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Rettungsschächte In Lengede 58 Meter, in Quecreek 74 Meter

31.08.2010 ·  Schon mehrfach wurden mit der jetzt in Chile angewandten Methode verschüttete Kumpel gerettet. Doch die Lage im Kupferbergwerk San José ist weitaus schwieriger - schon deshalb, weil der Notschacht zehn Mal so lang sein muss.

Von Horst Rademacher
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Die geplante Rettung der 33 im chilenischen Kupferbergwerk San José ausharrenden Bergleute über einen Notschacht ist technisch schwierig und kann Monate dauern, aber mit dieser Methode wurden schon mehrfach verschüttete Kumpel gerettet. So gelangten etwa im Jahre 2002 neun Bergleute durch einen Notschacht aus einer Kohlegrube im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania ans Tageslicht. Im November 1963 konnten auf diese Weise auch elf Bergleute aus einer überfluteten Erzgrube bei Salzgitter gerettet werden. Die mehr als zwei Wochen dauernden Rettungsarbeiten wurden damals live im Fernsehen übertragen und hielten die Bundesrepublik in Atem. Als „Wunder von Lengede“ ist die Rettung ins kollektive Gedächtnis des Deutschlands der Nachkriegszeit eingegangen.

Das Unglück im Schacht Mathilde der Eisenerzgrube von Lengede-Broistedt ereignete sich, als am 24. Oktober 1963 ein Klärteich auf dem Gelände der Schachtanlage einbrach und sich fast eine halbe Million Kubikmeter Schlamm und Wasser in die Grube ergossen. Von den 129 damals unter Tage arbeitenden Bergleuten konnten sich 79 innerhalb weniger Stunden retten. Im Laufe der folgenden Woche wurden weitere Kumpel aus der Grube befreit. Zu elf in einer Luftblase in einem Blindstollen überlebenden Bergleuten bekam man aber erst nach zehn Tagen Kontakt. Sie hatten sich durch Klopfzeichen bemerkbar gemacht, die von einem in eine Sondierbohrung hinabgelassenen Mikrofon registriert wurden.

Drei Tage bis in 58 Meter Tiefe

Die Rettungsmannschaften verlängerten daraufhin die im Durchmesser nur knapp sechs Zentimeter große Sondierbohrung bis in die Luftblase. Während die Kumpel durch diese Bohrung mit Nahrungsmitteln und Wasser versorgt wurden, begann man von der Erdoberfläche aus parallel dazu eine 52 Zentimeter große Rettungsbohrung abzuteufen, den Notschacht. Es dauerte drei Tage, bis diese Bohrung den Stollen in 58 Meter Tiefe und damit die verschütteten Bergleute erreichte. Danach wurde ein zigarrenförmiger Stahlkorb, bekannt als „Dahlbusch-Bombe“, durch den neuen Schacht hinabgelassen, in dem die Kumpel dann einzeln ans Tageslicht gebracht werden konnten. Ähnlich kurz war auch der Notschacht, den amerikanische Rettungsmannschaften im Jahre 2002 zu neun in der Quecreek-Kohlegrube im Landkreis Somerset in Pennsylvania verschütteten Bergleuten bohrten. Sie konnten nach 78 Stunden aus ihrem feuchten Gefängnis 74 Meter unter Tage gerettet werden.

Die Lage im Kupferbergwerk San José unterscheidet sich von den Unfällen in Lengede und Pennsylvania schon deshalb, weil der Notschacht dort zehn Mal so lang sein muss: die Kumpel sind in etwa 700 Meter Tiefe eingeschlossen. Dazu wurde am Montag auf dem Bergwerksgelände ein in Australien entwickeltes, mehr als 28 Tonnen schweres Bohrgerät aufgebaut. Damit soll zunächst ein im Durchmesser 37 Zentimeter großes Loch bis in jenen Stollen gebohrt werden, in dem sich die Bergleute aufhalten. Danach wird die dünne Vorbohrung auf einen Durchmesser von 66 Zentimetern erweitert. Wie schnell diese Arbeit vorangeht, kann allerdings niemand vorhersagen. Unter günstigen Felsbedingungen kann sich der große Bohrkopf jeden Tag bis zu 20 Meter tiefer in das Gestein graben. Das größte Problem wird sein, die Bohrung so vertikal wie möglich abzuteufen, denn derart große Bohrköpfe können leicht aus der Senkrechten abgelenkt werden, wenn sie auf ihrem Weg in die Tiefe die Grenzen verschiedene Gesteinsformationen durchstoßen.

Bergleute müssen mitarbeiten

Außerdem werden die eingeschlossenen Bergleute an ihrer Rettung mitarbeiten müssen. Normalerweise muss das beim Bau eines Schachtes ausgehobene Gestein von der jeweiligen Schachtsohle zur Erdoberfläche befördert werden. Das kostet Zeit und verlangsamt damit den Bohrfortschritt erheblich. Bei dem nun in Chile angewandten Verfahren wird aber nur das bei der Vorbohrung durchteufte Gestein nach oben gefördert. Wenn dann im zweiten Arbeitsgang das Bohrloch zum Notschacht erweitert wird, fällt das Gestein durch die Vorbohrung genau in den Stollen, in dem sich die verschütteten Bergleute aufhalten. Je nach Bohrfortschritt werden sich auf diese Weise pro Stunde bis zu einer halben Tonne Gestein im Stollen ansammeln. Im Schichtbetrieb müssen die Kumpel unter Tage dann diesen Abraum wegräumen, um den Weg für den schließlich einzusetzenden Rettungskorb freizuhalten.

Dabei hilft den Eingeschlossenen, dass sie im Gegensatz zu den Bergleuten in Lengede und Quecreek nicht in einer kleinen Luftblase von nur wenigen Kubikkmetern Volumen ausharren müssen. Sie können sich vielmehr in einem mehrere hundert Meter langen Stollen frei bewegen. Es gibt sogar einige „Querschläge“, die – von diesem Stollen ausgehend – einige Dutzend Meter tief ins Gestein gesprengt wurden. Weil die Gruppe also über recht viel Platz verfügt, hat sie den Stollen in verschiedene „Räume“ aufgeteilt. In einem wird geschlafen, in einem anderem gegessen und in einem dritten die Notdurft verrichtet. Die Kumpel haben sogar Zugang zu einer Werkstatt unter Tage, in der mehrere Fahrzeuge, Batterien und viel Werkzeug gelagert sind.

Notschacht die einzige Möglichkeit

Das Kupferbergwerk San José bei der Stadt Copiapó ist schon seit mehr als 100 Jahren in Betrieb. Im Gegensatz zu den Gruben im Ruhrrevier und an der Saar handelt sich nicht um einem Anlage, die nur über vertikale Schächte zugänglich ist. Vielmehr kann man das Bergwerk mit Autos befahren. Hinter dem auf einer Anhöhe liegende Stollenportal windet sich ein großer Stollen auf einer Länge von neun Kilometern spiralförmig durch das mit Kupfererz durchsetzte Gestein. An mindestens zwei Stellen, in 100 und 300 Meter Tiefe, ist dieser Stollen eingestürzt und versperrt damit den Zugang zu den unteren Sohlen des Bergwerks. Es ist nicht bekannt, auf welcher Länge genau die Stollendecke an diesen beiden Stellen eingestürzt ist. Fachleute befürchten aber, dass der gesamte obere Teil des Stollens brüchig geworden ist. Deshalb ist das Risiko für Bergungsmannschaften zu groß, durch die Spirale zu den Einbruchstellen vorzudringen und dort das Gestein wegzuräumen. Der einzige Weg zur Rettung der Verschütteten führt durch den Notschacht.

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Jahrgang 1954, freier Autor im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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