05.11.2005 · Pakistans Präsident Musharraf kritisiert den Westen und fordert mehr Hilfe für die Erdbebenopfer. Obwohl „der Schaden und das Elend größer“ seien als bei der Tsunami-Katastrophe vor einem Jahr, sei die Spendenbereitschaft wesentlich geringer.
Verbunden mit Angriffen gegen den Westen, hat der pakistanische Präsident Pervez Musharraf um mehr ausländische Hilfe für die Erdbebenopfer in seinem Land gebeten.
Pakistan brauche mehr Unterstützung für die Versorgung der Obdachlosen und den Wiederaufbau der Dörfer und Städte, sagte Musharraf am Freitag und beklagte zugleich, daß die Hilfsbereitschaft der internationalen Gemeinschaft während des Tsunami und des Hurrikans „Katrina“ größer gewesen sei. Die BBC berichtete, daß Musharraf dem Westen in einem Gespräch mit dem britischen Sender vorgeworfen habe, er messe mit zweierlei Maß.
Der General soll die unterschiedlich hohen Hilfszusagen auf den Umstand zurückgeführt haben, daß von dem Erdbeben westliche Ausländer nicht getroffen gewesen seien. Im Vergleich zu der Flutkatastrophe vor knapp einem Jahr seien in Pakistan aber „der Schaden und das Elend größer“, sagte Musharraf.
„Logistischer Albtraum“
Auch der UN-Koordinator für das Katastrophengebiet, Jan Egeland, rief zu mehr Spenden auf. Die Bedürfnisse in Pakistan seien „einzigartig“, sagte er. Nie zuvor habe er „einen solchen logistischen Albtraum“ gesehen. Bislang hätten die Vereinten Nationen erst 130 Millionen Dollar erhalten. Es gebe aber 15 000 zerstörte Dörfer.
Insgesamt hinterließ das Erdbeben, bei dem vor bald vier Wochen mehr als 70.000 Menschen ums Leben kamen, drei Millionen Obdachlose, unter ihnen Zehntausende Verletzte. Die größte Sorge der Helfer gilt dem einbrechenden Winter, der Übernachtungen im Freien lebensgefährlich macht. „Wenn die Menschen Anfang nächsten Jahres tot sind, ist der Wiederaufbau unnötig“, sagte Egeland.
„Größtmögliche Hilfe und Wiederaufbauanstrengungen“
Nach einem Besuch in einem amerikanischen Feldlazerett im pakistanischen Teil Kaschmirs kündigte Musharraf unterdessen an, den in den Nachbarländern mit Argwohn betrachteten Kauf von F-16-Kampfflugzeugen aufzuschieben. Islamabad wolle sich jetzt auf „größtmögliche Hilfe und Wiederaufbauanstrengungen“ in den Erdbebengebieten konzentrieren, begründete der Präsident den Schritt. Für den vor allem von Indien beargwöhnten Rüstungsimport hatten die Vereinigten Staaten im März den Weg frei gemacht.
Die Übereinkunft zur Grenzöffnung an der „Line of Control“, die den indischen Teil Kaschmirs vom pakistanischen trennt, wurde am Freitag von Indien einseitig verändert. Statt der vereinbarten fünf Übergangsstellen würden am kommenden Montag nur drei geöffnet, teilte ein Sprecher der indischen Armee mit. Die verbleibenden zwei Stationen würden nur auf entsprechende Nachfrage in Betrieb genommen.
Die indische Armee bemüht sich seit zehn Tagen, die Umgebung der Übertrittsstellen von Minen zu säubern. Am Donnerstag war es gelungen, die Verbindungsroute zwischen den Provinzhauptstädten auf beiden Seiten der Demarkationslinie wiederherzustellen. Auf der Straße zwischen Srinagar und Muzaffarabad, die bei dem Erdbenen streckenweise zerstört wurde, verkehrte seit April ein Bus. In zwei Wochen sei die Linie wieder betriebsbereit, hieß es am Freitag in Srinagar.
Hilfe für Pakistan
Josef Engelhardt (JosefEngelhardt)
- 05.11.2005, 15:13 Uhr