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„Costa Concordia“: Ein Jahr später „Wir wussten alle: Das geht unter“

 ·  Peter Roschke und Anneliese Kissling überlebten vor einem Jahr die Havarie der „Costa Concordia“. Übers Meer wollen sie auch weiterhin reisen.

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© AFP Vergrößern Sie liegt noch auf Grund: Das Wrack der Costa Concordia vor der Insel Giglio soll weiterhin gehoben werden

Es ist dieses Geräusch, das Peter Roschke bis heute im Ohr hat: ein langgezogenes, gequältes Kreischen. Heute, da er weiß, dass es sich so anhört, wenn Fels durch 70Meter Stahl schneidet, nennt er es den „Todesschrei“ des Schiffs. Der Unternehmer aus dem schwäbischen Weil im Schönbuch sitzt mit seiner Lebensgefährtin Anneliese Kissling gerade bei der Vorspeise im prunkvollen Speisesaal der Costa Concordia, als das Kreuzfahrtschiff am 13.Januar 2012 einen Felsen vor der italienischen Insel Giglio rammt.

Die beiden sind erfahrene Kreuzfahrer, Dutzende Male waren sie schon auf dem Meer unterwegs. Sie mögen die Abwechslung: jeden Morgen ein anderer Hafen, eine neue Stadt, ein unbekanntes Land. Der 13. Januar ist der letzte Abend ihrer Kreuzfahrt, Gala-Abend, doch nach Feiern ist in den Minuten nach dem kreischenden Geräusch, das eine heftige Erschütterung begleitet hat, keinem der speisenden Passagiere mehr zu Mute. Von den Tischen rutschen die Teller, die Gläser fallen aus den Schränken und von der Galerie des zweigeschossigen Speisesaals regnet es Capes und Handtaschen, während sich die Anwesenden hektisch auf den Weg nach draußen machen.

Ihnen ist sofort klar, dass etwas Schlimmes passiert sein muss, und sie folgen den anderen Passagieren nach oben, Richtung Kabine. „Genau so, wie wir das bei der Seenotrettungsübung gelernt haben“, sagt Anneliese Kissling: „Erst mal die Schwimmwesten anlegen.“ Sie erinnert sich vor allem an den Anblick der Treppen, die aus dem Speisesaal hinausführen: „Die Leute waren ja alle in Abendgarderobe. Und die Frauen konnten in ihren High Heels nicht rennen, also haben sie die ausgezogen. Überall lagen diese schönen, glitzernden Schuhe ganz verlassen herum.“

Die Erinnerung an die Schreie bleibt

Auf dem Weg zur Kabine wird es immer wieder dunkel. Crewmitglieder sprechen von „Problemen mit der Elektronik“, doch das Schiff neigt sich merklich zur Seite: „Wir wussten alle, das geht unter“, sagt Roschke. Sie holen nur die Schwimmwesten aus der Kabine und sind schnell wieder draußen bei den Rettungsbooten. Dort schaukelt sich die Stimmung schnell hoch: Weinende Frauen reichen ihre Kinder durch die Menge, damit sie als erstes ins Rettungsboot gelangen, Männer versuchen, sich mit Gewalt Zugang zu den Booten zu verschaffen, werden aber von Crewmitgliedern zurückgehalten. Die wiederum warten auf Anweisungen des Kapitäns, die nicht kommen. „Das waren Küchenhilfen und Reinigungskräfte, die da die Ordnung aufrecht erhalten haben“, erinnert sich Roschke. „Von den Offizieren weit und breit keine Spur.“ Eine Dreiviertelstunde dauert es, bis der Kapitän endlich einen Notruf an die Küstenwache absetzt.

Bis zum Beginn der Evakuierung vergeht weitere wertvolle Zeit, in der den Passagieren vorgegaukelt wird, es sei alles nicht so schlimm. „Da waren Crewmitglieder, die haben gesagt, ziehen Sie Ihre Schwimmwesten aus und gehen Sie ins Theater“, erzählt Roschke. Das Theater liegt weit unten im Schiff. „Die haben die Leute quasi in den Tod geschickt.“

Irgendwann gibt es endlich Anweisung, die Rettungsboote zu Wasser zu lassen. Das Boot, in dem Peter Roschke und Anneliese Kissling sitzen, will sich wie viele andere zunächst nicht aus der Verankerung lösen, mit Bootshaken können sie es losschlagen. Auf der Fahrt zur rettenden Insel Giglio dominieren zwiespältige Gefühle. „Einerseits waren wir unglaublich froh, gerettet zu sein“, sagt Roschke. „Andererseits war da dieses nagende Bewusstsein, dass andere Menschen auf dem Schiff vielleicht sterben würden.“ Die Erinnerung an die Schreie derjenigen, die noch an der Rehling auf Rettung warteten, raubt den beiden bisweilen noch heute den Schlaf.

Der Costa-Reederei sind sie als Kunden verloren gegangen

Von der Insel ist ihnen neben dem Chaos hauptsächlich die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung in Erinnerung geblieben. Der Priester verteilt Messgewänder und Altartücher an die frierenden Schiffbrüchigen, das einzige Café am Ort öffnet seine Türen, Bewohner bringen Bettwäsche und Decken. „Strukturen für die Rettung gab es gar keine, auf der Insel wohnten zu der Zeit ja kaum Menschen“, sagt Roschke. Eine Odyssee mit klapprigen Fähren und Spezialbussen bringt sie schließlich zurück nach Hause.

Enttäuscht sind sie im Rückblick vor allem von der Reaktion der Reederei auf das Unglück: „Von denen kam gar nichts. Irgendwann mal ein Brief, wenn man eine Entschädigung haben wolle, solle man das innerhalb einer Woche entscheiden.“ Sie haben die Entschädigung akzeptiert, auf jahrelange Prozesse hatten sie keine Lust. Doch auch von den deutschen Behörden fühlen sie sich allein gelassen. Auf dem Festland organisierten Angehörige anderer Botschaften finanzielle und psychologische Hilfe, einen deutschen Botschaftsangehörigen hätten sie dort nicht zu Gesicht bekommen.

Zweimal habe die Botschaft in den folgenden Tagen angerufen. Anneliese Kissling stehe auf der Vermisstenliste. Ob sie denn tatsächlich noch lebe? „Aber wir hatten noch Glück“, findet Roschke. Andere hätten die Unterstützung dringender benötigt. Eine Bekannte des Paars brach wenige Tage nach dem Unglück zusammen. „Da hat keiner gefragt, ob sie Hilfe braucht, nicht die Reederei, nicht die Botschaft.“

Kreuzfahrten wollen die beiden trotzdem weiterhin machen, auch, um mit den Erlebnissen vor einem Jahr abzuschließen. Doch der Costa-Reederei sind sie als Kunden verloren gegangen. Die Havarie hätten sie verwinden können, doch nur Tage nach dem Unglück fuhr das Schwesterschiff der gestrandeten Costa Concordia auf derselben Route ganz nahe am Wrack vorbei. „Andere Leute gaffen lassen, wo kurz zuvor Menschen gestorben sind“, sagt Roschke. „Das ist einfach nur unanständig.“

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