Die erste Welle war geradezu atemberaubend schön - noch war nicht klar, welche Zerstörung sie anrichten würde. Es war gegen elf Uhr am Sonntag morgen, als sie den Strand von Ko Lanta traf, einer Insel vor Südthailand, 60 Kilometer vom Urlauberzentrum Phuket entfernt. Ich bin als Urlauber hier, nicht als Tourist, bin nicht Beobachter, sondern Betroffener. Einer, der viel Glück gehabt hat.
Es war ein ruhiger, sonniger Tag, die Temperatur schon am frühen Vormittag mehr als 30 Grad, die Andamanensee ruhig wie ein warmes Binnengewässer. Ich sah die Welle von Strand aus: eine einzige Welle, gerade wie eine sorgfältig gebügelte Falte im Meer, die den ganzen Horizont einnahm und sich lautlos auf das Ufer zuschob. Das Wasser am Strand zog sich zurück, als die Welle näher kam. Sie war vielleicht drei oder vier Meter hoch, als sie brach und sich mit lautem Tosen überschlug, keine 20 Meter vom Strand entfernt.
Die dritte Welle war am größten
Die Urlauber, die das Spektakel bis dahin atemlos und erstarrt verfolgt hatten, fingen an zu rennen. Die Angestellten der kleinen Ferienanlage aus Bambushütten schrien aufgeregt Warnrufe auf Thailändisch. Das Wasser überschwemmte nur einen kleinen Teil der Anlage, dann zog es sich wieder zurück. Es schien wie ein aufregendes, aber harmloses Spektakel, einige fingen schon an, aufzuräumen, bis ein paar Minuten später die zweite Welle kam. Das Wasser schoß auf den Strand und über den Rasenplatz, wir rannten wieder die Straße hinauf. Mehrere Hütten direkt am Strand brachen zusammen, ein Boot aus Holz, um die fünf Meter lang, wurde auf die Straße geschleudert.
Als sich die zweite Welle zurückgezogen hatte, versuchten die, deren Hütten noch standen, ihre Habseligkeiten zu retten. Kurz darauf jedoch brach eine dritte Welle herein: Die Leute, die am Schnorcheln waren, wurden an den Strand gespült. Und wer beim Sonnenbaden war, wurde ins Meer gezogen. Nun kam endgültig Panik auf, zumal jede Welle größer schien als die zuvor. Urlauber rannten eine Anhöhe hinauf, in den Händen das, was sie eilig zusammengerafft hatten. Touristen und Thailänder sammelten sich zunächst bei einer hoch gelegenen Medizinstation. Ein französischer Tourist, der sich auf der Flucht vor den Fluten einen tiefen Riß quer über den Rücken zugezogen hatte, wurde notdürftig von anderen Touristen versorgt.
Alle wollen Quartiere auf den Hügeln
Bald schon brachten die Betreiber von Ferienanlagen Wasser und Obst heran, um das Ausharren in der sengenden Hitze zu erleichtern. Polizei oder Ordnungskräfte waren nicht zu sehen. Es dauerte über eine Stunde, bis die Medizinstation öffnete und sich der ausnahmslos Leichtverletzten annahm. Ein Paar aus Italien brachte seinen vielleicht acht Jahre alten Sohn auf die Station; der Junge war vor Erschöpfung zusammengebrochen. Ihr ganzes Hotel sei weggespült worden, erzählte die Mutter, eine Frau sei gestorben.
Die Betreiber der teueren Anlagen hatten erstaunlich schnell Ausweichquartiere für ihre Gäste organisiert, andere harren noch am frühen Abend auf dem Hügel aus. Höher gelegene Quartiere sind am begehrtesten, da keiner weiß, ob mit weiteren Wellen zu rechnen ist.
Alle wollen weg, aber das ist kaum möglich
Mindestens 168 Menschen sollen in Thailand in den fünf bis zehn Meter hohen Wellen ums Leben gekommen sein, mehr als 1900 wurden verletzt. Mit am schwersten verwüstet ist auf Phuket der Strand von Patong, wo mindestens 32 Menschen ums Leben kommen und 500 verletzt werden. In Thailand hätte die Bilanz weit schlimmer ausfallen können, da die Katastrophe das Land auf dem Höhepunkt der Feriensaison ereilt. Aber viele Touristen sind zum Zeitpunkt der Flut noch beim Frühstück. Andere werden von lauten Rufen und Schreien aus dem Schlaf geweckt.
Doch wie groß der Schaden und der Verlust an Menschenleben ist, kann noch keiner sagen. Schließlich sind die tödlichen Fluten über einige der schönsten und beliebtesten Ferienorte Thailands geschwappt. Und kein Staat Südostasiens lockt mehr Urlauber an als Thailand. Jedes Jahr besuchen rund zehn Millionen Touristen das Land, die meisten über Weihnachten und Neujahr. Auf Phi Phi, wo der Film "The Beach" mit Leonardo di Caprio gedreht wurde, wurden allein 200 Bungalows ins Meer gespült - einige davon zusammen mit Bewohnern und Hotelangestellten. Alle wollen nur so schnell wie möglich weg von der Insel: Aber dafür ist die See auch noch Stunden nach der Flutwelle viel zu rauh.