04.03.2009 · Beim Einsturz des Historischen Stadtarchivs und angrenzender Häuser hat es in Köln mehrere Leichtverletzte gegeben. Drei Menschen werden noch vermisst. Am späten Abend schlugen Spürhunde an. Unter dem Gelände wird derzeit die Kölner U-Bahn erweitert. Nun wird von einer „absehbaren Katastrophe“ gesprochen.
In Köln ist am Dienstag das Historische Stadtarchiv an der Severinstraße in der Südstadt eingestürzt. Das vierstöckige Haus kippte nach Augenzeugenangaben in eine nahe gelegene U-Bahn-Baustelle. Ein benachbartes Wohnhaus brach ebenfalls zusammen, und ein viergeschossiges Nachbarhaus mit einer Bäckerei im Erdgeschoss stürzte größtenteils ein. Anwohner sprechen von riesigen Schuttbergen. Das Stadtarchiv sei auf einer Fläche von 50 mal 70 Metern komplett eingestürzt, sagte ein Polizeisprecher. „Am Unglückshaus sieht es aus wie nach einem Erdbeben.“ Um die Einsturzstelle herum bildeten sich laut Augenzeugen tiefe Risse im Boden.
Die Feuerwehr berichtete von mehreren Leichtverletzten, die den Einsatzkräften aus den Trümmern entgegengekommen seien. Drei Menschen werden noch vermisst. Zuvor war von neun Vermissten gesprochen worden, sechs Personen hätten sich aber inzwischen gemeldet; sie seien gar nicht am Unglücksort gewesen. Sollten tatsächlich Menschen verschüttet worden sein, sind ihre Überlebenschancen wohl gering. „Eine schnelle Rettung ist nicht möglich“, sagte der Direktor der Kölner Feuerwehr, Stefan Neuhoff. Es sei unwahrscheinlich, dass sich in dem Schutt Hohlräume befänden. Am späten Abend schlugen Spürhunde an. Mit den Bergungsarbeiten kann aber frühestens am Mittwochmorgen begonnen werden, da an der Unglücksstelle noch immer weitere Einsturzgefahr bestehe. In der Nacht werden dort zur Stabilisierung 1000 Kubikmeter Beton angeschüttet. Direkt neben dem Trümmerhaufen befindet sich eine 28 Meter tiefe Baugrube.
„Es ist langsam eingestürzt, wie in einem schlechten Film“
Am Abend begannen die Rettungskräfte mit der Evakuierung eines Altersheims, weil ein 30 Meter hoher Kran auf das Gebäude zu stürzen drohte. In dem Heim leben nach Angaben der Feuerwehr 76 betagte Menschen. Im Umkreis von 150 Metern räumten die Behörden alle Gebäude. Wie viele Menschen insgesamt ihre Wohnungen verlassen mussten, war unklar. Nordrhein-Westfalens Bauminister Lutz Lienenkämper kündigte den Einsatz von Spezialfirmen an, um die wertvollen Archivalien zu retten. „Da liegen 1000 Jahre Stadtgeschichte, die kann man nicht einfach in Umzugskartons packen“, sagte Lienenkämper. In deren Nähe liegt auch eine Schule, in der am Mittwoch der Unterricht ausfällt.
Die Mitarbeiter und Nutzer des Archivs hätten sich nach vorläufigen Erkenntnissen alle retten können, weil sich der Einsturz durch Geräusche angekündigt habe. Eine Augenzeugin sagte, sie sei von Bauarbeitern daran gehindert worden, an dem Stadtarchiv vorbeizufahren. Plötzlich habe sich von unten nach oben ein Riss in der Fassade gebildet, diese sei dann abgeplatzt. Anschließend sei das Archiv „langsam eingestürzt, wie in einem schlechten Film“. Kurz vor dem Einsturz des Stadtarchivs seien die dort tätigen Mitarbeiter und Nutzer aufgefordert worden, das Gebäude sofort zu verlassen, sagte eine Polizeisprecherin. Eine Gruppe von Menschen sei daraufhin aus dem Gebäude gerannt.
Weitere Gebäude sind noch akut einsturzgefährdet
Die Feuerwehr war mit rund 200 Einsatzkräften im Großeinsatz. Die Polizei sperrte die Unglücksstelle weiträumig ab und räumte benachbarte Häuser. Sie schließt nicht aus, dass weitere Gebäudeteile wie auch Häuser einsturzgefährdet sind. Dutzende Krankenwagen fuhren vor. Ein Augenzeuge berichtete, er sei gerade die Straße hochgegangen, als es einen „Riesenkrach“ gegeben habe und eine mehrere Stockwerke hohe Staubwolke aufgestiegen sei. „Es gab Blaulicht ohne Ende.“ Ein weiterer Augenzeuge sagte: „Auf 50 Meter Länge sind alle Häuser nacheinander runtergekommen.“
In der Nähe des Historischen Stadtarchivs wird derzeit die unterirdische neue Kölner Nord-Süd-Bahn gebaut. Ob sich Personen in dem Schacht befanden, in den das Gebäude stürzte, ist derzeit unklar. Die letzten größeren Arbeiten hatten vor zwei Jahren stattgefunden. Derzeit gibt es laut Polizei keine Arbeiten, die den Einsturz hätten auslösen können. Der Projektleiter der Kölner Verkehrsbetriebe, Rolf Papst, versicherte, die Tunnelarbeiten am Unglücksort seien schon seit über einem Jahr beendet. Zurzeit fänden dort noch „eher unbedeutende Arbeiten“ statt. In dem Archivgebäude waren vorher Risse festgestellt worden, die mit dem U-Bahn-Bau in Zusammenhang gebracht worden waren.
Baugrube der U-Bahn wird als Ursache immer wahrscheinlicher
Dennoch deutet immer mehr auf U-Bahn-Arbeiten als Ursache für den Einsturz des Historischen Archivs hin. Feuerwehr-Direktor Neuhoff sagte am Dienstagabend, in der unmittelbar benachbarten 28 Meter tiefen Baugrube für die U-Bahn-Erweiterung sei wohl eine Öffnung entstanden. In diese Öffnung sei Erde nachgerutscht, und dadurch sei dem Historischen Archiv möglicherweise der Boden entzogen worden.
Der Bau der sogenannten Nord-Süd-Bahn hat schon für viel Ärger gesorgt. Die Kosten für das Projekt explodierten, die Geschäftsleute an der Einkaufsmeile Severinstraße klagten über Umsatz-Einbrüche. Dann geriet im Herbst 2005 noch ein Kirchturm durch den Tunnelbau in Schieflage. Mit mindestens 950 Millionen Euro soll die Linie 320 Millionen Euro mehr kosten als geplant. Als Gründe für die Kosten- Explosion wurden von den Kölner Verkehrs-Betrieben unter anderem archäologische Arbeiten genannt, die den Bau immer wieder gestoppt haben. Die Tunnelröhren befinden sich in bis zu 30 Metern Tiefe unter der Altstadt.
Abteilungsleiter des Stadtarchivs: Absehbare Katastrophe
Nach dem Einsturz des Historischen Stadtarchivs in Köln hat der langjährige Abteilungsleiter Eberhard Illner schwere Vorwürfe erhoben. Der Einsturz des Gebäudes sei eine absehbare Katastrophe gewesen, sagte Illner am Dienstag im Deutschlandradio Kultur. Es habe vorher klare Warnungen gegeben.
Er selbst habe im Sommer vergangenen Jahres Senkungsrisse im Keller des Gebäudes festgestellt und dies auch an die Archivleitung weitergegeben. Noch in der vergangenen Woche habe es Hinweise auf erhebliche Senkungsrisse gegeben. Ihm sei noch am Dienstag von der Stadt Köln offiziell bestätigt worden, dass diese Hinweise eingegangen seien: „Man wird also jetzt danach forschen müssen, wer ist verantwortlich dafür.“ Der Schaden sei erheblich größer als beim Brand der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek, sagte Illner. „Wir reden hier von ungefähr 18 Regalkilometern wertvollsten Archivguts, und zwar europäischen Ranges.“
Das Historische Archiv der Stadt Köln gilt als eines der größten Stadtarchive Deutschlands. Das Archiv umfasst Dokumente aus über tausend Jahren Kölner und rheinischer Geschichte, unter anderem 65.000 Urkunden, 104.000 Karten und eine halbe Million Fotos. Auch zahlreiche Nachlässe, darunter der des Schriftstellers Heinrich Böll, befinden sich in dem Archiv. Der Schaden gilt als unschätzbar, Wissenschaftler sprachen davon, dass das „Gedächtnis der Stadt“ ausgelöscht worden sei.
Traurige Nachricht
Sophia Orti (rum)
- 03.03.2009, 22:47 Uhr
Nicht so wichtig!
Tilo Stolz (Oyabun)
- 03.03.2009, 23:00 Uhr
Wertvoller??
Johann Schulz-Gebeltzig (johannsg)
- 03.03.2009, 23:05 Uhr
Nationale Katastrophe europäischer Dimension !
Robert Hamacher (harohama)
- 03.03.2009, 23:09 Uhr
Ob diese Arbeiten etwas mit dem Einsturz zu tun haben, ist unklar?
TOBIAS RÜGER (t.ruger)
- 03.03.2009, 23:31 Uhr