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Veröffentlicht: 15.06.2017, 12:53 Uhr

Hochhaus-Brand in London „Diese Platten einzubauen, das wäre geradezu fahrlässig“

Warum hat sich das Feuer in dem Londoner Hochhaus so schnell über alle Stockwerke ausgebreitet? Es könnte an dem Material liegen, mit dem die Fassade 2016 verkleidet wurde.

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© Reuters Das Feuer erfasste alle Stockwerke in dem Hochhaus in London.

Am Morgen des 25. Novembers 2014 brach in einem 23-stöckigen Hochhaus im australischen Melbourne ein Feuer aus. Der Brand wurde laut einer Analyse der Feuerwehr von einer Zigarette ausgelöst, die auf einem Balkon im achten Stock in einen Plastikbehälter geschmissen wurde, und breitete sich innerhalb von fünfzehn Minuten bis ins 21. Stockwerk aus. Rund 500 Menschen wurden aus dem Hochhaus gerettet, es gab weder Todesopfer zu beklagen, noch Schwerverletzte zu versorgen.

Sebastian Eder Folgen:

Vielleicht hätten aber noch mehr Leben gerettet werden können, wären aus diesem Brand die richtigen Schlüsse gezogen worden. Laut einem Bericht des „Guardian“ wurde das Grenfell Hochhaus in London, das in der Nacht auf Mittwoch in Flammen aufging, 2016 mit demselben Material verkleidet, das das Feuer in Melbourne 2014 so beschleunigt hatte. Die Fassade war damals laut der Untersuchung der Feuerwehr mit Aluminium-Verbundplatten mit einem Polyethylen-Kern verkleidet. „Dieselbe Art wurde auch in London verwendet“, schreibt der „Guardian“. Aluminium-Verbundplatten sind ein billiger Baustoff, der auf der ganzen Welt genutzt wird und auch schon in Frankreich, den Arabischen Emiraten, Südkorea und Amerika bei Gebäudebränden eine Rolle gespielt haben soll.

© AFP, reuters Hochhaus-Brand in London: Feuerwehr sucht nach Toten und Vermissten

In dem Bericht der australischen Feuerwehr über den Brand von 2014 heißt es: „Die schnelle vertikale Ausbreitung des Feuers scheint direkt mit der brennbaren Außenfassade des Gebäudes in Verbindung zu stehen.“ Der Melbourner Feuerwehrchef sagte nach dem Brand: „In 30 Jahren habe ich noch nie ein Feuer gesehen, das sich so schnell ausgebreitet hat.“ In London beobachteten Experten ähnliches: „Das Feuer ist sehr schnell über die Fassade gelaufen, die Fassaden müssen brennbar gewesen sein“, sagte der Leiter der Frankfurter Feuerwehr, Reinhard Ries. Deswegen sei das ganze Gebäude dem Feuer sehr schnell zum Opfer gefallen.

„Viel zu gefährlich und geradezu fahrlässig“

Harald Bruckmüller ist Geschäftsführer der Firma „Concenta“, die in Österreich Aluminium-Verbundplatten verkauft. Bei ihm haben Kunden verschiedene Optionen: Sie können entweder für 80 Euro pro Quadratmeter Platten in „nicht brennbarer Qualität“ kaufen, der Kern besteht dann „aus einem hellen mineralischen Material“. Für etwa den halben Preis gibt es Platten mit einem Polyethylen-Kern, ein Standard-Kunststoff, der sonst vor allem für Verpackungen benutzt wird. „Für Häuser, die nicht mehr als sieben Stockwerke haben, kann man die gut nutzen. Aber diese Platten in Hochhäuser einzubauen, wäre in Österreich nicht vorstellbar, das ist verboten, wäre viel zu gefährlich und geradezu fahrlässig“, sagt Bruckmüller.

46984389 Londoner Helden: Mehr als 60 Menschen retteten Feuerwehrleute aus den Flammen. © AP Bilderstrecke 

Nach dem Brand in Melbourne untersuchten australische Experten das Material sehr genau: „Es wurde festgestellt, dass die Außenwand-Verkleidung brennbar war“, hieß es in einem Bericht der Stadt. In australischen Medien war danach die Rede von dem „versteckten Killer in australischen Gebäuden“. Der Fernsehsender „ABC“ berichtete: „13 Stockwerke sind wegen der billigen Außenverkleidung in 15 Minuten in Flammen aufgegangen. Und dieses Material wird wahrscheinlich in tausenden Gebäuden in Australien verwendet.“

Bis heute wird über den Fall in Australien diskutiert, der Vorsitzende eines Komitees des Senats, das den Gebrauch von brennbaren Materialien untersucht, sagte am Donnerstag, dass die Tragödie in London ein „Weckruf“ sei. „Wenn unsere Feuerwehrleute sagen, dass ihr Job wegen dieser brennbaren Verkleidung extrem erschwert wird, müssen wir sofort handeln.“

Die britische Premierministerin Theresa May hat eine umfassende unabhängige Untersuchung des verheerenden Hochhausbrands angeordnet. „Wir müssen wissen, was passiert ist, wir brauchen eine Erklärung“, sagte sie am Donnerstag. „Das schulden wir den Familien, den Menschen, die ihre Lieben und ihr Zuhause verloren haben.“

Berliner Feuerwehr fordert schärfere Vorschriften

In Deutschland müssen zumindest Bewohner von Hochhäusern ein Szenario wie in London nicht fürchten: An Häusern, die über 22 Meter hoch sind, sind nicht brennbare Fassaden vorgeschrieben. „In Europa sind wir die einzigen, die diese strengen Regeln haben“, sagte der Frankfurter Feuerwehrchef Ries. „Wenn die Fassade brennbar ist, ist ein Feuer kaum aufzuhalten.“

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Der Berliner Landesbranddirektor Wilfried Gräfling kritisierte am Donnerstag im RBB-Inforadio, dass bei Häusern mit einer Höhe von weniger als 22 Metern auch brennbares Dämmmaterial erlaubt sei. „Das bemängeln wir als Feuerwehr, weil wir da schon schlechte Erfahrungen gemacht haben – nicht hier in Berlin, aber schon in anderen Städten.“

Die Baufirma Rydon, die für die Sanierung des 24-stöckigen Grenfell Towers in London zuständig war, hatte am Mittwoch erklärt, dass bei dem Projekt alle erforderlichen Brandschutz-Bestimmungen und Sicherheitsstandards eingehalten worden seien. Es sind diese Standards, über die jetzt diskutiert werden wird. Für den Leiter der Frankfurter Feuerwehr ist klar, was die Konsequenz aus dem Brand in London sein muss: „Es müssen endlich auch international brennbare Außenfassen bei Hochhäusern tabu werden.“

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