„Ich habe gleich gewußt, da ist etwas Schlimmes passiert“, sagt die alte Frau hinter der Kuchentheke. „Einen lauten Knall“ hat die Verkäuferin im Bäckerladen in Bad Reichenhall gehört, am Montag nachmittag gegen 16 Uhr: „Ich dachte an einen Autounfall.“
Doch kurz darauf haben auch schon Bekannte angerufen, das Dach der Eislaufhalle in der Münchner Allee sei eingestürzt. Die Halle liegt gleich hinter der nächsten Häuserzeile. „Aber ich konnte ja hier nicht weg, der Laden war ja offen.“ Die Straße, in der die Bäckerei liegt, heißt Frühlingstraße. Aber an diesem Dienstag morgen türmen sich auf dem Gehweg vor dem Schaufenster Berge von schwerem, nassen Neuschnee meterhoch auf. Und es schneit noch immer, hier im Berchtesgadener Land, ganz im südöstlichsten Zipfel Bayerns nahe der österreichischen Grenze. Es will gar nicht hell werden über Bad Reichenhall an diesem Januartag.
Ein unwirklicher Anblick
Zwei Minuten entfernt vom Bäckerladen ist es in der Nacht zuvor nicht dunkel geworden. Wie ein riesiges plattgedrücktes V ragte das in der Mitte zusammengebrochene Dach der Eislaufhalle im kalten Licht der Scheinwerfer in den Nachthimmel. Der chaotische Haufen aus den geborstenen Metall- und Holzteilen der Dachkonstruktion lag taghell erleuchtet da. Die gewaltigen mannshohen Holzträger, auf denen das Dach ruhte, sind wie Streichhölzer unter den Schneemassen weggeknickt. Ein unwirklicher Anblick in dem malerisch verschneiten ruhigen Wohnviertel.
Mit Schaufeln, Schubkarren und mit bloßen Händen haben die Retter die ganze Nacht durch Trümmer abgeräumt. Um die unter dem Dach eingeschlossenen Opfer nicht zu gefährden, wurde kein schweres Räumgerät eingesetzt. Niemand wußte, wieviele Menschenleben hier noch zu retten waren. „Experten mit Erfahrung in Erdbebengebieten sagen uns, daß dort Menschen noch nach drei oder vier Tagen lebend geborgen wurden“, sagt am nächsten Morgen ein Mann vom Roten Kreuz. Aber wie lange kann ein Mensch gefangen auf dem blanken Eis überleben? „Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben“, sagt der Mann vom Roten Kreuz.
Die schlimmste Nacht ihres Lebens
Mit Spürhunden versuchen die Helfer, die Eingeschlossenen zu finden. In den Rundfunknachrichten heißt es, die Retter hätten mitten in der Nacht ein kleines Mädchen aus dem Trümmerhaufen geborgen. Lebend, körperlich unversehrt. Ein Wunder sei das, sagen die Passanten, die am Dienstag morgen hinter den rotweißen Absperrbändern an der Münchner Straße stehen. Etwa 700 Helfer waren in den ersten Stunden an Ort und Stelle. Die Männer und Frauen von der Feuerwehr, dem Roten Kreuz und vom Technischen Hilfswerk wurden aus ganz Bayern zusammengezogen. Am Dienstag morgen sind viele von ihnen noch immer im Einsatz. Graue Gesichter. In der Schule nebenan haben die Angehörigen der noch immer Vermißten die schlimmste Nacht ihres Lebens hinter sich. Hier ist ein Betreuungszentrum für die Wartenden eingerichtet. „Es ist die Hölle“, sagt Landrat Georg Grabner. „Unbeschreiblich“ sei es, was die Angehörigen der Opfer in dieser Nacht, schwankend zwischen Hoffnung und Verzweiflung, durchgemacht hätten.
Doch den Vormittag über werden keine weiteren Opfer geborgen. Neun Tote sind bis dahin gefunden worden. Sechs Kinder, Jungen und Mädchen zwischen neun und zwölf Jahren, zwei Jugendliche und eine Frau. Mindestens sechs weitere Besucher der Eislaufbahn werden noch vermißt. Am frühen Nachmittag dann schwindet die Hoffnung: Zwei weitere Opfer können nur noch tot geborgen werden. Wegen Einsturzgefahr übernimmt am Nachmittag ein auf schwierige Bergungen spezialisiertes Unternehmen die weiteren Arbeiten.
Mitgefühl hat Vorrang
Das Entsetzen ist auch auf den Pressekonferenzen im Landratsamt mit Händen greifbar. Ministerpräsident Edmund Stoiber und Bundeswirtschaftsminister Michael Glos sind gekommen. Mit feuchten Augen versucht Wolfgang Heitmeier, der Bürgermeister von Bad Reichenhall, Haltung zu bewahren. Landrat Grabner leitet mit tonloser Stimme die Konferenz. Es sei jetzt nicht die Stunde, nach Schuldigen für die Katastrophe zu suchen, sagen die Politiker. Das Mitgefühl mit Opfern und Angehörigen habe an diesem Tag Vorrang.
Doch die Fragen sind quälend: Hätten durch eine rechtzeitige Räumung der Halle nicht Menschenleben gerettet werden können? Das Dach stürzte gegen 16 Uhr am Nachmittag ein. Schon rund eine halbe Stunde vorher hatte allerdings der örtliche Eishockeyclub sein für 16.30 Uhr angesetzes Training abgesagt. Begründung: Das Dach drohe unter der Schneelast zusammenzubrechen. Warum wurde dann nicht auch sofort das Nachmittagspublikum vom Eis geholt?
Einsturz „nicht absehbar“
„Für uns ging es bei der Absage darum, die Sicherheitsgrenzen nicht auszureizen“, ringt Bürgermeister Heitmeier um eine Erklärung. Solche Sperrungen der Halle habe es auch schon früher gegeben. Der Einsturz aber sei „nicht absebhar“ gewesen. Noch am späten Montagvormittag sei die Schneehöhe auf dem Dach bestimmt worden. Baufachleute und Statiker hätten sie als unbedenklich eingestuft. „Wir lagen weit unter der zulässigen Grenze“, beteuert Heitmeier.
So mancher Bürger in Bad Reichenhall reagiert dennoch mit Kopfschütteln auf das Unglück: „Es war doch bekannt, was das für eine Bruchbude war“, wettert ein Passant. „Um die Fußgängerzone herzurichten, ist Geld da, aber nicht für so etwas.“ Auf einem Schnäppchenmarkt in der Halle habe es „von allen Seiten reingeregnet“, erinnert sich eine andere Bürgerin. „Ich habe es selbst gesehen.“
Ermittlungen aufgenommen
Bürgermeister Heitmeier gibt zwar zu, daß die 1972 gebaute Halle sanierungsbedürftig gewesen sei. „Aber dabei ging es ausschließlich um die technische Ausrüstung.“ Sachverständige hätten die Halle noch vor rund zwei Jahren untersucht: „Die Fachleute haben festgestellt, daß am Gebäude nur Schönheitsaufwendungen nötig sind“, verteidigt er das Vorgehen der Stadt. Die Staatsanwaltschaft hat mittlerweile zwar Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung aufgenommen. Sie stünden aber noch ganz am Anfang, sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Helmut Vordermayer am Dienstag.
Weitgehend klar scheint dagegen, daß es nur Minuten waren, die über Leben und Tod auf dem Eis entschieden: Die reguläre Öffnungszeit der Halle endete ohnehin um 16 Uhr. Wäre das Dach nur zehn Minuten später eingestürzt, die Eisfläche wäre möglicherweise schon frei gewesen. „Ich frage mich, warum der da oben so etwas zuläßt“, sagt ein alter Mann, der am Unfallort vorbeikommt. Er zeigt mit dem Daumen in den grauen Winterhimmel. Es will einfach nicht aufhören zu schneien.
SCHNEE AUF DÄCHERN
Henrico Roberto (henmrob)
- 03.01.2006, 21:24 Uhr
Die Lobby spricht nicht von Eishallen
A. Ro-Nori (Steuerzahler)
- 03.01.2006, 23:46 Uhr