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Gestrandeter Frachter : Eine existenzielle Frage

Die „Glory Amsterdam“ liegt weiter vor der Insel Langeoog. Bild: Reuters

Nach der Havarie der „Glory Amsterdam“ wird über mögliche Versäumnisse debattiert. Niedersachsens Umweltminister spricht von menschlichem Versagen auf dem Frachter. An der Küste fühlen sich die Menschen aber von Bund und Ländern nicht ausreichend geschützt.

          Ralf Wandelt weiß, wie es sich anfühlt, bei tosendem Sturm im offenen Meer auf einem riesigen Frachter festzusitzen. Der heutige Dekan des Fachbereichs Seefahrt an der Jade Hochschule in Elsflet war selbst Nautischer Wachoffizier auf einem Schiff, das vor der Küste Großbritanniens von einem Sturm getroffen wurde. „Die Maschine hatte 18.000 PS, aber konnte nichts mehr ausrichten“, erzählt er. Gefährlich sei das normalerweise nicht. „Das kommt schon mal vor. Man braucht nur Platz.“

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Genau dieser Platz fehlte der „Glory Amsterdam“ am Sonntag, nachdem sie sich während des Herbststurms „Herwart“ von ihrem Ankerplatz in der Deutschen Bucht losgerissen hatte. Das für solche Fälle zuständige Havariekommando schaffte es nicht, den 225 Meter langen Massengutfrachter abzuschleppen. Der Havarist landete schließlich auf einer Sandbank vor der Nordseeinsel Langeoog – dort liegt er seitdem.

          Der Frachter hatte seine Ladung am Hamburger Hafen gelöscht und war in der Tiefwasserreede vor Anker gegangen. Ein normaler Vorgang, wenn ein Sturm aufzieht? Ralf Wandelt sagt: „Es ist durchaus üblich, bei schlechtem Wetter den Hafen zu verlassen, da kann so ein großes Schiff ja viel kaputt machen. Ob man dann unbedingt an einer relativ sensiblen Stelle in Küstennähe ankern muss, ist eine andere Frage.“

          „Glory Amsterdam“ : Havarie auf der Nordsee

          Die Bergung des Frachters kam am Mittwoch langsam voran. Eine erste Leinenverbindung zwischen dem Frachter und einem Schlepper wurde am Mittag hergestellt. Insgesamt sind Verbindungen zu zwei Schleppern notwendig, um die „Glory Amsterdam“ zu sichern, damit sie nicht weiter in Richtung Land getrieben wird. Dann sollen rund 20.000 Tonnen Ballastwasser von dem Frachter abgepumpt werden, um ihn leichter zu machen. Die Experten hoffen, die „Glory Amsterdam“ bis zum Wochenende bergen zu können.

          Unterdessen lief die Debatte über die Ursache der Havarie weiter. Nach Ansicht des niedersächsischen Umweltministers Stefan Wenzel (Grüne) war die Besatzung des Frachters zu schlecht ausgebildet. „Ich vermute, dass es hier menschliches Versagen gab, sonst hätte man ja auch nicht Experten übersetzen müssen.“ Weltweit müssten Schiffbesatzungen künftig besser ausgebildet sein und Schiffe sicherer gebaut werden. Zugleich wurde aber auch die Kritik am Havariekommando lauter, das dem Bund und den Küstenländern untersteht. Langeoogs Inselbürgermeister Uwe Garrels (parteilos) sagte: „Das Sicherheitskonzept muss dringend kritisch überprüft werden. Es hat sich gezeigt, dass es im Ernstfall nicht zündet.“ Für die Menschen auf den Nordseeinseln sei es eine existenzielle Frage, die Natur zu schützen. „Wir sind hier zu hundert Prozent vom Tourismus abhängig.“

          Die Anker konnten die Glory Amsterdam vor Langeoog nicht halten Bilderstrecke
          Die Anker konnten die Glory Amsterdam vor Langeoog nicht halten :

          Auch Ralf Wandelt von der Hochschule in Elsfleth sagte: „Das Notschleppkonzept kann verbessert werden. Es bräuchte mehr Schiffe und mehr Leute, die besser ausgebildet sind.“ Das aktuelle Konzept wurde als Reaktion auf die Havarie der „Pallas“ entwickelt, die 1998 nach mehreren missglückten Schleppversuchen im Wattenmeer strandete. Amrum und Föhr wurden mit Schweröl verunreinigt, rund 16.000 Seevögel verendeten.

          Das Havariekommando entschied sich am Dienstag dagegen, das Schweröl von der „Glory Amsterdam“ abzupumpen, weil die Gefahr einer Verunreinigung des Wassers dabei höher sei, als wenn man den Treibstoff im Tank lasse. Schweröl hat eine ähnliche Konsistenz wie Teer und müsste auf dem Schiff erst mal stark erhitzt werden, bevor man es abpumpen könnte.

          Der Vorsitzende des Verbandes der Deutschen Kutter- und Küstenfischer befürchtete am Mittwoch noch immer, dass es nun zu einer ähnlichen Katastrophe wie 1998 kommt. „Ich habe Angst, dass der Sand unter dem Frachter weggespült wird, das Schiff auseinanderbricht und die 1800 Tonnen Schweröl ins Meer laufen“, sagte Dirk Sander. „Das wäre der Supergau.“ Auch er stelle sich die Frage, ob die Maßnahmen zum Schutz des Wattenmeeres ausreichend sind. „Das war ja nun kein Jahrtausendsturm.“ Bürgermeister Garrels stimmte zu: „Der Sturm war nicht völlig außergewöhnlich.“ Im Gegensatz zu dem Fischer schätzte er die Situation aber als mittlerweile „stabil“ ein. „Es ist gut, dass man mit Bedacht vorgeht.“ Die Havarie der „Glory Amsterdam“ könne so im Rückblick vielleicht sogar zu einem „guten Unglück“ werden. „Aber dafür muss sie als Hinweis verstanden werden, dass das Sicherheitssystem nicht funktioniert.“

          Quelle: F.A.Z.

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