25.09.2006 · Bundesverkehrsminister Tiefensee sprach nach einem Krisentreffen von erheblichen Sicherheitslücken bei dem Transrapid-Unglück in Lathen. An diesem Montag beginnen Experten mit der Auswertung der sichergestellten Unterlagen und des aufgezeichneten Funkverkehrs.
Menschliches Versagen in der Leitstelle hat wahrscheinlich den schweren Transrapid-Unfall in Lathen (Emsland) mit 23 Toten und 10 Verletzten ausgelöst. Es gebe keine Hinweise auf einen technischen Defekt, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Osnabrück, Alexander Retemeyer, an diesem Sonntag. Alles deute darauf hin, daß die Mitarbeiter der Leitstelle dem Transrapid am Freitag morgen freie Fahrt gaben, obwohl ein Werkstattwagen auf der Strecke stand.
Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) bestätigte am Sonntag nach einem Krisentreffen mit der Betreibergesellschaft und dem Hersteller-Konsortium in Berlin, daß es bei dem Unglück erhebliche Sicherheitslücken gegeben habe. Dennoch wollen Verkehrspolitiker der schwarz-roten Koalition an den geplanten Transrapid-Projekten in Bayern und China festhalten.
Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung
In der Region war die Bestürzung über den verheerenden Unfall groß. Tausende Menschen gedachten am Sonntag der Opfer (siehe auch: Ein Ort ist fassungslos). Papst Benedikt XVI. sprach den Hinterbliebenen in einem Telegramm an den Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode sein Beileid aus.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Unbekannt wegen fahrlässiger Tötung in 23 Fällen. Nach den bisherigen Erkenntnissen bekam der Werkstattwagen nicht wie üblich von der Leistelle den Auftrag, in die Parkbucht zurückzukehren. „Der Wagen wurde laut Leitstandbuch bei Stütze 120 abgestellt. Eine weitere Eintragung findet sich nicht“, sagte Retemeyer. Danach stehe im Protokollbuch nur noch der Fahrauftrag für den Transrapid. Die beiden Fahrdienstleiter konnte die Staatsanwaltschaft noch nicht befragen, weil sie unter Schock stehen. „Wir wollen erst alle Fakten zusammenstellen, bevor wir Aussagen zu Verantwortlichen machen“, betonte Retemeyer.
Auswertung kann sich Monate hinziehen
Der Werkstattwagen sei mit einem GPS-Sender ausgestattet gewesen, über den seine Streckenposition abgelesen werden könne. Bei ihren Ermittlungen setzt die Staatsanwaltschaft auch auf zwei Gutachten der Technischen Universität Braunschweig und des Eisenbahnbundesamtes. Die Auswertung könne sich aber Monate hinziehen.
Unter den Todesopfern des verheerenden Unglücks sind nach Angaben der Polizei 21 Männer und zwei Frauen. Unter den Toten waren zehn Mitarbeiter des RWE-Regionalcenters Nordhorn sowie zwei amerikanische Staatsbürger. Sechs Männer und vier Frauen überlebten das Unglück verletzt. Unter den 31 Menschen an Bord des Zuges waren fünf technische Mitarbeiter, darunter drei Zugführer, Altenpfleger aus Papenburg und zwei Auszubildende, die die Fahrt als Auszeichnung bekommen haben. Hinzu kommen zwei Arbeiter auf dem Werkstattwagen, die den Zusammenprall auf der Plattform überlebten. Sie seien nicht von dem Wagen gesprungen, dementierte die Polizei Medienberichte vom Samstag.
Unglück auf geplanter Münchner Strecke unmöglich
Die Vertreter der Industrie hätten bei dem Gespräch im Ministerium erhebliche Sicherheitslücken eingeräumt, berichtete Tiefensee. Nach ihrer Ansicht hätte ein solcher Unfall bei der geplanten Magnetschwebebahn in München nicht passieren können. „Das Sicherheitskonzept für den Transrapid in München ist auf einem anderen technischen Niveau wie bei einer Teststrecke“, erläuterte der bayerische Verkehrsminister Erwin Huber (CSU), der ebenfalls an dem Gespräch teilnahm. „Es ist ein integriertes Sicherheitssystem bereits vorgesehen, in dem alle Fahrzeuge eingebunden sind, die sich auf dieser Strecke bewegen.“
Unterdessen gedachten mehrere hundert Menschen in Lathen und viele tausend in der gesamten Region in Gottesdiensten der Toten. „Es gibt viele Zeichen der Verbundenheit und Nähe, daß keiner isoliert bleibt vor der Kälte des Todes und der Trauer“, sagte Pfarrer Gerhard Ortmann in seiner Andacht. Ortmann hatte die Familien-Messe in der St. Antonius Kirche spontan zu einem Gedenkgottesdienst gemacht. Am kommenden Mittwoch ist noch ein zentraler Gedenkgottesdienst in Lathen geplant. Daran wollen auch Tiefensee und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) teilnehmen.
Der Zug steht noch immer auf den Stelzen
Ob und wann der Betrieb auf der Teststrecke im Emsland wieder aufgenommen wird, ist derzeit völlig offen. Die Staatsanwaltschaft hat die komplette Unfallstelle abgesperrt und beschlagnahmt. Der zertrümmerte Transrapid steht noch immer auf den Stelzen hoch oben über dem Boden. Wann der Zug geborgen werde, sei noch nicht absehbar, sagte die Sprecherin der Betreiber-Gesellschaft IABG, Monika Amler. Der Zug war das einzige Exemplar des TR08 in Lathen. Vom nächsten Frühjahr an sollte das Nachfolgemodell TR09 getestet werden, das in Kassel gebaut wird und für die Strecke in Bayern vorgesehen ist.
Das Transrapid-Projekt ist nach den Worten des Bürgermeisters von Lathen ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für die Region. „Durch den Transrapid haben wir jährlich ein Auftragsvolumen von etwa drei Millionen Euro, die beispielsweise der Infrastruktur zu Gute kommen“, sagte Bürgermeister Karl-Heinz Weber. Es hätten sich zahlreiche Zulieferbetriebe in Lathen und Umgebung angesiedelt, die viele Arbeitsplätze geschaffen hätten. Allein fast 60 Arbeitsplätze seien an der Teststrecke entstanden, die hauptsächlich mit Menschen aus Lathen besetzt wurden.
Chinesische Delegation am Unglücksort
Auf der weltweit einzigen kommerziellen Transrapid-Strecke zum Flughafen in Schanghai lief der Betrieb nach dem Unglück am Wochenende normal weiter. Chinesische Zeitungen berichteten rein nachrichtlich mit Bildern über das Unglück auf der Versuchsstrecke im Emsland. Es fehlten Kommentare in den staatlich kontrollierten Medien oder Reaktionen von Behörden.
Eine chinesische Wirtschaftsdelegation besichtigte die Unglücksstelle unter Führung des Chef-Managers der Transrapid-Bahn in Shanghai, Commander Wu. „Wu hat sich offensichtlich seit vielen Monaten überlegt, seine Strecke in Shanghai zu verlängern“, sagte der Geschäftsführer der Emsland-Teststrecke, Rudolf Schwarz. Vor diesem Hintergrund „erschien es den verantwortlichen Industrien sinnvoll, Transparenz zu demonstrieren und es Wu zu ermöglichen, aus eigener Sicht zu beurteilen, was hier passiert ist.“ Von Wu war eine Stellungnahme nicht zu erhalten.
China: Magnetbahn auf dem Prüfstand
Nach einem Bericht des Tageszeitung „Die Welt“ stellt China den Transrapid „wegen hoher Kosten und Probleme beim Technologietransfer“ auf den Prüfstand. Nach einem Batterieschaden in Shanghai komme nun das Unglück im Emsland hinzu, schrieb das Blatt unter Berufung auf nicht näher bezeichnete „Shanghaier Industriekreise“. In der chinesischen Boom-Town ist seit Anfang 2004 die bisher einzige kommerzielle Transrapid-Strecke der Welt in Betrieb. Sie verbindet den Flughafen mit dem Finanzzentrum.
Tiefensee warnte vor überstürzten Konsequenzen für die Zukunft der Magnetschwebebahn. Erst wenn die Details des Unfallhergangs klar und die Sicherheitsvorkehrungen überprüft worden seien, könne über Schlußfolgerungen nachgedacht werden. Tiefensee hatte eine China-Reise vorzeitig abgebrochen, um sich selbst ein Bild von dem Unglück zu machen.
Kein technischer Fehler?? Sicherheitstechnik fehlt !
C-U Bauer (C-U.Bauer)
- 25.09.2006, 09:50 Uhr
Totales Versagen
Bernd Hafenberg (Bernie0711)
- 25.09.2006, 09:52 Uhr
Unfassbar!
Martin Buchwald (Denken)
- 25.09.2006, 09:55 Uhr
Technische Sicherheitsregelungen...
Hayri Ergun (DrErgun)
- 25.09.2006, 11:34 Uhr
Ziemlich schiefe Berichterstattung
B. Keim (bkeim)
- 25.09.2006, 12:17 Uhr