27.12.2004 · Obwohl der Tsunami mehrere Stunden unterwegs war, traf er viele Küstenbewohner völlig unvorbereitet. Ein Warnsystem gegen die bis zu 30 Meter hohen Wellen gibt es für den Indischen Ozean nicht.
Von Horst Rademacher, San FranciscoDas Wort Tsunami stammt aus dem Japanischen und bedeutet wörtlich „große Hafenwelle“. Die Übersetzung beschreibt aber nur völlig unzureichend, welche immense Zerstörungswut in dieser heimtückischsten aller Naturkatastrophen steckt. Selbst Tausende Kilometer von ihrem Ursprungsort entfernt, kann eine solche Flutwelle ohne Vorwarnung Hunderte Menschen dahinraffen und Küstenstädte verheeren.
So riß der Tsunami, der in der in der Nacht zum Sonntag (MEZ) auf das schwerste Erdbeben seit 40 Jahren folgte, in Indonesien, Indien, Sri Lanka, Malaysia und Thailand Tausende Menschen in den Tod. Das Erdbeben selbst hatte eine Magnitude von 8,9. Sein Herd lag etwa zehn Kilometer unter der kleinen Insel Simeulue, die der Westküste der Nordspitze der indonesischen Insel Sumatra vorgelagert ist.
Folge einer impulsiven Anregung
Geowissenschaftler beschreiben Tsunamis nüchtern als sehr langperiodische Wellen, die mit großer Geschwindigkeit einen Ozean durchqueren können. Meereswellen entstehen normalerweise durch eine langdauernde Anregung, zum Beispiel wenn ein starker Wind über eine große Wasserfläche weht. Tsunamis sind dagegen die Folge einer impulsiven Anregung. Stark vereinfacht läßt sich das Entstehen einer solchen Flutwelle mit einem Tritt gegen einen auf dem Boden stehenden, mit Wasser gefüllten Eimer beschreiben. Dabei schwappt das Wasser über.
In der Natur entspricht einem solchem „Tritt“ eine ruckartige Bewegung des Meeresbodens. Sie kann beispielsweise bei einem Erdbeben durch die plötzlich auftretende Verschiebung des Untergrundes ausgelöst werden. Aber auch submarine Hangrutsche und Vulkanausbrüche sind in der Lage, eine solche Flutwelle auszulösen.
Bis zu 30 Meter hoher Wellenberg
Wie bei allen anderen Wasserwellen gilt auch für Tsunamis, daß die Höhe ihres Wellenkamms von der Wassertiefe abhängt. Auf dem offenen Meer sind solche Flutwellen nur wenige Dezimeter hoch. Sie fallen deshalb den Besatzungen von Schiffen nicht auf. Laufen die Flutwellen dagegen auf eine flache Küste zu, türmt die in ihnen steckende Energie das Wasser zu einem bis zu 30 Meter hohen Wellenberg, der wie ein gewaltiger Brecher alles wegschwemmt, was sich ihm in den Weg stellt.
Die Verheerungen sind nicht nur auf die eigentliche Küste beschränkt. Häufig richten die Wellen noch Hunderte Meter weit im Hinterland Zerstörungen an, wenn sie beispielsweise in Flußmündungen einlaufen und ihre Energie dabei zu noch höheren Wellenkämmen fokussiert wird.
Weil es entlang des Feuergürtels um den Pazifik zu vielen Erdbeben in Küstennähe kommt, hatten Wissenschaftler lange geglaubt, das Auftreten von Tsunamis beschränke sich allein auf den Stillen Ozean. So haben schon Flutwellen, die durch Erdbeben vor der Küste Chiles ausgelöst wurden, zu schweren Schäden in Japan geführt.
Auch die Stadt Hilo auf der Insel Hawaii wurde mehrmals durch Flutwellen zerstört, die bei Erdbeben in Alaska entstanden. Wegen der mit den Tsunamis verbundenen großen Gefahr betreiben die Anrainerstaaten des Pazifiks schon seit fast 50 Jahren ein Warnsystem. Dazu werden der Zentrale auf der Hawaii-Insel Oahu alle starken küstennahen Erdbeben gemeldet. Wenn die in der Zentrale arbeitenden Wissenschaftler glauben, daß bei einem solchen Beben ein Tsunami entstanden ist, gehen Warnmeldungen an alle großen Küstenstädte.
Kein Warnsystem für Indischen Ozean
Obwohl Tsunamis Geschwindgkeiten von bis zu 100 Kilometer in der Stunde erreichen können, dauert es Stunden, bis eine solche Welle nach einem Erdbeben die entfernten Küsten des Pazifiks erreicht. Somit kommen Warnungen meist rechtzeitig. Für den Indischen Ozean gibt es dagegen ein derartiges Koordinationszentrum noch nicht. Deshalb traf die von Sumatra ausgehende Welle die Küsten Indiens, Sri Lankas, Thailands und Malaysias ohne Vorwarnung. Dabei dauerte es mehrere Stunden, bis der jüngste Tsunami die mehr als 2.000 Kilometer von seinem Urpsrung entfernte südostindische Hafenstadt Madras im Bundesstaat Tamil Nadu erreichte. Allein in diesem Bundesstaat kamen mindestens 300 Menschen in der Flutwelle ums Leben.
Gerade das heutige Indonesien war vor mehr als 120 Jahren der Ausgangspunkt einer der schwersten Tsunamis, über den je berichtet wurde. Als im August des Jahres 1883 der Vulkan Krakatau in der zwischen den Inseln Sumatra und Java gelegenen Sundastraße in einer gewaltigen Explosion ausbrach, ergossen sich Flutwellen nicht nur über den Indischen Ozean, sondern auch in die Javasee und das weiter nördlich liegende Südchinesische Meer. Mehr als 36.000 Menschen kamen als Folge des Vulkanausbruchs um, die meisten wurden von dem Tsunami weggerissen.
Australische gegen eurasische Platte
Die Ursache der verheerenden Flutwelle vom Sonntag war aber ein äußerst starkes Erdbeben, dessen Herd etwa 1.400 Kilometer nördlich des Krakatau liegt. Vor der Westküste von Sumatra ereignen sich immer wieder schwere Erdbeben, weil sich dort die australische Erdkrustenplatte, die den größten Teil des Indischen Ozeans umfaßt, unter die riesige eurasische Platte schiebt. Die australische Platte verbiegt sich in dieser sogenannten Subduktionszone und bricht dabei. Vor der Küste läßt das Absinken der Erdkruste außerdem einen Tiefseegraben entstehen.
Mit einer von den Seismologen des Geologischen Dienstes der Vereinigten Staaten in Golden (Bundesstaat Colorado) bestimmten Magnitude von 8,9 handelt es sich um das kräftigste Erdbeben auf der Welt seit 40 Jahren. Das schwerste Beben davor ereignete sich am Karfreitag des Jahres 1964 im Prince William Sound vor der Küste Alaskas. Es hatte eine Magnitude von 9,2. Ähnlich starke Superbeben in den vergangenen hundert Jahren ereigneten sich davor nur am 4. November 1952 auf der russischen Pazifikhalbinsel Kamtschatka sowie am 9. März 1957 unter der zu den Aleuten gehörenden Andreanof-Insel. Das stärkste überhaupt je gemessene Erdbeben fand am 22. Mai 1960 in der Nähe der südchilenischen Hafenstadt Valdivia statt. Es hatte eine Magnitude von 9,5, rund 5.700 Menschen kamen ums Leben.
Hunderte Nachbeben
Entgegen landläufiger Meinung sind sich Wissenschaftler sicher, daß derart schwere Beben in einem Teil der Welt trotz der gewaltigen in ihnen steckenden Energie in anderen Gebieten der Erde keine schweren Erdbeben auslösen können. So besteht zwischen dem Erdbeben, das sich am Tag vor Heiligabend mit einer Magnitude von 8,1 unter den zwischen Neuseeland und der Antarktis gelegenen Macquarie-Inseln ereignete, und dem Beben vor Sumatra kein Zusammenhang.
Wohl aber sind die vielen hundert Nachbeben, die inzwischen vor Sumatra sowie in der Inselwelt der zu Indien gehörenden Andamanen und Nikobaren im östlichen Golf von Bengalen stattfanden, zweifellos eine Folge des jüngsten schweren Bebens. Vor diesen Inseln findet der Tiefseegraben nämlich seine Fortsetzung nach Norden. Das bisher stärkste dieser Nachbeben hatte eine Magnitude von 7,3 und lag unter den südlichen Nikobaren.
Urlaubsparadiese, die nur wenig über dem Meeresspiegel liegen
Sri Lanka: Das Urlaubsparadies Sri Lanka war fast zwei Jahrzehnte lang vom Krieg zwischen Armee und Tamilenrebellen überschattet. Die Insel liegt vor der Südspitze Indiens und ist mit etwa 65 610 Quadratkilometern etwas kleiner als Bayern und hat rund 20 Millionen Einwohner. Die frühere britische Kolonie Ceylon wurde 1948 unabhängig. Die Singhalesen stellen mit 74 Prozent die größte Bevölkerungsgruppe, die meisten von ihnen bekennen sich zum Buddhismus. Die überwiegend hinduistischen Tamilen machen rund 18 Prozent aus.
Malediven: Mit ihren schneeweißen Sandstränden gelten die Malediven als Touristenparadies. Über die dunkle Seite der Malediven erfahren die abgeschotteten Urlauber meist nichts. Menschenrechtler verurteilen das Land als Polizei- und Folterstaat. Doch zunehmend regt sich Widerstand im Inselparadies mit seinen 1900 Inseln und rund 300 000 Einwohnern. Vor allem durch den Tourismus wurden die armen Fischerinseln zu einem für Südasien wohlhabenden Land. Für die Urlauber sind 80 vom Rest des streng muslimischen Landes isolierte Inseln reserviert. Auf den Malediven mit der Hauptstadt Male ist der Islam Staatsreligion, die Einwohner sind sunnitische Muslime.
Thailand: Thailand ist ein beliebtes Urlaubsziel. Das südostasiatische Land, das mit rund 500 000 Quadratkilometern etwas kleiner als Frankreich ist, zieht mit seinen Stränden im Osten und Westen sowie Tempelanlagen Besucher aus aller Welt an. Etwa 90 Prozent der 63 Millionen Thailänder sind Buddhisten, weitere fünf Prozent sind Muslime.
Indonesien: Die südostasiatische Republik Indonesien ist ein Land der Superlative: Das am Äquator liegende indonesische Archipel umfaßt 13 677 Inseln. Hauptinseln sind Sumatra, Java, Borneo (Kalimantan), Celebes und Irian Jaya. Mit schätzungsweise etwa 210 Millionen Menschen - überwiegend Malayen - steht das Land nach der Bevölkerung an vierter Stelle in der Welt. In keinem anderen Land der Welt ist der Anteil der Muslime an der Bevölkerung größer als in Indonesien (mehr als 80 Prozent).
Malaysia: Das aus zwei Landesteilen bestehende Malaysia am Südrand des Chinesischen Meeres hat etwa 24 Millionen Einwohner und umfaßt rund 330 000 Quadratkilometer. Die Westhälfte des Landes liegt auf einer Halbinsel südlich von Thailand, die Osthälfte im nördlichen Drittel der Insel Borneo. Die Hauptstadt ist Kuala Lumpur.
Bangladesh: Bangladesh hat wie kaum ein anderes Land unter seinen geographischen Besonderheiten zu leiden. Alljährlich verursacht der von heftigem Regen begleitete Monsun Überschwemmungen im riesigen Mündungsdelta der Ströme Ganges, Brahmaputra und Meghna. Der größte Teil des fast 147 000 Quadratkilometer großen Staatsgebiets mit der Hauptstadt Dhaka liegt nur wenige Meter über dem Meeresspiegel. Das Land ist arm und dicht besiedelt.
(dpa)