“ fordern andere. Eine Aufschrift bringt die vielen Klagen auf den Punkt: „Feuerlöschschlauch entfernt. Keine Feuermelder. Keine Sprinkleranlagen. Keine Notausgänge – dies war eine Tragödie, die nicht geschehen musste in Britanniens reichstem Bezirk.“

          Hochhaus-Brand in London : Polizei rechnet nicht mehr mit Überlebenden

          Am heftigsten wird die für die Verwaltung des sozialen Wohnungsbaus in diesem Stadtteil verantwortliche Kensington and Chelsea Tenant Managing Organisation angegriffen, die wiederholte Warnungen über die Brandgefahr in dem Grenfell-Hochhaus nicht beachtet haben soll. Auf den Trauertafeln wird das Unternehmen, das auch die umstrittene Renovierung des Gebäudes beaufsichtigt hat, hemmungslos beschimpft. Die Regierung, der Gemeinderat des Stadtteils Kensington, die Verwaltungsorganisation und die an der Renovierung beteiligten Vertragsfirmen geraten zunehmend unter Druck wegen der Mängel und Versäumnisse, die durch dieses Unglück zutage getreten sind.

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