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Waldbrände in Russland Für viele ist Putin ein Brandstifter

04.08.2010 ·  Offiziell sind bislang 48 Menschen in den mehr als 800 Bränden in Russland umgekommen. Ministerpräsident Putin hat Entschädigungen angekündigt. Seine Kritiker werfen ihm allerdings vor, er trage selbst die Hauptschuld.

Von Kerstin Holm, Moskau
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Die Wald- und Torfbrände in Russland breiten sich weiter aus. Am Mittwoch waren mehr als 800 Brände gemeldet, die mittlerweile eine Fläche von 188 000 Hektar verwüstet haben. Die Zahl der Todesopfer liegt offiziell bei 48. Die Führung der Streitkräfte bestätigte, dass auch eine Nachschubbasis der Marine in Kolomna südöstlich von Moskau in Flammen aufgegangen sei. Mehrere Flugzeuge seien zerstört worden. Präsident Dmitrij Medwedew entließ daraufhin mehrere ranghohe Offiziere „wegen disziplinarrechtlicher Verstöße“. In einer Fernsehansprache sagte Medwedjew, er habe wegen des Vorfalls zudem den Oberbefehlshaber der Marine Wladimir Wysozki und dessen Stellvertreter Alexander Tatarinow abgemahnt. Der Präsident hatte für eine Krisensitzung des Nationalen Sicherheitsrates seinen Urlaub unterbrochen.

Wegen heranrückender Waldbrände ist unterdessen nach offiziellen Angaben auch alles radioaktive Material aus der Atomanlage in Sarow abgezogen. Das Risiko eines atomaren Unfalls in dem etwa 500 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Komplex bestehe mithin nicht mehr, sagte am Mittwoch der Leiter der russischen Atomenergiebehörde Rosatom, Sergej Kirjenko. Die Anlage in Sarow, bekannt unter dem Tarnnamen Arsamas-16, wurde unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg als geheimes Atomwaffen-Forschungszentrum errichtet. Dort werden noch immer Atomwaffen gebaut. Die Flammen befanden sich am Mittwoch etwa vier Kilometer vor den ersten Gebäuden der gewaltigen Anlage. Auf dem Gelände hatte es nach Funkenflug schon an mehreren Stellen lichterloh gebrannt. Hubschrauberbesatzungen des Katastrophenministeriums hätten die Brände jedoch gelöscht, meldete die Behörde am Mittwoch. Zu Verstärkung der Feuerwehren seien zudem 500 Soldaten nach Sarow abkommandiert worden.

Moskau ist in Rauch gehüllt

Seit der Nacht zum Mittwoch ist auch die Hauptstadt Moskau vollends in Rauch gehüllt. Autofahrer schalten tagsüber das Abblendlicht ein. Selbst in einigen Metrostationen riecht es verkohlt. Nicht wenige Passagiere tragen Atemmasken. Tags zuvor war im westlich der Hauptstadt gelegenen Naturschutzpark „Lossinyj ostrow“ (Elchinsel) ein Feuer ausgebrochen, das aber nach einigen Stunden erstickt werden konnte. Auf dem im Südosten gelegenen Flughafen Domodedowo kam es wegen schlechter Sicht zu Verspätungen. Einige Flüge mussten auf die Nachbarflughäfen Wnukowo und Scheremetjewo umgeleitet werden. Ministerpräsident Wladimir Putin hat angekündigt, Angehörige von Todesopfern erhielten umgerechnet 25 000 Euro Entschädigung. Wer sein Haus verloren habe, bekomme umgerechnet 50 000 Euro. Der Wiederaufbau zerstörter Wohnhäuser werde mit Videokameras rund um die Uhr überwacht, damit es nicht zu korrupten Machenschaften komme. Kritiker Putins sind allerdings der Meinung, Putin selbst trage die Hauptschuld an der Brandkatastrophe. Mit dem von Umweltschützern heftig kritisierten „Waldkodex“, der 2007 unter seiner Präsidentschaft mit viel Lobbyarbeit durch die Duma gebracht worden sei, habe er genau jene dezentralen Forstinspektionen abgeschafft, die mit ihren zahlreichen kleinen Flugzeugen Brandherde schnell orten und bekämpfen konnten.

Verantwortlich für die russischen Wälder sind seither zum einen die Pächter, die aber, wie auch das Beispiel des Waldes in Chimki in der Nähe Moskaus zeigt, sie oft bloß abholzen wollen. Zudem stehen jetzt offiziell die Regionalverwaltungen in der Verantwortung. Sie sind aber im Brandfall oft weit vom Geschehen, und für eine wirksame Brandverhütung fehlen ihnen Ausrüstung und Personal. Das Katastrophenministerium mit seiner satellitengestützten Überwachung der Wälder und seinen großen Flugzeugen reagiert meist zu schwerfällig – jedenfalls viel langsamer als früher die ortskundigen Kräfte der betreffenden Region. Eine Studie des Keldysch-Instituts für angewandte Mathematik der russischen Akademie der Wissenschaften hatte schon vor zwei Jahren konstatiert, jeder heiße, trockene Sommer könne für das Land zur Katastrophe werden. Die jetzt von den Flammen erfassten Flächen seien im Vergleich zu früheren Jahren nicht einmal besonders groß, schreibt die „Nesawissimaja gaseta“. Vor vier Jahren etwa seien 19 Millionen Hektar Wald verbrannt. Doch das sei im dünn besiedelten Sibirien gewesen, weshalb das öffentliche Echo gering geblieben sei.

Jetzt brennt der europäische Landesteil. Es sei wie Krieg, berichtet der Tschetschenien-Schriftsteller Arkadi Babtschenko aus der Waldregion Mordowien 400 Kilometer östlich von Moskau. Die Zugfahrt dorthin habe zur Hälfte durch brennende oder schon verbrannte Wälder geführt. Die sterbenden Dörfer – in der weitgehend verlassenen Region leben fast nur noch alte Leute – seien von einer näherrückenden, tief gestaffelten Feuerfront eingekreist. Eine Feuerwehr gebe es nicht. Wer Glück im Unglück habe, dem hülfen Nachbarn mit Eimern beim Löschen. Seinem Heimatdorf sei jetzt obendrein noch zeitweilig das Wasser abgestellt worden, berichtet Babtschenko, weil einige Bewohner ihre Rechnungen nicht bezahlt hätten. Wenn abends in den Fernsehnachrichten die Erfolgsmeldungen ausgestrahlt würden, höre man im ganzen Dorf jedenfalls nur noch wilde Flüche.

Russland meldet jetzt schon 800 Brände.
Fachleute geben dem Ministerpräsidenten die Schuld. Er habe die
effektiven Forstinspektionen abgeschafft.
Von Kerstin Holm

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Jahrgang 1958, Feuilletonkorrespondentin in Moskau.

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