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Loveparade - ein Jahr danach Der Weg aus dem Tunnel

24.07.2011 ·  Ein Jahr nach der Loveparade blickt der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes zurück auf den schwärzesten Tag in der Geschichte seiner Einsätze: Selbst erfahrene Kräfte hätten sich bisher ungekannten Anblicken stellen müssen.

Von Jan Wiele, Duisburg
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Die Präsentation zur Love Parade, die Frank Marx auf Kongressen für Notfallmediziner und Rettungsdienstpersonal zeigt, teilt den 24. Juli 2010 in zwei Hälften: eine bis 17 Uhr und eine danach. In der ersten Hälfte sieht man freundlich lächelnde Helfer vor Sanitätszelten oder Einsatzfahrzeugen, Würstchenesser und gute Stimmung. Es sollte für sie der krönende Abschluss einer monatelangen Vorbereitung werden, sagt Frank Marx. In der zweiten Hälfte zeigt Marx, der als ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes an dem schwarzen Tag Duisburgs dabei war, Bilder aus dem Karl-Lehr-Tunnel, die um die Welt gingen: den Müll, die Sanitäter im Noteinsatz, die abgedeckten Toten.

Sein regulärer Arbeitsplatz ist der Hubschrauberstützpunkt an der Duisburger Unfallklinik. Von hier aus fliegt Marx als Notarzt mit der Besatzung des Rettungshubschraubers Christoph 9 zu schweren Unfällen oder anderen Notfällen in der Gegend. Kaum hat er sich hingesetzt, um über Duisburg zu reden, da geht der Pieper: Jemand ist in Gelsenkirchen von einem Baugerüst gestürzt. In diesem Fall jedoch fliegt eine Kollegin den Einsatz – ehe man sich's versieht, ist der Hubschrauber in der Luft. Als der Rotorenlärm verklingt, ist es still auf der Wache. Frank Marx wirkt bedächtig, spricht stets wohlüberlegte Sätze und scheint seinen Worten manchmal noch hinterherzuschauen.

Zum Einsatz kamen an diesem Tag nur die Fahrzeuge

Neun Rettungshubschrauber standen am Tag der Love Parade bereit. Aber zum Einsatz kamen an diesem Tag nur die Fahrzeuge. Marx war mit seinem Wagen ganz in der Nähe des Karl-Lehr-Tunnels. Die Alarmierung lautete zunächst auf eine Schlägerei. Marx fuhr auf der A 59, die für den Tag präventiv gesperrt worden war, zu dem Punkt, an dem man von oben in den Tunnel heruntersteigen kann. Was er sah, als er unten ankam, beschreibt er heute mit einem Wort: „unwürdig“ habe es ausgesehen, wie dort die vollkommen verdreckten Körper zwischen Bergen von Müll lagen. Einige wurden bereits reanimiert. „Sie waren so dreckig, dass ich unwillkürlich denken musste: Die kommen aus dem Bergbau.“

Binnen kurzer Zeit war der Tunnel mit Rettungskräften wie geflutet, erzählt Marx. Besonders herausfordernd sei es gewesen, die Gleichzeitigkeit all der verschiedenen Vorgänge zu begreifen. Zum einen waren da die vielen Helfer mit ihren Fachfragen. Daneben Menschen, die schimpften oder um Hilfe riefen. Nur ein paar Meter weiter andere, die johlten und noch gar nicht mitbekommen hatten, was passiert war. Und wiederum andere, die still da saßen oder lagen, manche weinend.

Für 21 „rote“ Patienten kam jede Hilfe zu spät

Als Koordinator klassifizierte Marx die Verletzten nach Gefährdungsgraden: rot für jene, die Soforthilfe benötigen, gelb für Schwerverletzte, die innerhalb von zwei Stunden dringend einer Behandlung in der Klinik bedürfen (etwa wegen Knochenbrüchen oder inneren Verletzungen) und gelb für Leichtverletzte, die zunächst zurückgestellt werden können.

Für 21 „rote“ Patienten kam jede Hilfe zu spät. Bei fünf von ihnen habe man vorerst noch die Kreislauffunktion wiederherstellen können, sie seien jedoch dann im Krankenhaus gestorben. Ihm sei jedoch ganz wichtig, sagt Marx, dass alle Angehörigen wüssten: Bei jedem, der leblos dort lag, wurden Wiederbelebungsversuche ausgeführt. Niemand sei vernachlässigt oder gar aufgegeben worden.

Gehört eben das nicht zum Szenario einer Massenpanik?

Und dann sagt Frank Marx noch etwas Erstaunliches: Er habe sich vorher nicht vorstellen können, was es heißt, wenn mehrere Menschen auf einem anderen stehen und ihn so quetschen, dass er erstickt. Gehört eben das nicht zum Szenario einer Massenpanik? Natürlich wisse er es in der Theorie, sagt er. Aber wie es in der Praxis aussieht, das habe sich wohl keiner der Rettungshelfer vorher ausmalen können. Es wirkt wie ein Fanal gegen die Abgebrühtheit, die Rettungskräften häufig nachgesagt wird.

Frank Marx hat die Katastrophe von Duisburg miterlebt. Und trotz allem sagt er: „Die Love Parade bestand nicht nur aus dem Tunnelunglück.“ Nachdem Großalarm ausgelöst worden war, hätten insgesamt fast 4000 zum großen Teil ehrenamtliche Helfer an diesem Tag ihr Bestes gegeben, auch wenn es für manche am Ende nicht gut genug war.

Es hätte noch viel schlimmer kommen können

Natürlich will Marx nicht von einem Erfolg sprechen, wenn 21 Menschen ums Leben gekommen sind. Aber er sieht in der Arbeit aller beteiligten Einsatzkräfte unter den gegebenen Umständen auch Erfolge: vor allem darin, wie schnell etwa die Polizei den Tunnel freigemacht habe, damit die Verletzten weggebracht werden konnten. Zudem seien die Duisburger Kliniken vorbereitet gewesen. Sie konnten jeden Patienten sofort behandeln und etwa auf innere Verletzungen untersuchen. Die genaue Bilanz wurde jüngst in einem Bericht des chirurgischen Oberarztes am Duisburger Klinikum, Ole Ackermann, im „Deutschen Ärzteblatt“ veröffentlicht. Hinter diesen Bilanzen steht die Erkenntnis: Es hätte noch viel schlimmer kommen können.

Die mediale Sicht auf die Loveparade scheint sich häufig zu verengen auf den „Tunnelblick“. Das ist zumal zum ersten Jahrestag des schrecklichen Ereignisses verständlich. Wie aber auch einigen aus diesem Tunnel herausgeholfen wurde, ist zumindest erwähnenswert.

5600 Patientenkontakte habe es an dem Tag insgesamt gegeben, vom einfachen Pflasterverband bis zur Reanimation. Manchmal, so Marx, bestehe ärztliche Hilfe auch darin, Angst zu nehmen – und, so weit es geht, Schmerzen durch Medikamentengabe. Außerdem gehe es darum, dass die Helfer über ihre schlimmen Erfahrungen reden können. Im Rettungsdienst und zumal bei denen, die schon länger dabei sind, geschehe das viel zu selten. Aus seinen Erfahrungen auf Treffen zur Sicherheit bei Großveranstaltungen kann er noch hinzufügen, dass die Kommunen nach dem Fall Duisburg viel kritischer geworden seien und Flucht- und Rettungswege genauer geprüft würden.

Der Mediziner war bis morgens um halb sechs tätig

Das führt natürlich auch wieder zurück zur Frage nach der Verantwortung für die Katastrophe, nach Fahrlässigkeiten und Fehlern der Stadtverwaltung Duisburg und der Veranstalter. Zu denen möchte Marx sich nicht äußern, weil es nicht in seine Kompetenz falle. Auf seinem Gebiet als Mediziner war er bis morgens um halb sechs unermüdlich tätig – und traf dann zu Hause auf seine Frau, die als Duisburger Polizistin ebenfalls die ganze Nacht auf Achse war.

Draußen vor dem Fenster landet wieder der Hubschrauber mit den Kollegen, die vom Einsatz zurückkehren. Frank Marx steht für alle, die am 24. Juli 2010 in Duisburg im Einsatz waren. Für die Angehörigen und Freunde der Todesopfer werden diese Leistungen nichts mehr ändern. Für viele, denen bei der Katastrophe auf die eine oder andere Weise geholfen wurde, waren sie wichtig.

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