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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Christchurch Der Garten hängt schief, das Haus ist verwüstet

 ·  In Neuseeland hat die Erde gebebt. 65 Menschen sind ums Leben gekommen, bis zu 200 werden noch vermisst. Die Deutsche Anke Richter, die seit Jahren mit ihrer Familie bei Christchurch lebt, berichtet von einem erschütternden Tag.

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Das war ein Tag! Wir haben kein Strom, kein Internet, kein Wasser. Unser Haus ist verwüstet, die Fensterscheiben sind kaputt. Wir werden jetzt gleich im Auto schlafen, hier vor dem Haus. Es regnet, es ist schon dunkel, und mit meinem Handy bekomme ich keine Verbindung, das Netz ist zusammengebrochen. Nur das Handy meines Mannes funktioniert: Es ist gerade, abgesehen vom Autoradio, unsere einzige Verbindung zur Außenwelt.

Was uns heute passiert ist, das ist die größte Katastrophe, die Christchurch je erlebt hat. Es war um kurz vor ein Uhr mittags hier in Neuseeland, also mitten in der Nacht in Deutschland. Dass die Erde mal wieder bebt, ist ganz normal. Seit dem großen Erdbeben im September haben wir das oft erlebt. Man sagt „Huch“ und „Aha“, guckt sich erschrocken an, und dann geht das Leben weiter. Jetzt ging es aber plötzlich richtig los.

Als es zu rütteln begann, bin ich sofort unter den Tisch

Ich war in einer Arztpraxis in Christchurch, schon im Behandlungszimmer. Als es zu rütteln begann, bin ich sofort unter den Tisch. Ich fand das nicht so furchtbar, es hat mich nicht so mitgenommen. Der Arzt blieb stehen, mitten im Raum, und hat sich sehr gefürchtet. Ich merkte erst, wie schrecklich es war, als ich sah, wie der Rest der Praxis aussah, wie die Frauen da herumliefen und nicht wussten wohin. Jemand rief: „Wir müssen raus, wir müssen raus.“ Eine andere rief in Panik: „Oh Gott, wo sind meine Kinder?!“

Ich bin gleich ins Auto gestiegen, denn ich war nur zehn Minuten von der Schule meiner beiden Söhne entfernt. Man muss es wirklich so sagen: Die Straßen blubberten, sie waren weich. Der Teer war aufgebrochen. Es war noch Bewegung in der Straßendecke. Da kamen Schlamm und Wasser raus, es gab überall Pfützen und Lachen. Man nennt das „liquefaction“, der Boden verflüssigt sich. Sand und Wasser machen den Boden instabil. Ganze Stadtviertel verschlammen, Häuser sacken ein. Es war so, als ob ganz Christchurch auf Gelee säße. Im Auto fühlt sich das an, als ob man über eine wabbelige Masse führe.

Meine Jungs sind neun und 13 Jahre alt

Ich habe mich irgendwie zur Schule durchnavigiert. Da herrschte Chaos, die Eltern kamen herbei, Schüler und Lehrer waren noch unter Schock. Meine Jungs sind neun und 13 Jahre alt. Die Schulen machen schon immer und erst recht seit dem Tag des großen Bebens am 4. September, das Datum vergisst man auch nicht so schnell, ihre „earthquake drills“. Die Kinder sind also gut vorbereitet, sie ducken sich, halten die Hände über den Kopf und laufen nach draußen. Das hat auch alles gut geklappt. Der Jüngere war verheult, der Älteste hat es gut weggesteckt.

Mein Mann war auf einem Medizinerkongress in der Innenstadt von Christchurch. 160 Urologen aus aller Welt saßen in einem großen Saal, als es rumpelte. Alle hatten es gerade nach draußen geschafft, als plötzlich die großen gläsernen Leuchter von der Decke krachten. Draußen sahen sie, wie gegenüber, auf der anderen Straßenseite, die Decke eines Cafés eingebrochen war, in dem Leute saßen.

Es waren Szenen wie nach dem 11. September

In der Innenstadt herrscht Chaos, es ist verheerend. Es waren Szenen wie nach dem 11. September. Autos, die blinkend und hupend herumfahren, weil sie Verletzte zum Krankenhaus bringen wollen. An vielen Ecken brennt es. Verletzte, die Verbände um den Kopf gewickelt haben. Die Armee ist im Einsatz. Aber das Krankenhaus ist nicht zerstört und kann die Verletzten behandeln.

Es ist so absurd: Das Beben war nicht so stark wie das vom September, aber die Schäden sind viel schlimmer, weil das Beben nicht so tief unter der Erde war, weil es tagsüber passierte, und weil es näher dran war an der Stadt. Unser hübscher kleiner malerischer historischer Hafen-Vorort Lyttelton ist auch noch das Epizentrum dieses Bebens. Wir haben stundenlang gezittert, wie es bei uns zu Hause aussehen würde. Lyttelton ist mit Christchurch durch einen Tunnel verbunden. Der Tunnel wird bei Beben vorsichtshalber sofort geschlossen – auch zum Beispiel am Boxing Day nach Weihnachten, als es auch ein Beben gab. Also mussten wir auf Umwegen durch die Berge und über eine Passstraße fahren. Das dauerte drei Stunden.

Im Haus ist alles umgefallen, es sieht aus wie ein Schrottplatz

Der Anblick unseres Hauses war schrecklich, obwohl wir ja noch gut bei alledem weggekommen sind. Die Fenster sind zerstört, im Haus ist alles umgefallen, es sieht aus wie ein Schrottplatz, mein Büro ist ein einziger Haufen aus Akten, Büchern, Möbeln, Regalen. Das Haus kann man zwar betreten. Aber darin schlafen: nein. Das würde sich ungemütlich anfühlen, oder besser: unheimlich. Alle paar Minuten oder Stunden gibt es Nachbeben.

Es ist ein altes Holzhaus, ein cottage, das ist eigentlich sicherer bei Erschütterungen. Jetzt kann man teilweise durch die Lücken gucken. Das Holz hat sich verzogen. Das Haus hat Risse im Putz. Der Kamin ist in die Küche gestürzt und hat vieles mitgerissen. Mein Mann ist schon mit der Leiter aufs Dach, weil der Regen ins Wohnzimmer geht. Es ist schrecklich – aber was für ein Glück, dass wir überlebt haben!

Mein Mann wollte gleich wieder zurück in die Stadt

Der Garten hängt schief. Das Haus und das Grundstück sind abgesackt in alle Richtungen. Im Garten haben wir einen alten Eisenbahnwaggon, in dem normalerweise Gäste übernachten. Der ist ein Stück den Hang heruntergerutscht und hat dabei Abflussrohre aus der Erde gerissen. Die Wasserversorgung wird ohnehin das größte Problem in nächster Zeit sein, wegen all der zerstörten Leitungen. Bis das wieder hergestellt ist – das kann Wochen dauern.

Mein Mann wollte gleich wieder zurück in die Stadt, ins Krankenhaus, um zu helfen, aber ich habe ihn bekniet, dass er hier bleibt, wir haben schließlich auch eine Familie. Jetzt ist er eben hier im Ort ins Gemeindezentrum gegangen und hat seine Hilfe angeboten. Im Ort ist alles ruhig, keiner ist auf der Straße, und es herrscht Totenstille, bis auf den Regen. Auch Christchurch ist ja evakuiert. Wer ein Ferienhaus hat, fährt raus. Die Solidarität ist groß. Viele haben schon angerufen und uns eine Unterkunft angeboten. Im Radio bieten die Menschen ihre Hilfe an. Jammerschade ist es für unseren schönen Ort. Fürs kommende Wochenende war das „Lyttelton Summer Festival“ geplant. Und jetzt sieht dieser Ort mit den vielen zerstörten Häusern aus wie eine kaputte Geisterstadt. Dieser schöne Flecken Erde, so lädiert! Ich hoffe, dass die Neuseeländer jetzt so bleiben, wie sie sind – mit ihrer positiven Grundeinstellung, mit ihrem Händchen fürs Praktische und mit ihrem Gemeinschaftssinn.

Im Garten steht ein Zelt, darin schlafen Gäste aus Amerika

Wir sitzen jetzt in unserem kleinen Campingbus, hier schlafe ich mit meinem Mann. Die Kinder sind im anderen Auto direkt nebenan. Im Garten steht ein Zelt, darin schlafen Gäste aus Amerika, die mit dem Programm „Willing Workers on Organic Farms“ gekommen sind, freiwillige Helfer, die hier in unserem Garten und an Projekten mitarbeiten sollten. Die waren für heute angesagt und haben es auch wirklich hierher geschafft. Jetzt können sie beim Aufräumen helfen.

Wir hatten natürlich viel zu wenig vorgesorgt, obwohl wir vorgewarnt waren. Immerhin hatten wir die Autos halbwegs vollgetankt. Seit September haben wir brav unsere Erdbeben-Kiste neben dem Haus stehen. Aber da sind gerade einmal drei Liter Wasser drin und ein paar Konservendosen. Wir hatten aber zum Beispiel im Auto kein Wasser. Aus dem Hahn kommt nichts mehr. Beim letzten Beben habe ich das alles noch sportlich genommen, weil wir auch selbst nicht so betroffen waren. Mittlerweile ist es nicht mehr so lustig. Und wenn ich an die Nachbeben denke, die noch kommen werden: Wer beim großen Beben verschont geblieben ist, der ist nach ein paar Wochen wegen all der Erschütterungen trotzdem mit den Nerven am Ende.

Aufgezeichnet von Alfons Kaiser.

Anke Richter, geboren 1964, lebt mit ihrer Familie bei Christchurch. Von der Journalistin, die auch für diese Zeitung über Neuseeland und Polynesien schreibt, erscheint gerade das Buch „Was scheren mich die Schafe“. Als sie nach dem Beben am Dienstag nach Hause kam, lag die Neuerscheinung im Briefkasten.

Quelle: F.A.Z.
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