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Buenos Aires Kaum Fortschritte nach Bahnunglück

 ·  Vor einem Jahr starben in Argentinien 51 Menschen bei einem Zugunglück. Es wurden weder ernsthafte Ermittlungen aufgenommen, noch Entschädigungen für die Verletzten gezahlt. Über ein korruptes System.

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© AP Vergrößern Gedenken: eine Wand mit Fotos der Verstorbenen am Bahnhof in Once

Es war ein strahlender Sonnentag im Sommer auf der Südhalbkugel, als vor einem Jahr am 22. Februar in den frühen Morgenstunden ein Eisenbahn-Vorortzug nahezu ungebremst in den Bahnhof Once in Buenos Aires fuhr. Der Aufprall war so stark, dass die Passagiere in den ersten Waggons wie in einer Sardinenbüchse zusammengepresst wurden. 51 Personen kamen ums Leben, mehr als 700 wurden verletzt. Es war der größte Eisenbahnunfall seit einem halben Jahrhundert in Argentinien. Die Ursache war mit großer Wahrscheinlichkeit Versagen der Bremsen des Unglückszuges. Das gesamte Eisenbahnnetz im Großraum von Buenos Aires befindet sich seit Jahren in einem miserablen Zustand.

Seit dem schweren Unglück hat sich nicht viel getan. Die Ermittlungen sind nur wenig vorangekommen oder gar behindert worden. Ein wichtiger Zeuge - der Lokomotivführer, der die Triebwagengarnitur seinem bei dem Unglück schwerverletzten Kollegen zuvor übergeben hatte - ist kürzlich an einer Bushaltestelle von Unbekannten erschossen worden. Dass nur sein Handy, nicht jedoch sein Bargeld geraubt wurde, könnte darauf hindeuten, dass sein Tod mit den Untersuchungen in Verbindung steht. Er hatte über Probleme mit den Bremsen bei den ersten Fahrten des Triebzuges am Unglücksmorgen berichtet.

Die Strafprozesse könnten noch bis zu acht Jahre dauern

Gegen die politisch Verantwortlichen, besonders den damaligen Transportstaatssekretär Juan Pablo Schiavi und dessen Vorgänger Ricardo Jaime, sowie die Betreiber der betroffenen Eisenbahnlinie ermittelt zwar die Justiz, doch hat sie bislang noch keine Ergebnisse vorgelegt. Die Betreffenden gelten nicht als Beschuldigte, ihnen wurde lediglich untersagt, das Land zu verlassen. Die Angehörigen der 51 Toten und die Überlebenden fühlen sich alleingelassen. Mit Entschädigungen können sie erst rechnen, wenn die Strafprozesse abgeschlossen sind. Und das könne noch sechs bis acht Jahre dauern, sagen ihre Anwälte.

Die Vorwürfe richten sich vor allem gegen die Regierung von Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner wegen des lässigen Umgangs mit den Subventionen für die privaten Eisenbahnbetriebe und die mangelnde Kontrolle über die Verwendung der Gelder. Tatsächlich ist von den Mitteln - zwischen 2003 und 2010 umgerechnet fast 300 Millionen Euro - so gut wie nichts in die Instandhaltung oder Erneuerung des Schienennetzes und Wagenparks geflossen. Angeblich habe das Geld nur dazu gereicht, den laufenden Betrieb aufrecht zu erhalten, ließen die Betreiber verlauten. Offenbar ist ein Großteil der Subventionen jedoch in die Korruption geflossen. Auch nach der Katastrophe kam es immer wieder zu Zwischenfällen.

Inzwischen hat Präsidentin Kirchner das Transportwesen Innenminister Florencio Randazzo unterstellt. Er verkündet immer neue Pläne zur Sanierung der Vorortbahnen, macht aber auch Rückzieher, weil es in absehbarer Zeit weder in organisatorischer noch in finanzieller Hinsicht zu schaffen ist, die Züge in einem halbwegs sicheren und bequemen Transportsystem verkehren zu lassen. Das gesamte Schienennetz, sämtliche Signaleinrichtungen, praktisch alle Bahnhöfe und Straßenübergänge sowie der gesamte Wagenpark müssen erneuert werden.

Inzwischen ist aber so etwas wie ein Erneuerungswettstreit und Konkurrenzkampf mit der Stadt Buenos Aires entstanden, der die Nationalregierung die Untergrundbahn, die „Subte“, angedient hat. Der Eifer, rasch Erfolge vorzuweisen, könnte hier wie da die Sanierung beschleunigen. Um zu suggerieren, dass es vorangehe, hat Randazzo einige Züge herrichten, von Graffiti-Schmierereien befreien und neu streichen lassen. Buenos Aires ersetzt derzeit die 100 Jahre alten Metro-Züge der Linie A durch moderne, in China gebaute Garnituren, die allerdings noch von der Nationalregierung erworben wurden.

Bei dem Unglück vor einem Jahr hatte Frau Kirchner erst am Tag danach ihr „tiefes Bedauern“ ausgedrückt und drei Tage Staatstrauer verhängt, sich dann aber in ihr Refugium in der patagonischen Provinz Santa Cruz zurückgezogen und tagelang in Schweigen gehüllt. Sie gedachte ihrem verstorbenen Gatten in dessen pompösen Mausoleum in Río Gallegos. Er wäre in jenen Tagen 62 Jahre alt geworden. Erst eine knappe Woche nach dem Unglück forderte die Staatschefin öffentlich die Justiz auf, das Geschehen aufzuklären.

Ganz anders reagierte die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff, als Ende Januar in der südbrasilianischen Stadt Santa Maria eine Diskothek ausbrannte und nach neuesten Angaben 239 Personen getötet und Hunderte verletzt wurden. Rousseff reiste am selben Tag an den Katastrophenort und versuchte unter Tränen, die Angehörigen der Opfer zu trösten. Ein Beobachter beschrieb sie als „empfindsame und ehrliche Person, wie man sie unter Politikern heute selten findet“.

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21.02.2013, 22:49 Uhr

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