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Radio in Haiti Senden, retten, suchen

19.01.2010 ·  Der Sender Signal FM gilt als einer der wichtigsten in Port-au-Prince. Das Erdbeben haben Team und Technik unversehrt überstanden. Musik wird seit der Katastrophe jedoch nicht mehr gespielt. Dafür erfahren Hörer, wer wo begraben liegt, und wo es Wasser gibt.

Von Jochen Stahnke, Port-au-Prince
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Als das Erdbeben losbrach, nahm Mario Viau gerade die Musik einer Band auf, die mit ihrem Karibik-Pop zum Karneval groß herauskommen wollte. Viau ist Besitzer und Chefredakteur des Senders Signal FM 90,5, und ein Auftritt dort eine Auszeichnung. Aber in diesem Jahr wird es nicht zu einem Auftritt der Band kommen und zum Karneval auch nicht.

Als das Beben vorbei war, eilte Viau nach Pétionville zurück, einem Vorort der Hauptstadt Port-au-Prince. Statt der üblichen 15 Minuten brauchte er eine Stunde. Die diensthabenden Redakteure standen erschrocken auf der Straße, als Viau am Redaktionsgebäude ankam. Der zuständige Redakteur hatte nach dem Beben Musik nach Zufallsprinzip spielen lassen und war aus dem Gebäude gerannt. Viau lief dann ins Studio, nahm das Mikrofon zur Hand und fing an zu berichten: Wer wo Hilfe benötigt, wer wen sucht, wer sich wo befindet. Nur zwei Radiosender waren nach der großen Katastrophe noch auf Sendung: der Auslandssender Radio France International und eben Signal FM.

Alle Angestellten überlebten

Von der Regierung sei die ersten 24 Stunden nichts zu hören gewesen, sagt Viau, auch wenn er im Informationsministerium anrief, um dort jemandem eine Verlautbarung für seine Sendung abzuringen. Vergeblich. Bis zwei Uhr nachts sendete Viau, dann kehrte der 52 Jahre alte Journalist nach Hause zurück, um dort nach dem Rechten zu sehen. Er hatte Glück, wie auch seine Angestellten, die alle überlebten. Musik wird seither nicht mehr gespielt. Es gibt einfach zu viele Schicksalsmeldungen, die verlesen werden müssen. Um sechs Uhr morgens, am Tag eins nach der Apokalypse, gingen sie wieder auf Sendung, seitdem nonstop - auch Redakteure anderer, nicht mehr sendefähiger Radiostationen boten ihre Mitarbeit an.

Von der Regierung war am ersten Tag nichts zu hören gewesen, sagt Viau. Dann, am Ende des zweiten Tages, schickte der Präsident Haitis, René Préval, einen Mitarbeiter zu Viau, der ihm eine Kassette mit einer kurzen Ansprache aushändigte, in der Préval zur Ruhe aufrief. Es habe damals nicht so ausgesehen, als hätte Haiti eine Regierung, sagt Viau. Wesentlich ändern werde sich das unter Préval wohl nicht. Der Präsident spreche ohnehin nicht gern zum Volk, sagt Viau. Sein Sender gilt als einer der wichtigsten in Port-au-Prince, er hat einen Senderadius von zehn Kilometern.

Hilferufe und Dank sagen

Wo viele Menschen weder lesen noch schreiben und sich auch ein Fernsehgerät nicht leisten können, entfaltet das Radio seine Informationshoheit. Auf den Straßen in Port-au-Prince sieht man immer wieder Menschen, die ein altmodisches Transistorradio vor sich hertragen. Der Bedeutung des Hörfunks wird die Sendezentrale von Signal FM äußerlich allerdings nicht gerecht, sieht man einmal vom zwei Meter hohen Dieselgenerator ab, der zusammen mit der Jahrzehnte alten Funkstation den Sendebetrieb möglich macht. Das Gebäude des Senders ist ein einfaches zweigeschossiges Haus. Vor Jahren wurde es einmal hellgrün getüncht, das Neonlicht drinnen lässt es auch nicht schöner wirken. Wie durch ein Wunder hat das Haus beim Beben nicht einmal einen Kratzer abbekommen.

Ein Wächter bewacht die Eisentür am Eingang. Mehr Sicherheit muss offenbar hier nicht sein. Dabei hat Viau vor ein paar Jahren vergeblich um einen Sitz im Senat Haitis kandidiert. Am Schreibtisch sitzt Shéyla, seine Frau, auch sie nimmt Anrufe entgegen. Die Leute berichten von verschütteten Angehörigen, andere rufen allgemein um Hilfe für ihr Stadtviertel. Gerade eben war ein Mann da, der sich für seine Befreiung aus den Trümmern bedankte - seine Frau hatte Retter über den Sender zu dem Verschütteten gelenkt. Shéyla sagt, zuvor sei ein Angehöriger der Schweizer Botschaft dagewesen, um die Vermisstenliste der Botschaft verlesen zu lassen. Mittlerweile wird bei Signal FM auch bekanntgegeben, wer wo begraben liegt und wo Wasser verteilt wird.

Nicht selten berichtet der Sender auch von Diebstählen und Gewalttaten. Die haitianische Polizei hört auch Signal FM und erfährt über den Sender, wo ihr Einsatz gerade erforderlich ist. Tausende Hörer hätten in den Tagen nach dem Beben angerufen, sagt Viau. Anfangs hätten Dutzende Freiwillige vor dem Gebäude gewartet. Wenn ein Hilferuf den Sender erreichte, hätten sie sich auf den Weg zur Unglücksstelle gemacht. Die Haitianer, sagt Viau, seien eben Leute, die sich gegenseitig helfen.

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Jahrgang 1980, Redakteur in der Politik.

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