03.06.2009 · Das französische Spezialboot „Pourquoi Pas“ wird über eine Meeresstrecke von mehreren hundert Kilometern nach der Black Box suchen müssen. Das kann wochenlang dauern.
Von Jan GrossarthWeit unten in der atlantischen Tiefsee leuchten nur noch die Anglerfische, die ihre Beute mit Licht locken. Sonst ist es ganz finster mehrere tausend Meter unter dem Meeresspiegel. Irgendwo unten am Grund, vermutlich 650 Kilometer nordöstlich der kleinen brasilianischen Hochseeinsel Fernando de Noronha, müssen nun auch die beiden Flugschreiber des am Montag verunglückten Airbus A 330-200 liegen. Die zweiteilige Blackbox ist nicht schwarz, sondern orange, doch leider leuchtet sie nicht.
Stattdessen ist der Flugschreiber mit einem Peilsender ausgestattet, der durch Kontakt mit Salzwasser automatisch ein Tonsignal aussendet. Nur noch 29 Tage lang wird die Batterie der Blackbox vermutlich halten, so lange sendet diese mit einer Unterwasser-Reichweite von einigen Kilometern. Läge sie aber im Schlamm, könnte ihre Reichweite erheblich reduziert sein. Die französische Regierung hat das Spezialboot „Pourquoi Pas“ des Forschungsinstitutes Ifremer an die Unglücksstelle geschickt. Es werde über eine Meeresstrecke von mehreren hundert Kilometern nach dem Tonsignal suchen müssen, hieß es.
Der Roboter liefert Videoaufnahmen vom Grund
Auf dem Schiff befinden sich zwei kleine Tiefsee-Tauchboote: Ein mit bis zu drei Menschen bemanntes Boot des Typen „Nautile“ und einen unbemannter Tauchroboter der Bauart „Victor 6000“. Diese sollen in die gebirgige Unterwasserlandschaft herabgelassen werden. Das Nautile-Tauchboot soll unter Wasser mit Mikrofonen ausgestattet versuchen, das Tonsignal der Blackbox zu empfangen. Gelänge dies, würde anschließend womöglich der Tauchroboter, der an einem Kabel verbunden vom Schiff herabgelassen wird, eingesetzt. Der Roboter liefert Videoaufnahmen vom Grund, die Bootsbesatzung müsste den Flugschreiber so auf Sicht suchen. Die Scheinwerfer leuchten in der Tiefsee etwa 10 bis 20 Meter weit. Die Suche kann wochenlang dauern, denn der Roboter bewegt sich nur etwa zwei Stundenkilometer schnell.
Wüsste man, wo die Blackbox liegt, könnte „Victor 6000“ mit seinen kräftigen ferngesteuerten Greifarmen versuchen, sie von den Flugzeugteilen, mit denen sie verbunden ist, zu lösen und zu heben. Größere Wrackteile wird der Roboter aber keinesfalls an die Oberfläche tragen können, seine Arme tragen nicht viel mehr als 100 Kilogramm, sagt der Meeresforscher Friedrich Abegg vom Kieler Leibnitz-Institutes für Meereswissenschaften.
Steil wie die Allgäuer Alpen
In der vermuteten Absturzregion liegen ausgedehnte Unterwassergebirge. „Sie sind so steil, wie die Allgäuer Alpen“, vergleicht Hartmut Heinrich, Forscher beim Bundesamt für Seeschifffahrt. Die vermutliche Unglücksstelle liegt nahe dem Mittelatlantischen Rücken, einem Unterwasser-Gebirgszug im Atlantischen Ozean. Hinderlich bei der Suche könnte auch das stürmische Wetter, wie es in dieser Jahrezeit in der Region üblich ist, werden. Die Black Box jedenfalls hält einem Wasserdruck in Tiefen von bis zu 6000 Metern stand.
Die Angaben von französischer Seite über die mögliche Meerestiefe an dem Fundort der Wrackteile variierten am Mittwoch erheblich: Wegen der Tiefe von „7000 Metern“ sei er „nicht optimistisch“, dass die Black Box gefunden werden könne, sagte der Leiter der französischen Untersuchungsbehörde BEA, Arslanian. Verteidigungsminister Jobim nannte andere Zahlen: „Sie könnte in einer Tiefe von 2000 bis 3000 Metern in diesem Teil des Ozeans liegen“, sagte er in Rio de Janeiro. Die flachsten Meeresstellen in dieser Atlantikregion sind 1500 Meter tief.
Die beiden Flugschreiber, von denen einer die Flugkoordinaten und der andere Gesprächsaufzeichnungen aus dem Cockpit enthält, sind deshalb fest an das Heck des Airbus montiert, weil dieses nach einem Absturz gewöhnlich am schnellsten gefunden wird. Nach Worten von Karsten Severin von der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung wäre die Suche nach der Black Box auch nicht viel einfacher, wenn diese so konstruiert wäre, dass sie sich vom Heck löste und schwimmen könnte: „Einen schwimmenden Schuhkarton auf dem Atlantik zu finden, ist auch nicht einfacher.“ Vor fünf Jahren hatte es nach einem Flugzeugabsturz über dem Roten Meer bei Scharm el Scheich fast zwei Wochen lang gedauert, den Flugschreiber zu finden. Dieser lag nur 1000 Meter tief.