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Nach der Flutkatastrophe Die Albträume der geretteten Kinder

30.12.2004 ·  Sie sind der tödlichen Flut entkommen, doch nun kämpfen sie mit Albträumen, in denen sie wieder und wieder von den Wassermassen fortgespült werden. Wie es den geretteten Kindern und ihren Eltern geht.

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Sie sind der tödlichen Flut mit knapper Not entkommen, doch ihr größter Kampf steht ihnen noch bevor: Die aus den Wellen geretteten Kinder auf der malaysischen Urlaubsinsel Penang werden in ihren Alpträumen wieder und wieder von den Wassermassen hinfortgespült.

„Er weint im Schlaf und schreit 'nein, nein'. Wenn ich ihn frage, was er hat, weint er nur“, berichtet die Mutter des elf Jahre alten Mohamad Fikri Rahim, der im Krankenhaus von Penang behandelt wird.

„Schwarz vor Schlamm“

Der kleine Junge spielte mit seiner 13 Jahre alten Schwester vor dem Haus seiner Eltern, das fast einen Kilometer vom Strand entfernt lag, als die Wasserwand zuschlug. „Eine Welle hoch wie Kokospalmen und schwarz von Schlamm fegte über uns hinweg und verschluckte alles“, erzählt Mohamads Mutter Rahibah.

Die Schwester wurde in ein Nachbarhaus gespült, die Mutter konnte sich an einem Pfosten festhalten, doch der kleine Junge war verschwunden. Ein mutiger Verwandter tauchte ins Wasser hinab, um das Kind zu suchen, und holte ihn aus den trüben Tiefen hervor. „Er war über und über mit Schlamm bedeckt, selbst sein Mund und seine Nase waren voller Schlamm.“

Wiederbelebt, aber wie verwandelt

Der Junge wurde im Krankenhaus wiederbelebt, doch seither ist er wie verwandelt. Er mag nicht essen, er spricht kaum und antwortet auf Fragen nur sehr zögerlich.

Auch der zwei Jahre alte Mohamad Ashraf reagiert nicht, wenn er angesprochen wird. Der Junge war mit seinen Eltern zu einem Picknick am Strand gekommen, als die Katastrophe über sie hereinbrach. „Plötzlich tauchte am Horizont ein weißer Strich auf, wir waren total fasziniert und starrten den Strich an. Sekunden später schlugen die Wellen über uns zusammen“, berichtet der Vater des Kindes.

Wasser kam aus Mund und Nase

Als die Wassermassen wieder abgeflossen waren, lag der kleine Junge auf dem Rücken am Strand, Wasser triefte aus seiner Nase. „Ich drückte auf seinen Bauch, da kam auch Wasser aus seinem Mund gelaufen. Ich habe nie gelernt, wie man ertrinkende Kinder wiederbelebt, aber irgendwie habe ich das Richtige gemacht“, sagt der Vater.

Zum Picknick am Strand werde die Familie nie wieder gehen, schwört Mohamad Ashrafs Mutter Khatijah. Der kleine Junge verbirgt bei dem Gespräch sein Gesicht in den Händen. „Dieser Alptraum wird nie vorübergehen“, fürchtet seine Mutter.

Welches Kind kann ich retten?

Eine Australierin hat bei der Flutkatastrophe in Südasien am Sonntag den Albtraum einer Mutter erlebt: Jillian Searle mußte sich entscheiden, welches ihrer beiden Kinder sie festhalten würde, als die Flutwelle über eine Hotelanlage auf der thailändischen Insel Phuket hereinbrach.

„Ich wußte, daß wir alle sterben würden, wenn ich sie beide festhalte“, sagte Searle bei ihrer Rückkehr in die australische Stadt Perth am Donnerstag. Deshalb habe sie eine Frau gebeten, ihren fünf Jahre alten Sohn Lachie zu nehmen, während sie selbst den 20 Monate alten Blake im Arm behalten habe. „Als wir sie später wiedergesehen haben, sagte sie: 'Es tut mir wirklich leid, daß ich ihn loslassen mußte.'"

Sohn konnte nicht schwimmen

Der Vater der beiden Kinder mußte vom Balkon des Hotelzimmers hilflos zusehen, wie die zweite Welle über die Anlage hereinbrach - wissend, daß sein Sohn sich irgendwo dort unten befand und nicht schwimmen kann.

„Es war die schrecklichste Zeit meines Lebens“, sagte er in Perth. Wie durch ein Wunder sei es Lachie aber gelungen, sich in der überfluteten Hotelhalle an einem Pfosten festzuklammern und den Kopf so lange über Wasser zu halten, bis die Flut nachgelassen habe.

Nach stundenlanger Suche wiedergefunden

„Ich habe lange nach Mama geschrien“, sagte der Junge seinem Vater später. „Meine Hände sind ganz schmutzig, und ich muß meine Anziehsachen waschen.“ Die Eltern fanden ihren Sohn nach einer stundenlangen verzweifelten Suche auf dem Arm eines Wachmannes, wie sie erzählten. „Ich kann es nicht glauben, daß sie hier sind“, sagte Jillian Searle über das Glück, mit ihren beiden Kindern nach Hause zurückzukehren.

Nach Schätzungen des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef) ist jedes dritte Opfer der Flut ein Kind. Unicef sammelt zum Jahreswechsel Spenden für die Opfer. „Tausende Kinder haben durch die schreckliche Flutwelle ihre Eltern oder Geschwister verloren, Millionen sind obdachlos geworden", sagte die Schirmherrin von Unicef Deutschland und Frau des Bundespräsidenten, Eva Luise Köhler.

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