12.03.2009 · Einen Tag nach dem Amoklauf herrschen in Winnenden Trauer und Bestürzung. Den meisten Menschen fällt es schwer, zu einem normalen Tagesablauf zurückzufinden. Viele suchen mit Blumen und Kerzen Trost an der Stelle, an der das Unglück geschah.
Am Tag nach dem Amoklauf in Winnenden herrscht Belagerungszustand am Schulzentrum der Stadt. Zahlreiche Fernsehteams aus dem In- und Ausland sind gekommen, um über das, was für viele Anwohner der Stadt noch unfassbar scheint, zu berichten. Vor der Schule legen auch am Donnerstag zahlreiche Eltern und Schüler Blumen ab und zünden Kerzen an. Auf Plakaten und Zetteln fragen sie nach dem „Warum“ der Tat. Es herrscht tiefe Trauer und Bestürzung. Zahlreiche Jugendliche weinen, werden von ihren Freunden in den Arm genommen und gestützt.
Auch Irmgard Sommer sucht mit einem Strauß Blumen in der Hand den Weg an die Albertville-Realschule, an der am Mittwoch Tim K. seine grausige Tat begann. In der Schule erschoss K. insgesamt neun Schüler, davon acht Schülerinnen, sowie drei Lehrerinnen, bevor er auf seiner Flucht weitere drei Menschen und schließlich sich selbst tötete. „Ich kann das alles nicht begreifen. Das ist einfach nur furchtbar“, sagt die Frau unter Tränen. Ihr 14-jähriger Enkel ist Schüler des benachbarten Gymnasiums. Lange habe sie am Mittwoch nach der Tat nicht gewusst, was mit ihm sei, berichtet Sommer.
Gespräche mit Lehrern und Psychologen
Die Schüler des Lessing-Gymnasiums sind am Donnerstag zur zweiten Stunde in die Schule bestellt worden. Dort sollten Gespräche mit Lehrern und Psychologen stattfinden. Der Unterricht an allen Schulen des Schulkomplexes wurde für die restliche Woche abgesagt. Die Albertville-Realschule, an welcher der Amoklauf stattfand, bleibt vorerst geschlossen. Am Donnerstag wurden Schüler von Polizeipsychologen, Notfallseelsorgen und dem Roten Kreuz in der angrenzenden Hermann-Schwab-Halle betreut. Zum Teil wurden die Schüler zu den Gesprächen von ihren Eltern begleitet. Viele wollen oder können jedoch noch nicht über das Erlebte sprechen. Andere berichten, dass ihnen die Lehrer verboten hätten, der Presse etwas zu sagen.
Einer, der redet, ist der 15-jährige Daniel, der seinen richtigen Namen lieber nicht nennen will. Er berichtet von einer „entspannten Atmosphäre“ bei den Gesprächen mit den Psychologen. Es habe ihm gut getan. Er selber war in einem der Klassenzimmer, in der Tim K. Mitschüler erschossen hat. Als er versucht, über das Erlebte zu sprechen, versagt Daniel die Stimme. „Das ist alles noch ein wenig, wie in einem Film. Man realisiert das noch gar nicht“, erklärt er schließlich mit dünner Stimme. Mehr kann er nicht mehr zu der Tat sagen. Sein Vater hatte ihn zu dem Gespräch begleitet. Der macht klar, dass es nun auch darum gehe, wieder zu einem „normalen Tagesablauf zurückzufinden.“ Das Rote Kreuz will das seelsorgerische Angebot für die Schüler noch bis Ende nächster Woche aufrecht erhalten. Bis dahin sollten Seelsorger in Winnenden sein, sagte ein Sprecher des Deutschen Roten Kreuzes.
Ein Jahr Trauerarbeit in Erfurt
Schüler und Lehrer der betroffenen Schule werden nach Ansicht der Erfurter Traumatherapeutin Alina Wilms eine längerfristige psychologische Betreuung benötigen. „Nach dem Massaker am Erfurter Gutenberg- Gymnasium hat allein die Gruppenbetreuung der Schulklassen ein Jahr gedauert, hinzu kamen Einzeltherapien für traumatisierte Schüler teilweise noch über Jahre hinweg“, sagte Wilms. Die Therapeutin hatte nach dem Blutbad in Erfurt im Jahr 2002 die Betreuung der traumatisierten Schüler und Lehrer geleitet.
Bereits am Mittwochabend hatten hunderte Menschen Trost und Halt in einem ökumenischen Gottesdienst gesucht. Auch viele Schüler der Albertville-Realschule waren gekommen. Immer wieder brachen Trauernde unter Tränen und Schluchzen zusammen und mussten von Sanitätern aus der Kirche gebracht werden. Zum Ende des Gottesdienstes entzündeten Dutzende Trauergäste eine Kerze und legten sie unter dem Kreuz vor dem Altar der St.-Karl-Borromäus-Kirche nieder. Vor der Schule, aus der die Leichen der getöteten Schüler und Lehrer erst am Abend herausgetragen worden waren, versammelten sich in der Nacht Dutzende zu einer Mahnwache. Hunderte Kerzen erinnerten an die Opfer. Trauernde hatten Kuscheltiere, Porzellanfiguren, Frühlingsblumen und roten Rosen niedergelegt.
Als Reaktion auf den Amoklauf von Winnenden haben Fernsehsender und Veranstalter auch am Donnerstag viele Unterhaltungssendungen und Feste abgesagt.