11.07.2005 · Von Privataufnahmen mit Kameras und Fotohandys erhoffen sich die Ermittler Hinweise auf die Attentäter von London. Nach jüngsten Angaben der Polizei wurden 52 Menschen getötet. Im Untergrund werden in den zerstörten Zügen weitere Leichen vermutet.
Vier Tage nach den Terroranschlägen in London ist die Zahl der bestätigten Todesopfer um drei auf 52 gestiegen. Die Bergung von Leichen aus einem der bei den Anschlägen zerstörten U-Bahn-Züge war am Montag nachmittag aber noch immer nicht abgeschlossen.
Viele Opfer wurden bei der Explosion am Donnerstag in Stücke gerissen, was die Zählung zusätzlich erschwerte. Bei den Anschlägen auf drei U-Bahnen und einen Bus wurden rund 700 Menschen verletzt.
Die britische Polizei erhofft sich von privaten Tatortbildern zusätzliche Hinweise auf die Attentäter von London. Polizeisprecher Brian Paddick rief die Bevölkerung auf, unmittelbar nach den Anschlägen entstandene Fotos, Videos und Bilder von Fotohandys den Ermittlern zugänglich zu machen.
Paddick sagte: „Wir gehen davon aus, daß diese Bilder wesentliche Informationen enthalten könnten, die uns bei der Untersuchung helfen könnten.“ Wie der britische Fernsehsender BBC in der Nacht zum Montag weiter berichtete, haben seit den Anschlägen am Donnerstag mehr als 1.700 Menschen die „Antiterror-Hotline“ angerufen. Nach den Worten von Paddick stellten sich einige der Angaben als „sehr, sehr wertvoll“ heraus.
Rückkehr zur Normalität
Hundert leitende Polizeifachleute von Antiterror-Abteilungen aus aller Welt haben am Wochenende in London begonnen, die Jagd nach den Attentätern des 7. Juli zu koordinieren. Die erste Fahndung konzentriert sich offenbar auf einen Syrer mit spanischem Paß, der sich im Irak aufhalten soll, und auf einen Marokkaner mit britischer Nationalität, der sich möglicherweise in Großbritannien versteckt.
Am Sonntag nachmittag wurden am Londoner Flughafen Heathrow drei britischen Staatsbürger unter Terrorverdacht festgenommen, in der Nacht zum Montag allerdings wieder freigelassen. Wie ein Sprecher von Scotland Yard sagte, stünden die Festnahmen nicht im Zusammenhang mit den Bombenanschlägen. „Dies waren Routinefestnahmen, wie sie jede Woche rund ums Jahr geschehen“, sagte Polizeisprecher Brian Paddick.
Indes hat die Polizei die Bürger Londons aufgefordert, am Montag wieder zur Arbeit zu gehen. „London ist wieder offen für den Geschäftsbetrieb“, sagte der stellvertretende Polizeichef Andy Trotter am Sonntag. „Wenn wir das nicht tun, haben die Terroristen gewonnen. Und das ist nicht das, was wir wollen.“
Zentrum von Birmingham evakuiert
Die ersten Erkenntnisse zu den Anschlägen lassen schließen, daß zumindest drei der vier Bomben nicht von Selbstmördern gezündet wurden. Demnach wären die Täter noch da, könnten also auch noch einmal aktiv werden. Die drei Bomben in den U-Bahnen explodierten nach Erkenntnissen der Polizei nicht wie zunächst angenommen in Abständen von mehreren Minuten, sondern innerhalb von 50 Sekunden um 8.50 Uhr.
Wegen einer "glaubhaften Warnung" ist am späten Samstagabend das Zentrum von Birmingham evakuiert worden. Erst am Sonntagmorgen durften die letzten Bewohner in das Viertel zurück. Der Alarm in der zweitgrößten Stadt des Landes war um neun Uhr abends ausgelöst worden, als der Wochenendbetrieb im Restaurant- und Vergnügungsviertel in der Stadtmitte am lebhaftesten war. Zuerst ließ die Polizei einen Abschnitt der Stadtregion absperren und evakuieren, dann einen zweiten. Zuletzt sind 20.000 Birminghamer in der Samstagnacht aus ihren Wohnungen, Restaurants oder Hotels "in Sicherheit gebracht" worden. Die Polizei führte an verdächtigen Gegenständen in einem Bus und an anderer Stelle kontrollierte Explosionen aus, scheint aber dabei nicht auf eine Bombe gestoßen zu sein. Dennoch versicherte der Polizeichef, man habe auf eine glaubwürdige und direkte Warnung geantwortet.
Gedenkpark am Platz der Bus-Explosion
Der Erzbischof von Canterbury und die anderen religiösen Führer des Landes, eingeschlossen islamische Würdenträger, haben in einer gemeinsamen Verlautbarung am Sonntag "Schulter an Schulter" die Attentate verdammt. Auf dem Platz, an dessen Umfahrung die vierte Bombe in einem Bus explodiert war, soll ein Gedenkpark entstehen.
Sprengsätze professionell hergestellt
Unter den 13 Toten im Unglücksbus hoffen die Fachleute der Polizei auch Überreste des Mörders zu finden. Das könnte die erste direkte Spur zum Ursprung der Tat werden. Die Polizei glaubt nicht mehr, daß sie es mit vier Selbstmordattentätern zu tun habe. Die drei Sprengsätze in den U-Bahnen seien derart präzise zur selben Zeit detoniert, daß man an Zeitzünder denken müsse. Die vierte Bombe im Bus dagegen gibt den Fahndern Rätsel auf. Der Ort der Explosion im hinteren Teil des Obergeschosses wäre untypisch gewesen für einen Selbstmordeinsatz; zudem passe der Vorgang nicht in das Zeitmuster. Deshalb vermutet man, der Attentäter habe den Bus und sich selbst unplanmäßig gesprengt.
Die Sprengsätze wiederum waren professionell hergestellte Ware. Deshalb haben die Täter nur geringe Mengen gebraucht, die sich leicht verbergen ließen; und deshalb konnten jeweils fünf Kilogramm Sprengmittel eine derartige Verwüstung anrichten. Das bedeutet aber auch, daß sie Verbindung haben müssen zu Hintermännern des professionellen Terrorismus, die sich um die Beschaffung des Sprengstoffs und die Anleitung zum Gebrauch und zur Zündung kümmern. Da die Attentäter aus dem Nichts auf den Radarschirmen der Überwacher aufgetaucht und ebenso rasch wieder verschwunden sind, geht die Suche nach diesem Hintergrund noch ins Leere.
Syrer und Marokkaner unter Verdacht
Man scheint sich auch nicht einig zu sein, ob die Täter selbst unauffällig in Großbritannien aufgewachsen sind und hier leicht auch wieder untertauchen können, oder ob sie aus dem Ausland kommen. Der frühere Londoner Polizeichef Lord Stevens hat am Sonntag "privat" geäußert, wer glaube, die Täter seien von draußen gekommen, hänge einem Wunschtraum nach. In Großbritannien lebten 3.000 britische Bürger, die einmal in Al-Qaida-Lagern geschult worden seien. Diese Zahl schließt aber vermutlich auch diejenigen nicht mehr jungen Muslims ein, die sich ihrer Sache verschrieben hatten, als die Aufständischen in Afghanistan noch gegen die sowjetische Besetzung kämpften.
Die zwei Männer, deren Namen jetzt in London immer genannt werden, sind der in Syrien geborene Mustafa Setmariam Nasar, der im vergangenen Jahr die Anschläge in Madrid organisiert haben soll, und der aus Marokko stammende Mohamed Guerbouzi. Auch er soll zur Riege der Drahtzieher verschiedener Anschläge gehören.
Der arabische Fernsehsender Al Dschasira strahlte am Sonntag ein Interview mit einem Mann aus, bei dem es sich um Guerbouzi handeln soll. Der nur als Silhouette gezeigte Mann, sagte, es sei nicht wahr, daß nach ihm gefahndet werde; die britische Polizei wisse, wo er sei. Der britische Inlandsgeheimdienst, der von den Anschlägen offenbar ebenso überrascht worden war wie die Öffentlichkeit, hat seine Akten nachträglich umso eindringlicher durchkämmt und eine Liste mit 100 Namen aufgestellt, die in Verbindung mit dem Tag stehen könnten.