29.12.2004 · Wie die Deutsche Anke Schürmann den Tsunami in Sri Lanka überlebte. Sie hat gekämpft, wollte leben, lief und schwamm Richtung Inland. Nur weg von der Küste. Und hatte doch bereits "mit meinem Leben abgeschlossen".
Von Cornelia von WrangelSie hatte es sich so schön vorgestellt: ein paar Tage am Strand mit der Kollegin, die längst zur Freundin geworden ist. Anke Schürmann und ihre Freundin arbeiten bei der Welthungerhilfe, die eine in Indien, die andere in Sri Lanka. "Wir wollten über die Arbeit sprechen", sagt Anke Schürmann. An der südlichen Spitze von Sri Lanka hatten sie sich einen Bungalow gemietet. In einem kleinen Ferienresort, das von einer Deutschen geleitet wird und den Ruf hat, besonders nett zu sein. "Unser Bungalow war der erste unten am Strand."
Dann kam alles anders. "Das Meer hat mich aus dem Bett gerüttelt", erzählt Anke Schürmann. "Es war so unruhig." Das Meer, es kam auf sie zu, als sie am zweiten Weihnachtsfeiertag die Tür des Bungalows öffnete. "Ich habe Glück gehabt", sagt die 38 Jahre alte Frau. "Es war ein Puzzlespiel aus glücklichen Ereignissen." Daß ihr der Schock noch in den Knochen steckt - man spürt es in jedem ihrer Worte.
„Geglaubt, das sei ein kleiner Sturm“
Nichts wie weg: Anke Schürmann rannte vor der ersten Welle davon, so überstürzt, daß sie hinfiel, ihre Schuhe verlor. Sie rettete sich auf einen Baum. Eine Urlauberin mit Kind, ein Einheimischer und sie - zu viert saßen sie auf diesem Baum, hatten sich gegenseitig hochgeholfen, sahen von oben, wie das Wasser die Bungalows wegriß.
Was denkt man in so einem Augenblick, wenn die Welt unterzugehen scheint? "Wir haben geglaubt, das sei ein kleiner Sturm, der gleich wieder vorbei geht", sagt Anke Schürmann. Das Meer ging ja auch gleich wieder zurück. Daß es sich um ein Seebeben handelte, daß nach der ersten Welle noch zwei weitere kommen würden, wußte ein Mann, den sie kurz danach trafen. "Er kannte sich darin aus." Und habe nur gerufen: "Wir müssen in Sicherheit." Dieser Mann ist für Anke Schürmann ein Puzzle-Teil im Spiel der glücklichen Ereignisse.
"Da hatte ich mit meinem Leben abgeschlossen"
Das Haupthaus der kleinen Bungalow-Anlage hatte ein Stockwerk. Auf die Veranda dieses ersten Stockwerks kletterten sie hoch. Fünfzehn Leute, alles deutsche Urlauber, erzählt Anke Schürmann. "Und dann war es eine Sache von wenigen Sekunden." Alles um sie herum wurde weggespült: die kleinen Häuser der Einheimischen, die Autos, die Pferde, die zur Bungalow-Anlage gehörten. Die Wucht der zweiten Welle beschädigte auch das Haus, auf dessen Terrasse sie mittlerweile im Wasser standen. Das Dach sei zum Teil eingefallen, eine Seitenwand auch: "Da hatte ich mit meinem Leben abgeschlossen."
Aber sie hat gekämpft, wollte leben. Anke Schürmann lief und schwamm Richtung Inland. Nur weg von der Küste. Wenn sie laufen konnte, lief sie über die Fundamente von weggespülten Häusern. Nach zwei Kilometern zogen sie Einheimische aus dem Wasser, brachten sie in ein Krankenhaus. "Da lagen Schwerverletzte und Tote." Anke Schürmann blutete zwar, war aber nur leicht verletzt.
„Froh, überlebt zu haben"
Die einheimische Familie nahm sie dann zu sich mit nach Hause. Die ganze Gruppe traf sich hier wieder, auch ihre Freundin war dabei. "Die Einheimischen waren so hilfsbereit." Sie besorgten Medikamente, kochten Tee, ließen sie auf einer Matte ausruhen, boten an, über Nacht bleiben zu können. Aber das Radio meldete, daß neue Beben drohten. "Wir sind in Panik weg." Weg - das heißt sieben Kilometer weiter ins Landesinnere auf dem Anhänger eines Traktors zu einem Gästehaus. "Dort haben wir nur gesessen und waren froh, überlebt zu haben."
Und auch das haben sie geschafft: ein Auto mit einem Fahrer zu finden, der sie über Bergstraßen in den Norden Sri Lankas brachte. Dort, im Büro der Welthungerhilfe in Vavuniyia, war Anke Schürmann am Dienstag abend noch immer. "Es tut einfach gut, mit den Kollegen zusammen zu sein." Sie wolle jetzt nicht überstürzt aufbrechen. Auf den Flughäfen herrsche das "Superchaos". Das durchzustehen habe sie noch keine Kraft. In ein paar Tagen möchte sie erst einmal nach Indien zurückfliegen. Ihre Aufenthaltsgenehmigung, ihren Paß und ihre Kreditkarte hat sie noch. Irgendwie hat sie vor der Flucht vor den Wassermassen nach ihrer Tasche greifen können. "Es war Glück", sagt sie noch einmal und fügt hinzu: "Wir Weißnasen können alles neu kaufen, die Einheimischen nicht."
Cornelia von Wrangel Jahrgang 1951, redaktionelle Koordination der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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