30.08.2010 · Jada Chandia im Süden des Punjab ist seit mehr als drei Wochen durch das Hochwasser abgeschnitten. Die Bewohner sind auf sich allein gestellt. Nur zweimal erhielt das Dorf Besuch - und niemand half.
Von Jochen BuchsteinerBis zur Brust steht Munawar Hussain das Wasser, wenn er durch sein Grundstück watet. Er prüft die Wasserpumpe, die trotzig aus dem braunen See herausragt, geht dann hinüber zu den Resten seines Hauses und tastet mit den Beinen nach Überresten im Schlamm. „Es gibt Diebe hier“, sagt er, „und ich will doch das Material meines alten Hauses wiederverwenden!“ Retten konnte er schon ein paar Fensterrahmen und einen Stahlträger.
Seit einer Woche ist Hussain zurück in Jada Chandia. Seine Familie wartet noch in Muzaffagarh, der Distrikthauptstadt, die einmal zwanzig Minuten entfernt war und nun wegen des Indus-Hochwassers schier unerreichbar scheint. Mit Hussain sind ein paar Dutzend weiterer Dorfbewohner zurückgekommen, um zu inspizieren, was die Flutwelle vom 8. August übriggelassen hat.
Einige haben einen Teil ihrer Habseligkeiten noch rechtzeitig auf den Hügel getragen, ins Haus von Ghulame Akbar Chandia, dessen Name anzeigt, dass er mit dem Dorf besonders verbunden ist. „Die Menschen vertrauen mir und haben mir zugleich eine große Verantwortung aufgebürdet“, sagt der Dorfälteste und zeigt auf seinen Hof, wo ein Diener auf Getreidevorräte, Kühlschränke und ein paar Büffel aufpasst.
Das Wasser war schneller als der Kleintransporter
Hussain wollte schlauer sein. Er hatte einen Kleintransporter aus Muzaffargarh bestellt, um seinen gesamten Hausstand zu evakuieren, aber das Wasser war schneller. So verlor er alles - was noch mehr war als sonst, denn in den Wochen vor dem Hochwasser hatte er Kostbarkeiten zusammengetragen, die er seiner ältesten Tochter als Mitgift für die Hochzeit geben wollte. Am Rande der Ortschaft stehen drei Funktürme, die einmal um die Handy-Besitzer im Ort konkurrierten. Hussain war für den mittleren zuständig, als Wächter. Doch als das Hochwasser stieg, fiel der Turm aus, und jetzt, wo nur noch der Betonsockel umspült ist, fehlt Diesel, um den Generator zu betreiben. So kündigte ihm die Mobilfunkfirma. „Damit habe ich gleich doppelt verloren, mein Haus und meine Arbeit“, sagt Hussain.
Am frühen Nachmittag treffen sich die Männer von Jada Chandia zum Tee. Die Teestube gehört zu den wenigen Häusern, die noch ein Dach haben, aber man nimmt draußen Platz. Zwei Betten stehen sich gegenüber, auf denen die Männer bei fast vierzig Grad Hitze kauern. Es wird Bilanz gezogen: Drei Dorfbewohner sind von den Fluten hinweggerissen und nicht wieder aufgefunden worden. Siebzig Prozent aller Gebäude sind zerstört. Unmittelbarer Hunger droht nicht, aber das Vieh hält nicht mehr lange durch, weil das Futter ausgegangen ist.
Die gesamte Ernte ist dahin
Die gesamte Ernte ist dahin, und Akbar Chandia fürchtet, dass auch die winterliche Weizenernte abzuschreiben ist. Die Böden, erklärt er, seien zu verseucht, als dass in den nächsten Monaten irgendetwas mit Aussicht auf Erfolg angepflanzt werden könnte. Es sind harte Männer, die sich da auf den beiden Betten versammelt haben. Ihre zerfurchten Gesichter erzählen von entbehrungsreichen Jahren auf dem Feld. Umgeben von Sanddünen gelang es den Bewohnern von Jada Chandia, der Wüste einige Hektar fruchtbares Land abzuringen. Jetzt wirkt die unwirkliche Landschaft, in der sich Baumwoll- und Zuckerrohrfelder wie Teppiche über den Sand legen, beinahe gespenstisch. Die Pflanzen, die noch immer im Wasser stehen, haben sich bräunlich eingefärbt, ein leichter Fäulnisgeruch kriecht von den Wurzeln empor.
Den Ausfall für vier Hektar will die Regierung jedem Bauern erstatten, aber nur wenn sie einen Landtitel vorweisen können. In Jada Chandia, wo die meisten Bauern Parzellen von Großgrundbesitzern gemietet haben, wird das als wenig hilfreich betrachtet. Zustehen würde ihnen eine volle Kompensation, sagt Chandia, der Dorfälteste - und zwar von der Provinzregierung in Lahore. Denn dort dient ein Minister, dem sie ihr Unglück stärker anlasten als der Natur. Der Großgrundbesitzer habe dafür gesorgt, dass das Hochwasser nicht auf seine Ländereien geleitet worden sei, sondern auf die Felder des Dorfes, heißt es. „Sobald die Hauptstraße wieder in Betrieb ist, werden wir sie besetzen und protestieren“, kündigt ein Dorfbewohner an, und die anderen stimmen grimmig zu.
Einmal landete ein Hubschrauber
Man fühlt sich im Stich gelassen in Jada Chandia. Seit Anfang des Monats gab es nur zweimal Besuch. Einmal landete ein Hubschrauber und spuckte ein paar Soldaten aus, die erfolglos nach den Vermissten Ausschau hielten. Und dann kam irgendwann ein Motorboot mit einer Abordnung der radikalislamischen Organisation „Jammat-u-Dawa“, um ihnen Zelte zu versprechen. Seither ist nichts geschehen.
Die Bewohner von Jada Chandia sind auf sich allein gestellt. Täglich machen sich die Männer auf den Weg, um das Nötigste in Muzaffargarh zu besorgen. Es ist eine Tagesreise. Die drei Autos, die das Dorf besaß, sind hinweggespült. Ein kleines Motorrad ist noch in Betrieb, auf dem ein Fahrer jeweils drei Männer bis zu dem Punkt bringt, an dem die Straße abgebrochen ist. Von dort geht es zu Fuß durchs Wasser weiter. Der Boden ist schlammig und uneben; jeder Schritt muss ertastet werden. Immer wieder verlieren die Entgegenkommenden die Balance und versinken mit ihrem Gepäck auf dem Kopf im Wasser.
Wo es wieder trocken wird, beginnt ein Sandweg, der sich kilometerlang durch die Dünen schlängelt. Kinder und Frauen balancieren schwere Lasten auf dem Kopf und müssen ausweichen, wenn ihnen ein überladener Eselskarren entgegenkommt. Die geteerte Straße, die schließlich nach Muzaffagarh hineinführt, ist gesäumt von Bretterverschlägen, Zelten und anderen Notunterkünften. Zehntausende Menschen, die aus den umliegenden Dörfern geflohen sind, warten hier auf die Rückkehr. Wenn ein Hilfskonvoi in Muzaffagarh einläuft, verbreitet sich dies wie ein Lauffeuer und die Menschen rennen zum Sammelort.
Eine Kelle Linsensuppe in einem verdreckten Glas
Heute ist ein Lastwagen aus Sahiwal angekommen. Hunderte drängen sich in lautstarker Verzweiflung um den Wagen. Die Männer, die die Waren verteilen - Kerzen, Suppen, Brot -, schlagen immer wieder den Kindern auf den Kopf, die auf das Fahrzeug klettern wollen. „Ich schaffe das nicht mehr, in diesem Gedrängel“, sagt eine ältere Frau und zeigt resigniert auf ihr verdrecktes Glas, in das eine Kelle Linsensuppe gefüllt wurde.
Ein paar Meter weiter steht ein Lastwagen aus Lahore. So sehr wird er bestürmt, dass er gefährlich hin und her wankt. Der Wohltäter, ein Geschäftsmann aus der Provinzhauptstadt, ist schweißgebadet. Gemeinsam mit dem Wohltäter aus Sahiwal, Zahir Iqbal, beobachtet er den Tumult aus sicherer Entfernung. „Wir haben uns privat organisiert - sonst hilft diesen Menschen hier ja keiner“, sagt Iqbal.
Das pakistanische Fernsehen berichtet seit Wochen, dass der südliche Punjab zu den am härtesten getroffenen Gebieten zählt. Aber weder Regierung noch Armee, noch internationale Hilfsorganisationen kommen hinterher. In Multan, der Regionalmetropole, haben sich inzwischen so viele Helfer eingefunden, dass es kaum noch ein Hotelzimmer gibt. Einige Organisationen, wie das Österreichische Jugendrotkreuz, die japanische Armee oder die Helfer aus Dubai, konzentrieren sich auf Gebiete jenseits Muzaffargarhs und Umgebung, andere stehen erst am Anfang ihrer Unternehmungen. Die Deutsche Welthungerhilfe lässt gerade ein Vorauskommando erkunden, wo und wie die Hilfe im Südpunjab am besten geleistet werden kann.
Die Männer von Jada Chandia klagen nicht über die schleppende internationale Hilfe. Ihnen würde es genügen, käme wenigstens ein Emissär der eigenen Regierung, um sie als Flutopfer zu registrieren. „Man hat uns hier offenbar vergessen“, sagt Hussain. Einen „Lichtblick“ sieht nur Chandia, der Dorfälteste. Seit dem Wochenende ist das Dorf wieder ans Stromnetz angeschlossen, und Chandia ist der einzige, der eine funktionierende Klimaanlage besitzt.
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Michael Scheffler (Striesner)
- 30.08.2010, 21:42 Uhr
Wen man noch vergessen hat...
Ulla Nachtmann (fatumath)
- 30.08.2010, 22:39 Uhr
..und wenn es so eine Katastrophe hier gegeben hätte..
Michael Meier (never1)
- 30.08.2010, 22:52 Uhr
In Pakistan kann Deutschland zeigen, dass es eine Nation des Friedens ist !
Rainer Kähni (MONSIEUR-RAINER)
- 31.08.2010, 11:50 Uhr
@ Rainer Khäni
Ulla Nachtmann (fatumath)
- 01.09.2010, 01:36 Uhr
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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