02.10.2009 · Es ist eine gespenstische Szenerie in Padang, der indonesischen Erdbeben-Stadt. Viele Hotels sind geschlossen, der Flughafen gähnend leer, es gibt keinen Strom. Nur auf den Straßen dieses unglaubliche Gewühl, weil alle draußen sind. Weil alle Angst haben vor dem, was noch kommen könnte.
Von Christoph Hein, PadangEs ist eine gespenstische Szenerie in Padang, der indonesischen Stadt, die binnen 24 Stunden zwei Mal von starken Erdbeben heimgesucht wurde. Die meisten Häuser sind an diesem späten Donnerstag abend ohne Licht. Überall in den Außenbezirken der 800.000-Einwohner-Stadt ist es stockdunkel. Die Menschen haben vor den Häusern Reifen angezündet, um etwas zu sehen. Denn sie sind ohnehin alle draußen, auf den Straßen, aus Angst vor einem abermaligen Beben, das sie in dieser Nacht noch treffen könnte.
Im matten Schein der lodernden Feuer stehen sie und unterhalten sich, wenn sie nicht gerade unterwegs sind - fort, aus der Stadt hinaus, oder hin zu den Tankstellen, den größten Anziehungspunkten in dieser Stadt an diesem Tag. Auf der rechten Spur der Ausfallstraßen stehen sie schon Hunderte Meter vor den Tankstellen mit ihren Autos und Mopeds in der Schlange, um auch noch an die Zapfsäulen zu kommen. Seit dem Beben hatten die Tankstellen geschlossen. Wahrscheinlich wollen sie alle vorsorgen, für die Flucht, oder einfach nur, weil sie befürchten, dass es nach einem abermaligen Beben wieder kein Benzin und keinen Diesel gibt.
Eine seltsame Dynamik
Und so kommt es, dass an diesem Tag eins nach einem Beben, bei dem nach neuesten Schätzungen der Vereinten Nationen mindestens 1100 Menschen ums Leben gekommen sind, in der Stadt der Toten viele Staus herrschen und so viele Menschen unterwegs sind wie im morgendlichen Berufsverkehr einer südostasiatischen Metropole - was den surrealen Szenen zerstörter Häuser und ratlos herumstehender Menschen einen eigenartigen Gegensatz von rasender Dynamik hinzufügt.
In den Außenbezirken sind die meisten Häuser äußerlich unbeschadet - die meisten der zerstörten Gebäude stehen in der Innenstadt. Und wie in so vielen erdbebengefährdeten Städten, wie in Istanbul oder auch in Kairo, sind die alten Häuser noch intakt, während die Neubauten in sich zusammengefallen sind wie Kartenhäuser, die großen Gebäude der letzten Jahre und Jahrzehnte, die schlecht gebaut sind. Stehen geblieben sind die traditionellen Holzhäuser, die stabiler sind und nicht schnell zusammengeschustert.
Ein Bild der Verwüstung
Die Stadt zieht sich über viele Kilometer am Indischen Ozean entlang. Schon allein die Größe des von der Katastrophe heimgesuchten Gebiets macht es den Rettungs- und Hilfskräften jetzt so schwer. Manche Gegenden, die nur ein paar Kilometer hinauf in Richtung Medan liegen, sind schon abgelegen und können nicht erreicht werden. Hilfsorganisationen berichten, dass sich ihnen in den am stärksten zerstörten Straßen ein Bild der Verwüstung geboten habe, wie sie es nicht einmal in dieser Gegend je gesehen haben, obwohl hier dauernd Beben zu spüren sind.
Gesundheitsministerin Siti Fadilah Supari meinte sogar, die Folgen könnten schlimmer sein als bei dem Beben vor drei Jahren auf Java, als in Yogyakarta 5800 Menschen umgekommen und 150.000 Häuser zerstört worden waren. Präsident Susilo Bambang Yudhoyono eilte persönlich nach Padang, um sich ein Bild von der Zerstörung zu machen. Die Katastrophenbehörde nimmt an, dass noch Tausende Menschen verschüttet sind, dass Zehntausende Menschen durch die Beben obdachlos wurden. Armee und Polizei waren mit Baggern und Presslufthämmern im Einsatz. Aber die Hilfsarbeiten werden auch durch die Zerstörung der Infrastruktur behindert: Viele Straßen wurden durch Erdrutsche verschüttet und sind unpassierbar geworden. Auch Brücken sind kaputt. Auch die Wasser- und Telefonleitungen sind unterbrochen, die Handynetze teils überlastet, was den Helfern die Organisation erschwert.
Angst vor weiteren Beben
Und dann ist da noch die Angst vor weiteren Beben. Das zweite Beben am Donnerstag, dessen Epizentrum weiter südlich lag, war zwar nicht so stark und hat dementsprechend keine größeren Schäden verursacht. Aber es brach auch nach dem Beben, das ebenfalls bis in so weit entfernte Städte wie Singapur zu spüren war, Panik aus. Hunderte Soldaten und Polizisten, die nun in einsturzgefährdeten Restgebäuden nach Überlebenden suchen, müssen vorsichtig vorgehen. Aus einem dreistöckigen Schulgebäude zogen sie mehrere Leichen. Auch in einem weiteren eingestürzten Schulgebäude werden noch 40 Schüler vermutet. Aber wie weit will man hineingehen in die zerstörten Gebäude bei der Suche, wenn immer die Angst dabei ist, beim nächsten Schlag selbst verschüttet zu werden?
Die meisten Hotels sind geschlossen - viele sind beschädigt, im eingestürzten Ambacang-Hotel wurden nach Angaben eines Hilfsdienstes noch bis zu 200 verschüttete Gäste vermutet. Die Krankenhäuser sind voll mit Verletzten - die Behörden bauten ein Feldlazarett auf, um hunderte Verletzte zu versorgen. Der Flughafen war gespentisch leer, nur die gecharterten Jets der Journalisten, die aus Singapur anreisten, landeten am Donnerstag abend.
Nur auf den Straßen eben dieses unglaubliche Gewühl, das etwas von der Anspannung verrät, unter denen die Menschen hier stehen, die vielfach Angehörige, Freund oder Nachbarn verloren haben. Denn hier in dieser Stadt ist nicht nur die Angst vor dem nächsten Beben groß, sondern auch vor einem Tsunami. Die Stadt ist im Wartezustand vor dem nächsten großen Schlag. Am Mittwoch hat es zunächst nur die Menschen im weit entfernten und längst nicht so dicht besiedelten Samoa getroffen. Was, wenn es nun die Menschen hier ereilt, die alle direkt am Meer leben? Die Angst wird sie in dieser Nacht nicht verlassen, wohl auch nicht in den nächsten Tagen, vielleicht nie wieder.
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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