03.01.2005 · Selbst größte Hilfsbereitschaft und immenses Spendenaufkommen können nicht ändern, daß die traumatisierten Menschen mit den psychischen Folgen der Katastrophe letztlich allein bleiben.
Von Bettina SchulzDie Anteilnahme der Welt an der Tsunami-Katastrophe ist überwältigend. Selbst die Hilfsorganisationen sind überrascht, wie viele Millionen stündlich von der Weltbevölkerung gespendet und wie viele Hilfspakete geschickt werden. Wer in Katastrophengebieten tätig war, weiß, wie verzweifelt die Überlebenden auf Hilfe von außen warten und wie sehr sie das Gefühl brauchen, von der Außenwelt nicht abgeschnitten und vergessen worden zu sein. Aber so großzügig und wichtig die Spenden auch sein mögen - mit den psychischen Folgen des traumatischen Ereignisses bleiben die meisten Menschen am Ende allein.
Wer miterlebt, wie Angehörige, Freunde, ja ganze Familien in Sekunden ausgelöscht werden, wie Haus und Hof verschwinden und mit einem Schlag die Existenz zerstört ist, kann dies auf Jahre hinaus nicht begreifen. Nach dem Erdbeben in der iranischen Stadt Bam genau vor einem Jahr, als mehr als 30.000 Menschen und damit fast die Hälfte der Bevölkerung ums Leben kam, standen die iranische Regierung und die internationalen Hilfsorganisationen ohnmächtig einer schwer traumatisierten Bevölkerung gegenüber. "Die brauchen alle psychologische Hilfe", sagte Hendrik-Jan Harbers damals in Bam, einer der Projektleiter von World Vision. "Aber letztlich tragen die Menschen immer die Hauptlast solcher Naturkatastrophen. Wir können nur dabei helfen, daß die Not nicht noch größer wird und keine Seuchen ausbrechen." Viele Hilfsorganisationen haben sogar strikte Anweisung, sich von psychologischer Hilfe zurückzuhalten. "Da lassen wir die Finger davon - sonst heißt es hinterher, wir missionierten", sagte Habers.
Die Welt ist aus den Fugen
So zynisch es klingen mag, aber die europäischen Touristen, die die Katastrophe überlebten, haben in dieser Hinsicht gar noch Glück im Unglück. Sie mögen vielleicht nie über den Tod ihrer Angehörigen und Freunde hinwegkommen. Aber sie werden in ihre Heimat zurückgeflogen, in der Familienmitglieder und Freunde sie trösten können, weil deren eigene Welt nicht aus den Fugen geraten ist, wo sogar professioneller psychologischer Beistand angeboten wird. Und die europäischen Überlebenden haben zu Hause immer noch ein Dach über dem Kopf, einen Arbeitsplatz und ein Sozialsystem, das ihnen mit medizinischer Versorgung und umfangreichen Versicherungsleistungen unter die Arme greift.
Das aber ist bei Zigtausenden Überlebenden in Thailand, Indonesien, Indien und Sri Lanka jetzt nicht der Fall. Sie sind entwurzelt und haben neben ihren Angehörigen auch noch Haus und Hof und ihre Existenz verloren. Das Traumatische für sie ist, daß es den Nachbarn und Freunden ebenso ergeht und alle gleichermaßen traumatisiert sind. Niemand ist da, der aus eigener Kraft trösten und Mut zusprechen könnte - im Gegenteil: auf Monate, wenn nicht Jahre prägen Trauer und Verzweiflung ihr Umfeld. Die Hoffnungslosigkeit und Depression, in der sich nahezu alle Menschen befinden, mit denen sie in Kontakt kommen, läßt viele Menschen über Monate in Resignation gleiten. Es fehlt ihnen die Kraft, wieder ein von Grund auf neues Leben aufzubauen. Dies gilt besonders für Frauen, die ihren Ehemann und damit - in diesen so traditionellen Gesellschaften - oft einzigen Ernährer verloren haben.
Glaube an eine Strafe Gottes
Noch schwerer ist die Katastrophe zu ertragen, wenn das Unglück als Strafe Gottes aufgenommen wird. Dies mag den wissenschaftlich denkenden Europäern fremd erscheinen. Aber es handelt sich bei all den asiatischen Gesellschaften dieser Katastrophe um strenggläubige, traditionelle Kulturen. Das unfaßbare Grauen großer Naturkatastrophen kann zu der Interpretation führen, Gott habe gestraft. Der Glaube, der den Menschen im Alltagsleben Kraft gibt, kann bei einigen der Überlebenden daher noch zusätzlich zu Selbstzweifeln und Schuldgefühlen führen.
All diese Gefühle verstärken den Schock, unter dem die Menschen ohnehin stehen. Wer in Katastrophengebieten war, wird das sprichwörtliche Trauma der Bibel bezeugen können: Lots Frau, die vor Grauen zur Salzsäule erstarrt, als sie sieht, wie ihre Heimat vom Erdboden verschwindet. Schwer traumatisierte Menschen scheinen sich in der Tat vor Schreck kaum noch bewegen zu können. Sie können oft kaum noch sprechen, denn es schnürt ihnen im Wortsinne die Kehle zu. Die Hilfe der internationalen Hilfsorganisationen bringt in dieser Situation mehr als nur Decken, Zelte und Medizin. Der Anblick der Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, aber auch von Regierungsbeamten, freiwilligen Helfern und Militärs gibt den Überlebenden das Gefühl, daß sich jemand um sie kümmert, daß sie nicht vergessen werden. Es ist wichtig, daß die Überlebenden möglichst schnell wieder am Informationsfluß teilhaben und möglichst schnell erfahren, daß ihnen bei dem Aufbau ihrer neuen Existenz auf lange Sicht geholfen wird.
Wenn die Hilfsorganisationen abziehen ...
Die schwere Zeit für die Überlebenden beginnt, wenn die Hilfsorganisationen nach einigen Wochen oder Monaten das Katastrophengebiet wieder verlassen, weil die medizinische Versorgung gesichert ist, die Seuchengefahr gebannt ist, jede Familie ein Zeltdach über dem Kopf hat und die Nahrungsmittelversorgung gewährleistet ist. Spätestens dann begreifen die Überlebenden der Naturkatastrophe, daß sie weitgehend allein mit ihrem Schicksal fertig werden und ihr Leben wieder in ihre eigene Hand nehmen müssen. "Die Menschen brauchen wieder Mut und Hoffnung", heißt es bei Relief International, einer Organisation, die in Bam besondern alleinstehenden Witwen half, mit handwerklichen Projekten wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen.
Selbst mit ökonomischer Hilfe von außen belastet die Überlebenden oft auf lange Zeit das stumme Gefühl der Schuld. Es sind Selbstvorwürfe, weil man dem eigenen Kind nicht helfen konnte oder dem Bruder, der Familie, dem Nachbarn. Heute noch berichten die Überlebenden des Erdbebens in Bam davon, wie sie aus ihren zertrümmerten Häusern strauchelten und mit bloßen Händen nach ihren um Hilfe rufenden Angehörigen unter den Schuttmassen gruben, ihnen aber nicht helfen konnten. Mancher Ehemann hörte verzweifelt die Hilferufe der Frau oder der Kinder unter den Trümmern, aber er konnte sie nicht aus tonnenschweren Gesteinsmassen befreien. Viele mußten ohnmächtig zuhören, wie ihre Angehörigen unter den Trümmern starben, bis irgendwann kein Laut mehr ertönte. Selbst wenn man helfen konnte: wen sollte man zuerst ausgraben? Welchem Kind, welchem Freund, welchem Nachbarn hilft man zuerst? Heute kümmern sich einige iranische Psychologen in Bam um Traumatisierte, aber der größte Teil der Überlebenden bleibt mit seinen Ängsten allein.
Ähnlich wird es bei der jüngsten Katastrophe in Südasien sein. Das Schuldgefühl, ein Kind nicht eher vom Strand herbeigerufen zu haben, es nicht noch länger festhalten können zu haben, die Ohnmacht, nicht haben helfen zu können, während unmittelbar neben einem Menschen von den Wassermassen fortgeschwemmt wurden - dies wird viele Überlebende über Jahre plagen, selbst wenn sie wissen, daß sie nicht anders reagieren konnten. Noch heute können viele Überlebende der Erdbebenkatastrophe in Bam nicht ruhig schlafen und leiden unter Albträumen. "Wo warst du, als mir geholfen werden mußte? Warum warst du nicht da?" fragen die toten Angehörigen in diesen Albträumen. Mit diesen Schuldgefühlen sind viele Überlebende alleingelassen, und das ist für sie viel schwerer zu tragen als alles andere.