Home
http://www.faz.net/-gup-74ou6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Concorde-Prozess Fahrlässig, aber nicht schuldhaft

Ein französisches Berufungsgericht hat die Fluglinie Continental von der strafrechtlichen Verantwortung für die Concorde-Katastrophe freigesprochen. Bei dem Unglück waren vor zwölf Jahren 113 Menschen ums Leben gekommen.

© dapd Vergrößern Noch während des Starts in Paris entzündete sich der Treibstofftank der Concorde.

Fahrlässigkeit, Schlamperei, Pflichtunterlassung - aber keine strafrechtliche Verurteilung. Das ist das Ergebnis des Berufungsprozesses nach dem Absturz der Concorde vor mehr als zwölf Jahren, bei dem nahe Paris 113 Menschen umkamen. Das Berufungsgericht von Versailles sprach die Fluggesellschaft Continental Airlines, zwei ihrer Mitarbeiter sowie einen früheren hohen Beamten der Flugbehörde DGAC von jeder strafrechtlichen Verantwortung frei. Zivilrechtlich wurde Continental dazu verurteilt, der Air France eine Million Euro Schadenersatz zu zahlen.

Christian Schubert Folgen:      

Das Gericht folgte in weiten Teilen der Einschätzung des erstinstanzlichen Gerichts, nach dem eine 40 Zentimeter lange Titan-Lamelle einer Continental-Maschine das Unglück verursacht hatte. Flugzeugmechaniker John Taylor hatte sie schlampig und regelwidrig an einer DC-10 von Continental angebracht. Das hatte am 25. Juli 2000 fatale Konsequenzen: Vier Minuten nachdem das Metallteil von der DC-10 abgefallen war, fuhr die startende Concorde darüber. Das Teil zerriss einen Reifen, die herumfliegenden Teile führten zur Explosion eines Kerosintanks. Zwei Minuten nach dem Start der schon brennenden Concorde stürzte die Maschine in ein Hotel. Unter den Todesopfern waren 97 Deutsche.

Mehr zum Thema

Das Gericht der ersten Instanz hatte Taylor vor zwei Jahren zu einer Freiheitsstrafe von 15 Monaten auf Bewährung verurteilt. Diese Strafe hob das Berufungsgericht nun auf, denn dem Mechaniker seien die Risiken seiner Vorgehensweise nicht ausreichend bewusst gewesen. Er sowie sein direkter Vorgesetzter Stanley Ford hätten zwar nachlässig gearbeitet, doch daraus lasse sich weder für sie noch für den Arbeitgeber Continental eine strafrechtliche Schuld ableiten.

Harsche Kritik hatte das Gericht jedoch für die Behörden übrig, die für die Concorde verantwortlich waren. Es sei „inakzeptabel“ gewesen, dass der Concorde nicht das Zertifikat der Flugtauglichkeit entzogen worden sei. Dabei gab es genügend Warnungen: Zahlreiche Beinahe-Unfälle, angefangen bei einem Vorfall mit geplatzten Reifen 1979, hätten schwere Risiken aufgezeigt. Die Fluguntersuchungsbehörde BEA forderte aber so gut wie keine zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen.

Auch politischen Druck habe es gegeben, denn die Concorde war für Frankreich und Großbritannien, die beiden Hersteller-Nationen, ein Prestigeprojekt. Doch mit den Jahren erwies sich die Maschine als wirtschaftlicher Misserfolg. Ihre Unterhaltung wurde immer teurer. Aus „rein finanziellen Gründen“ wurde die Ausrüstung mit stärkeren Reifen aufgegeben, meint das Gericht. Auch die einst geplante Verstärkung der Kerosintanks wurde nie realisiert. „Die Maschine hätte nie fliegen dürfen. Doch die französischen Politiker waren zu stolz, sich das einzugestehen“, sagte der Verteidiger von Continental, Oliver Metzner.

Die Kritik traf auch den bei der DGAC für die Sicherheit zuständigen Beamten Claude Frantzen. Der 75 Jahre alte Franzose handelte nach Ansicht des Berufungsgerichts zwischen 1979 und 1994 mehrfach nachlässig, indem er die Sicherheitsbedenken beiseite schob. Der Staatsanwalt hatte zwar eine Bewährungsstrafe von 18 Monaten gefordert, doch auch hier reichte es nicht für eine strafrechtliche Schuld. Selbst wenn Frantzen den Entzug der Flugtauglichkeits-Lizenz gefordert hätte, sei es nicht bewiesen, dass die Generaldirektion seiner Behörde ihm gefolgt wäre.

Die Aufarbeitung des Concorde-Absturzes ist noch nicht beendet. In einem abgetrennten Verfahren wird das Berufungsgericht Anfang kommenden Jahres über den Concorde-Chefingenieur Jacques Herubel urteilen.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Falsche Zeugenaussage Amerikaner saß 39 Jahre unschuldig im Gefängnis

39 Jahre lang saß Ricky Jackson unschuldig in Haft. Seine Verurteilung stütze sich auf die Aussage eines Zwölfjährigen. Nun hat sich herausgestellt, dass das Kind damals gelogen hatte. Mehr

22.11.2014, 10:50 Uhr | Gesellschaft
Heidrun Anschlag Verurteilte Spionin aus Russland durfte ausreisen

Jahrelang hat die Agentin Heidrun Anschlag in Deutschland für den russischen Geheimdienst spioniert. 2013 wurde sie deshalb zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Trotzdem durfte sie nun ausreisen. Angeblich hat Moskau einen Deal finanziert. Mehr

22.11.2014, 10:10 Uhr | Politik
Ägypten Gericht stellt Verfahren gegen Mubarak ein

Sie waren angeklagt, die Tötung von Hunderten Demonstranten angeordnet zu haben: Nun hat ein Gericht in Kairo das Verfahren gegen den früheren Präsidenten Husni Mubarak und seinen damaligen Innenminister eingestellt. Mehr

29.11.2014, 10:31 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 29.11.2012, 14:56 Uhr

Nach der Nervenklinik Creed-Sänger Stapp ist obdachlos

Creed-Sänger Scott Stapp wohnt in seinem Auto, Sänger Pharrell Williams hat eine eigene Meinung zu den Geschehnissen in Ferguson und Bette Midler entschuldigt sich bei Ariana Grande für eine verbale Entgleisung – der Smalltalk. Mehr 5

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden