31.01.2008 · Die schweren Schneefälle haben zur Hauptreisezeit in China ein Chaos ausgelöst: Eine Million Menschen strandete am Bahnhof von Guangzhou. Die Wanderarbeiten haben meist nur einmal im Jahr die Gelegenheit, ihre Familien zu sehen - traditionell zum Neujahrsfest am 7. Februar.
Von Petra Kolonko, PekingDrei Tage lang saß die hochschwangere Chu Honglin in einem eiskalten Überlandbus in der zentralchinesischen Provinz Hunan fest. Schnee und Eis hatten die Straßen blockiert und den Verkehr zum Erliegen gebracht. Mehrere Kilometer musste ihr Mann jeden Tag laufen, um etwas Verpflegung in der Umgebung zu besorgen. Endlich konnten die Businsassen die Polizei auf sich aufmerksam machen. Die junge Frau kam mit dem Rettungswagen gerade noch rechtzeitig zur Entbindung ins Krankenhaus.
Die Geschichte der Wanderarbeiterin aus Hunan mit ihrem Kind, das Zhongsheng („in der Menge geboren“) genannt wurde, ist eine von vielen, die in diesen Tagen die Chinesen rühren. Das Schneechaos, das die südlichen und zentralen Provinzen Chinas lahmlegt, trifft die Armen am härtesten. Zweihundert Millionen Wanderarbeiter sind dieser Tage nach Hause unterwegs und für viele wird die lange erwartete Heimreise zu einem Albtraum.
Denkbar schlechteste Zeit für Verkehrschaos und Stromausfälle
Tausende sitzen tagelang in unbeheizten Zügen, haben nichts zu essen und kein Wasser. Manche machen sich in ihrer Verzweiflung zu Fuß auf den Weg über verschneite Straßen, andere drängeln sich stundenlang an den Fahrkartenschaltern der Bahnhöfe, um doch noch eine Fahrkarte für die wenigen noch verkehrenden Züge zu erhalten. Andere werden in Zelten auf den Bahnhofvorplätzen untergebracht.
Es ist die denkbar schlechteste Zeit für Verkehrschaos und Stromausfälle in China. Einmal im Jahr, zum chinesischen Neujahrsfest, fahren die Wanderarbeiter in ihre Heimatdörfer, bepackt mit Geschenken, den Lohn des Jahres und das Ersparte gut versteckt am Körper. Einmal im Jahr nur sehen die meisten Wanderarbeiter ihre Angehörigen und ihre Freunde in den Dörfern. Den Neujahrsabend, der dieses Jahr auf den 6. Februar fällt, muss man zu Hause verbringen und im Kreis der Verwandten mit Böllern und viel Essen das neue Jahr zu begrüßen, so verlangt es das chinesische Brauchtum.
Die Rückkehr zum Neujahrsfest führt in China zu einer Reisewelle ohnegleichen. Schon in Jahren mit normalen Wetterverhältnissen sind die Züge, Überlandbusse und Flugzeuge zu dieser Zeit ausgebucht, bilden sich in Bahnhöfen und Busstationen endlose Schlangen von bäuerlichen Arbeitern, aber auch bessergestellten städtischen Angestellten, die von auswärts stammen. Mit dem Bündel auf dem Kopf oder der gewaltigen Reisetasche in der Hand stehen sie für eine Fahrkarte an oder warten darauf, überhaupt in den Bahnhof eingelassen zu werden.
Schneefall verursacht Schaden von 3,2 Milliarden Euro
Der größte Schneefall seit 50 Jahren hat besonders die südlichen Provinzen Guangdong, Hunan, Guizhou, Anhui und Jiangxi getroffen. Dass man dort auf Schnee nicht eingestellt ist, hat die Lage noch zusätzlich verschärft. Soldaten wurden eingesetzt, um Straßen zu räumen. Selbst die Metropole Shanghai, die im Winter sonst ein mildes Wetter und allenfalls Regen kennt, ist mit Schnee bedeckt. Dort wurde der meiste Schnee seit vier Jahrzehnten verzeichnet.
In der südchinesischen Metropole Guangzhou saßen bis zu 800.000 Reisende fest. Am Flughafen der Stadt warteten 14.000 Passagiere. Am Donnerstag konnten einige Züge wieder fahren. Da in einigen Bahnhöfen zudem auch noch der Strom ausgefallen ist, mussten Generatoren aufgestellt werden, damit die Wartenden nicht zu sehr frieren. Sechs Flugplätze sind geschlossen, bis zum Donnerstag waren 64 Menschen in dem Schneechaos umgekommen, 150.000 Häuser sind eingestützt. 1,6 Millionen Personen mussten ihre Häuser verlassen, 30 Millionen sind von Stromausfällen betroffen. Das alles verursacht einen wirtschaftlichen Schaden von umgerechnet 3,2 Milliarden Euro.
Besserung ist nicht in Sicht. Die staatlichen Wetterämter teilen mit, es könne in den nächsten drei Tagen noch mehr Schnee im Süden geben, und der Leiter des Wetteramts empfahl den Wanderarbeitern, diesmal lieber nicht nach Hause zu fahren. In der Hauptstadt Peking, die keinerlei Niederschlag hatte, haben ohnehin schon viele ihre Reisepläne aufgegeben. Studenten und Arbeiter aus den Provinzen sind tief enttäuscht. Es gibt kaum Zugfahrkarten zu kaufen, und die Flüge in den Süden sind schon lange ausgebucht. Viele Flüge fallen aus, weil Flughäfen im Süden geschlossen sind.
„Ich verstehe, dass ihr schnell nach Hause wollt“
Die verhinderte Heimreise zum Neujahrsfest ist für die Chinesen eine Katastrophe. Die Regierung hat dies erkannt, gibt sich besorgt und spricht Trost zu. Nachdem das Politbüro der Partei dem Thema eine Sondersitzung gewidmet hatte, reiste Ministerpräsident Wen Jiabao in den Süden, musste selbst wegen Schnees eine Umleitung in Kauf nehmen und zeigte sich schließlich den erstaunten Wartenden zuerst im Bahnhof von Changsha und dann in Guangzhou. „Ich verstehe, dass ihr schnell nach Hause wollt“, sagte der Ministerpräsident, „wir werden das Stromnetz wieder in Ordnung bringen und die Verkehrswege wieder öffnen, damit ihr alle möglichst schnell weiterreisen könnt.“ Der Ministerpräsident besuchte auch die Angehörigen dreier Arbeiter, die beim Schneeräumen ums Leben gekommen waren. Die Lage in Guangzhou entspannte sich am Donnerstag etwas.
Das Chaos zu Beginn des Olympia-Jahres ist eine Blamage für die chinesische Regierung, zeigt es doch eine Schwäche, die so gar nicht ins Bild der großen Wirtschaftsmacht China passen will. Zudem torpediert der Schneefall die Bemühungen der Regierung, die Lebensmittelpreise zu kontrollieren. Im Süden ist die Winterernte gefährdet. Das könnte zu weiteren Preissteigerungen beim Getreide führen.
Immerhin rückt die Schneekatastrophe wieder einmal die schwierige Lage der Wanderarbeiter in den Mittelpunkt. Manche stellen die Frage, ob Chinas Usus, den Wanderarbeitern nur einmal im Jahr zu Neujahr ein paar Tage freizugeben, nicht falsch sei. Man solle doch darüber nachdenken, den Wanderarbeiter auch flexibel bezahlten Urlaub zu gewähren, damit sich nicht alle auf einmal in ihre Heimatort aufmachten. Vor allem aber müsse man den Wanderarbeitern erlauben, ihre Kinder in die Städte zu bringen und sie dort in der Schule anzumelden. Wenn die Familien vereint seien, brauche niemand mehr zum Frühlingsfest so weit zu fahren, hieß es in einem Kommentar der „Beijing Times“.
Frau Kolonkos Kritik an der Regierung Chinas
peter haeckl (whitefang)
- 01.02.2008, 04:29 Uhr
Rahmstorf hilf!
Detlef Symietz (Symietz)
- 01.02.2008, 11:38 Uhr