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Sturmflut vor 50 Jahren Christa Kluges Bettlakenfahne

15.02.2012 ·  Vor 50 Jahren wurde Hamburg von der großen Sturmflut heimgesucht. Bis heute ist das Unglück, bei dem mehrere hundert Menschen starben, im kollektiven Gedächtnis geblieben.

Von Frank Pergande, Hamburg
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© dapd Soldaten der Bundeswehr, der U.S. Army und Helfer des Technischen Hilfswerks (THW) arbeiten an einem gebrochenen Deich an der Nordsee.

Mitten in der Nacht, von einem Geräusch geweckt, stand Christa Kluge auf, ging in die Küche und sah aus dem Fenster. Der Samstag war gerade angebrochen. Sie sah um das Haus herum eine sturmgepeitschte Wasserfläche und darin die Spitze eines einzelnen kahlen Baums. Die Szene war in Mondlicht getaucht. Christa Kluge weckte ihren Mann. Der aber murmelte nur: „Du träumst.“ Mit dem Schlaf war es dann aber doch vorbei, denn inzwischen lärmte es im Souterrain und im Parterre. Deren Bewohner stürzten nach oben zu den Kluges im zweiten Stock. Das Wasser folgte ihnen. Als es seinen Höchststand erreicht hatte, schwappte es an der unteren Stufe der Treppe, die hinauf zu Kluges Wohnung führte.

Christa Kluge war damals 24, ihr Sohn drei Jahre alt. Das Haus im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg hatte drei Stockwerke und darauf ein Flachdach. Seine Bewohner kletterten dort hinauf. Christa Kluge kam auf die Idee, mit einem Bettlaken den Hubschraubern zu winken, die über die Wasserfläche donnerten. Später wurde sie dafür gerügt: Die weiße Fahne nimmt nur, wer Leben bedroht sieht. „Uns war es vergleichsweise noch gut ergangen“, sagt Frau Kluge heute. Ihre weiße Bettlakenfahne wurde damals gefilmt und so zu einer Art Sinnbild der großen Sturmflut von 1962, die große Teile der Nordseeküste traf, vor allem aber die Stadt Hamburg. Mit weißer Schuhcreme schrieb Christa Kluge auf das Dach, was benötigt wurde, vor allem Milch und Kerzen. Ein Hubschrauber brachte es. „Wir bekamen sogar belegte Brötchen aus der Luft.“

Ein paar Tage lang behalfen sich Kluges und ihre Nachbarn mit einer Campingausrüstung. Alle sammelten, was sie noch an Büchsen und Gläsern fanden. Gekocht wurde in einem großen Topf. Am Montag entspannte sich die Lage etwas. Am Dienstag konnte Christa Kluge mit ihrem in eine Decke gewickelten Sohn aus der Gefahrenzone gebracht werden. Ihr Mann musste zum Dienst als Fluthelfer, sie selbst wurde in einem Geländewagen zur nächsten benutzbaren Bushaltestelle gebracht. Sie hatte kein Geld dabei, musste sich mit dem Busfahrer noch herumstreiten, bevor er sie mitnahm. Sie fuhr nach Harburg zu ihren Eltern. Dort war das Wasser 50 Meter vor dem Haus stehengeblieben.

60 000 Menschen eingeschlossen, 315 sterben

Die Sturmflut hat im kollektiven Gedächtnis einen festen Platz. Viele Geschichten werden bis heute darüber erzählt. Von Menschen, die im eiskalten Wind auf Bäumen oder auf Dächern ausharrten und um Hilfe riefen. Von dem in den Fluten versunkenen Auto, das später geborgen wurde und bei dem der Schmutzrand am Tachometer noch heute zeigt, wie hoch das Wasser stand. Von dem eben abbezahlten goldenen Ehering, der verloren ging und nach dem Ablaufen der Flut wie durch ein Wunder wiedergefunden wurde.

Viele Sturmflutgeschichten gingen nicht so gut aus. Etwa die von den Kindern, die von der Flut in die Keller der Häuser gespült wurden und dort ertranken. 60 000 Menschen waren damals eingeschlossen, 315 kamen ums Leben, unter ihnen fünf Helfer. Tausende Hamburger wurden obdachlos. Mehr als ein Sechstel des Stadtgebiets stand unter Wasser, insgesamt 120 Quadratkilometer. Häuser und Brücken wurden zerstört, Hab und Gut ging verloren. Die Hilfsbereitschaft in der immer noch jungen Bundesrepublik war groß. Das Wirtschaftswunderland erlebte zum ersten Mal, wie gefährdet seine Erfolge waren - und sei es durch Naturkatastrophen. Kein Hamburger konnte sich an eine Sturmflut erinnern, denn die letzte lag 107 Jahre zurück.

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© dapd Völlen im Landkreis Leer in Ostfriesland, während der Flut.

Die Millionenstadt Hamburg glaubte sich sicher. Die Deiche, überhaupt der Hochwasserschutz, waren aber vernachlässigt worden. Dann kam die Nacht vom 16. zum 17. Februar 1962. Am 12. Februar war der Nordwestwind aufgefrischt. Er steigerte sich am 15. Februar über der Nordsee zum Orkan, „Vincinette“ genannt, die Siegreiche. Aus Cuxhaven erreichten auch Hamburg Warnungen vor einer noch nie dagewesenen Sturmflut. Die Hamburger Behörden nahmen das nicht ernst. Fast alle Pegel entlang der Nordseeküste, aber auch an Ems, Weser und Elbe sowie den Nebenflüssen zeigten einen bis dahin nie gemessenen Wasserstand. Und der Sturm trieb das Wasser weiter in die Elbe hinein. Kurz vor Mitternacht am 16. Februar wurde in Hamburg Alarm ausgelöst.

Wo es noch möglich war, wurde die Bevölkerung mit Sirenen, Kirchenglocken und Blaulichtern gewarnt oder indem man kurzerhand Fensterscheiben einschlug. Vierzehn Minuten nach Mitternacht brach der erste Hamburger Deich, in Neuenfelde-Rosengarten. Weitere Deichbrüche folgten schnell, am Ende waren es 60. Kurz nach Mitternacht fielen die Telefone aus, um ein Uhr gab es keinen elektrischen Strom mehr. Der folgenschwerste Deichbruch war der um zwei Uhr am Spreehafen im Norden Wilhelmsburgs. Vor allem das Gebiet südlich der Elbe wurde nun überschwemmt. Dort lagen die ärmeren Wohnviertel. Am schwersten traf es Wilhelmsburg. Hier allein gab es 222 Tote.

Helmut Schmidt, der Held der Nacht

Nach den ersten Hubschrauberflügen über das Katastrophengebiet, kaum dass es am 17. Februar dämmerte, hieß es, 20 000 Opfer oder sogar noch mehr seien wohl zu beklagen. Dass es dann doch nicht so schlimm kam, ist nicht zuletzt dem Krisenstab zu verdanken, der eilig zusammengerufen wurde. Geführt wurde er von Helmut Schmidt, damals Innensenator. Die meisten Kommunikationsstränge waren zerstört. So gab es keine Telefonverbindung mehr nach Cuxhaven und in die südlichen Stadtteile. Schmidt selbst kam mit Verspätung aus Berlin.

Dass er sich damals in seiner handfesten Art an die Spitze der Rettungsaktion stellte, danken ihm die Hamburger noch heute. Er wurde in einer Nacht zum Helden, vor allem deshalb, weil er, seine Kontakte nutzend, die Bundeswehr anforderte, obwohl die Bundeswehr auch damals nicht im Innern hätte eingesetzt werden dürfen. Schmidt meldete sich aber auch bei den Nato-Truppen der Amerikaner und Engländer. Vor allem ging es damals um Hubschrauber, die dann etwa 450 Menschen von den Dächern ihrer Häuser retteten. Es ging aber ebenso um den Einsatz von Pionieren. An die 26 000 Helfer insgesamt waren im Einsatz, unter ihnen 8000 Bundeswehrsoldaten.

Gedenkfeiern 50 Jahre danach

Nach der Flut wurde der Hochwasserschutz in Hamburg neu organisiert. Die Deiche wurden verstärkt und um mehrere Meter erhöht. Fortan durften weder Bäume noch Büsche auf den Deichen stehen, auch Gärten im Deichgebiet wurden verboten. Waltershof wurde als Wohnort aufgegeben. Auch das Land Niedersachsen erhöhte die Deiche und baute sie breiter. Es entstanden die Sturmflutsperrwerke an den Nebenflüssen von Elbe, Weser und Eider.

In den vergangenen 50 Jahren gab es noch acht Sturmfluten, bei denen die Pegelstände sogar höher lagen als im Februar 1962. Aber der Sturmflutschutz bewährt sich. In diesen Tagen wird freilich nicht nur in Hamburg der Sturmflut gedacht. Wie es sich an der Nordsee anfühlt, wenn die tobende Flut, der „Blanke Hans“ heranbraust, lässt sich seit einigen Jahren in der Büsumer „Sturmflutenwelt“ erleben - die Zeitreise beginnt in der den sechziger Jahren nachempfundenen Dorfkneipe „Zum Deichgrafen“, wo das Radio ankündigt: „Die Deiche drohen zu brechen.“ Das Nordsee-Museum in Husum und der Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein haben eben eine Sonderausstellung über die Flut eröffnet.

In Hamburg selbst wird es überall in den damals getroffenen Gebieten Erinnerungs-Gottesdienste und Gedenkfeiern geben. Das Museum für Hamburgische Geschichte erinnert in einer Doppelausstellung an die große Flut. Es soll eine spektakuläre Schau werden, in der auch das Laken zu sehen sein wird, mit dem Christa Kluge die Hubschrauber rief. Ob sie zur Eröffnung gehen wird, weiß Christa Kluge noch nicht. Sie sagt, sie könne die Bilder von damals nicht vergessen. Vor Stürmen habe sie bis heute Angst. „Man wird wieder daran erinnert, schrecklich.“

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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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