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Psychologische Fluthilfe Den Schrecken beschreiben

01.02.2005 ·  Mit einer neuen Therapie helfen Konstanzer Psychologen traumatisierten Flutopfern in Sri Lanka. Verängstigte Menschen werden dazu gebracht ihre Erlebnisse zu schildern, um sie als Vergangenheit zu begreifen.

Von Heiko Rehmann, Jaffna
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Sivadevy Tanaray hat überlebt und doch nicht ins Leben zurückgefunden. Immer wieder sieht sie dieselben schrecklichen Bilder: Ein Reiz genügt, der Geruch von Seetang, ein altes Fischerboot - und sie ist gelähmt vor Panik. Nachts liegt sie auf ihrer Bambusmatte und findet keine Ruhe. Dieselben Gedanken und Gefühle gehen ihr wieder und wieder durch den Kopf, und wenn sie endlich einschläft, wird sie geplagt von Albträumen.

Unzählige Menschen in Sri Lanka kämpfen derzeit mit dem Schock, den die Welle am zweiten Weihnachtsfeiertag über sie brachte. Ihnen geht es wie Sivadevy Tanaray, wenn sie an den Strand geht, an dem ihre Hütte einmal stand. Todesangst schnürt ihr dann die Kehle zusammen, als wäre der Faden von der Vergangenheit zur Gegenwart an diesem Ort gerissen.

Zwei Gedächtnissysteme

Das ist er auch, zwar nicht in der Realität, aber doch im Bewußtsein der jungen Frau. Die als Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) bezeichneten Symptome, an denen sie leidet, sind seit längerem bekannt. Mit Hilfe neuer bildgebender Verfahren läßt sich gut erklären, was sich in Sivadevy Tanarays Gehirn seit der Katastrophe abspielt.

Alles, was ein Mensch erlebt, speichert er in zwei verschiedenen Gedächtnissystemen. Das assoziative Gedächtnis registriert die Sinneswahrnehmungen, Gedanken und Gefühle und verknüpft sie zu einer Netzwerkstruktur. Wann und wo die Dinge geschehen sind, steht allerdings nicht in dieser Struktur.

Dazu benötigen wir das hochorganisierte autobiographische Gedächtnis, das reales Geschehen in seiner Reihenfolge festhält. Nur wenn beide Gedächtnissysteme eng zusammenarbeiten, können wir vergangene Erlebnisse in ihrem Kontext und ihrer Abfolge wiedergeben. Gefühl und Geschichte sind eng miteinander verknüpft. Wer sich an eine vergangene Situation erinnert, ruft automatisch die zugehörigen Gefühle wach und umgekehrt.

Meeresgeruch löst Todesangst aus

Als die Katastrophe über Sivadevy Tanaray hereinbrach und sie um ihr Leben rannte, geriet dieses empfindliche Zusammenspiel durcheinander. Denn je stärker die Erregung, desto besser arbeitet der für Angstreaktionen zuständige sogenannte Mandelkern (“Amygdala“), ein mandelförmiges Gebilde oberhalb des Hirnstamms.

Das assoziative Gedächtnis ist dann aufnahmefähiger als sonst, alle Gefühle und sinnlichen Wahrnehmungen werden besonders eng miteinander verknüpft. Gleichzeitig wird der für die Raum- und Zeitverarbeitung zuständige Hippocampus im Moment der Lebensgefahr und der Zeit danach durch Stresshormone wie Cortisol in seiner Funktionsfähigkeit blockiert.

So konnte auch Sivadevy Tanarays Gehirn die autobiographische Gedächtnisstruktur kaum ausbilden, weshalb sie die im Furchtnetzwerk weiterlebende Katastrophe nicht als einen Teil ihrer Vergangenheit abzulegen vermag. Nun genügt ein Hinweisreiz wie der Geruch des Meeres, um die ganze Struktur zu aktivieren. Sivadevy Tanaray erlebt dann dieselben Gefühle und körperlichen Reaktionen wie in der Stunde der Todesangst: Ihr Puls steigt, ihre Hände zittern, auf der Stirn steht ihr der kalte Angstschweiß.

„Gefühle in der Vergangenheit verankern“

„Wenn so eine intensive Struktur erst einmal angelegt ist, bleibt sie ein Leben lang erhalten“, sagt der Psychologe Frank Neuner. „Die einzige Chance des Opfers besteht darin, ihr autobiographisches Gedächtnis aufzubauen, um diese Gefühle in der Vergangenheit zu verankern und dadurch die Emotionen zurückzudrängen.“

Dafür bräuchte Sivadevy Tanaray professionelle Hilfe. Allerdings sind nur 15 einheimische Traumatherapeuten beim staatlichen Krisenkoordinationszentrum CNO registriert. In der Presse des Inselstaates wird über das Thema derzeit erstaunlich offen diskutiert. Präsidentin Chandrika Kumaratunga hat vorgeschlagen, Lehrer und Geistliche im Schnellverfahren von ausländischen Fachleuten zu Traumatherapeuten weiterbilden zu lassen.

Genau das macht ein Psychologenteam der Universität Konstanz bereits seit Jahren im Norden der Insel, wo nach dem Bürgerkrieg nun unzählige Menschen durch die Naturkatastrophe ein zweites Mal traumatisiert wurden. Gemeinsam mit vier Kollegen sitzt Elisabeth Schauer im Shantiham Center in Jaffna und demonstriert einer Gruppe von einheimischen Lehrern die „narrative Expositionstherapie“, mit deren Hilfe die Pädagogen später das Leid der Traumatisierten lindern sollen.

„Ich wollte schreien und weinen, aber es ging nicht.“

Sivadevy Tanaray sitzt in der Mitte des Kreises und erzählt vom Weihnachtsfeiertag, als sie mit ihrer vierzehnjährigen Schwester ihre Großmutter besuchte und die Apokalypse über sie hereinbrach. „Was ging in deinem Kopf vor?“ fragt Elisabeth Schauer. „Ich versuchte, meine Schwester und meine Großmutter zu retten.“ - „Was kannst du sehen und hören?“ - „Das Wasser, dunkel, blau, grau, das Donnern der Welle. Jetzt fliegen Schiffe über unsere Köpfe bis weit ins Landesinnere, solche Gewalt hat der Ozean. Wir rennen zu der Straße.“ Nervös zerknüllt sie ein Taschentuch in ihren Händen. „Wie bist du gerannt?“ Sivadevy Tanaray weint.

Mit zitternder Stimme schildert sie, wie sie ihre Schwester und Großmutter rettet und kurz darauf ihren toten Schwager im Krankenhaus entdeckt. „Wie ging es dir in diesem Augenblick?“ - „Ich wollte schreien und weinen, aber es ging nicht.“ Die junge Frau schluchzt stoßweise. „Beschreibe mir die Toten.“ Wie ein Kind greift Sivadevy Tanaray nach der Hand der Therapeutin, ihre Finger verkrampfen sich, während sie den Kopf zu Boden senkt.

Stockend erzählt sie, wie sie schließlich auch noch ihre tote Nichte fand. „Sah sie schön aus? Warst du ihr sehr nah?“ Die Frau zuckt zusammen, ihr ganzer Körper windet sich wie unter körperlichem Schmerz. Alle in der Runde haben feuchte Augen. Selbst der Übersetzer braucht ein Taschentuch. „Kannst Du den Schmerz in Deinem Körper fühlen?“ Zwischen den Weinkrämpfen preßt sie einzelne Satzfetzen hervor.

„Eine sinnvolle Geschichte konstruieren“

Die Konfrontation mit der Angst, die auf den ersten Blick wie Quälerei erscheint, hat Methode. Immer wieder fragt die Therapeutin nach, läßt sich jedes Detail schildern, als wollte sie einen Film in Zeitlupe drehen. Alles, was die junge Frau gesehen, gefühlt und getan hat, läßt sie sich in engem zeitlichem Zusammenhang mit der Geschichte schildern.

„Der Aufbau von autobiographischem Gedächtnis funktioniert, indem man aus sinnlichen Eindrücken eine sinnvolle Geschichte konstruiert. Dieser Vorgang wird in der Therapie nachgespielt.“ Elisabeth Schauer will die Erlebnisse mit der Geschichte verbinden und so Kontext, Ablauf und assoziatives Gedächtnis miteinander verknüpfen.

Hilfsorganisation gegründet

Die „narrative Expositionstherapie“ (NET) wird seit 1999 an der Universität Konstanz entwickelt. Damals hatte sich eine Gruppe von Psychologen und Neurowissenschaftlern anläßlich der Kosovo-Krise das Ziel gesetzt, ein feldtaugliches Verfahren zu entwickeln, das einerseits von geschulten Laien anwendbar, andererseits wissenschaftlich überprüfbar sein sollte.

Seitdem haben sich Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen zusammengefunden und unter dem Namen „Vivo International“ eine Hilfsorganisation gegründet, die in Krisengebieten Lehrer und Sozialarbeiter in mehreren aufeinander aufbauenden Kursen zu Traumatherapeuten weiterbildet. Ihren Ursprung hat die neue Therapie neben der modernen Hirnforschung in den Expositionsverfahren aus der Verhaltenstherapie, wie sie von Edna Foa seit Ende der achtziger Jahre in den Vereinigten Staaten entwickelt wurden, und in der „Testimony Therapy“.

Im Begreifen liegt ein neues Leben

Im besten Fall wird Sivadevy Tanaray durch die Kurse der Konstanzer Psychologen nicht nur ihr eigenes Trauma überwinden, sondern vielen traumatisierten Flutopfern auf ihrem Weg zurück ins Leben helfen können. Die Chancen dazu stehen gut, denn sie kann noch weinen und sie kann reden. Erst, wo die Tränen versiegen, stirbt auch die Hoffnung. Wie bei ihrer kleinen Schwester, die allen Schmerz in sich verschließt und mit keinem Menschen mehr redet. Nur in Worte gefaßt, würde ihre Geschichte den Schrecken verlieren. Erst im Begreifen und Akzeptieren könnte sie ein neues Leben beginnen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.02.2005, Nr. 27 / Seite 9
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