09.09.2005 · Nationalgardisten suchen weiter nach Verbliebenen, Leichen werden geborgen. Pumpen des THW sollen helfen, New Orleans trockenzulegen. Die Hurrikanhilfe wurde um weitere 51,8 Milliarden Dollar erhöht. Der umstrittene Fema-Chef Michael Brown muß nach Washington zurückkehren.
Am unheimlichsten sind die Häuser, die keinen Kratzer abbekommen haben in der Katastrophe. Wie ein dicker Teppich hängt die Stille über den von den Fluten verschonten Wohnvierteln im Westen von New Orleans. Völlig intakt, aber verlassen stehen die Häuser da. Kein Mensch ist zu sehen, nicht in den Fenstern, nicht in den Straßen. Straßenlaternen und Ampeln sind ausgeschaltet. Tankstellen, Donut-Cafés und Burger-Restaurants, die normalerweise summen vor Betriebsamkeit, sind leer. Vor einem Zeitungskiosk flattern noch Tageszeitungen im Wind. Erscheinungsdatum: der 28. und 29. August. Das war das Wochenende, bevor „Katrina“ die flirrende Jazzmetropole erst in ein Elendstal und dann in eine Geisterstadt verwandelte.
Leben zeigt sich in New Orleans eigentlich nur dort, wo das Militär unterwegs ist. Als befänden sie sich im Kriegsgebiet, ziehen Fallschirmjäger-Patrouillen der 82. Airborne Division von Haus zu Haus, um Anwohner aufzuspüren, die in der Stadt ausharren. Über den Dächern brummt ein Black-Hawk-Kampfhubschrauber auf der Suche nach Eingeschlossenen. Obwohl die verlassenen Straßen eigentlich eine andere Sprache sprechen, könnten sich Schätzungen zufolge noch etwa 10.000, vielleicht sogar 15.000 Menschen in der zerstörten Stadt befinden. Doch viele von denen, die zurückgeblieben sind, wollen die Stadt auf keinen Fall verlassen.
„Ich will, daß die mich in Ruhe lassen“
„Ich gehe nirgendwo hin“, sagt der 62 Jahre alte frühere Marineinfanterist Philip Turner. „Ich bin in Vietnam nicht weggelaufen, und jetzt gehe ich auch nicht weg.“ Auch der 64 Jahre alte Douglas Young, dessen Ehefrau, drei Kinder und acht Enkelkinder bereits im Nachbarstaat Texas sind, will nicht weg. „Ich könnte niemals in so ein Lager gehen“, sagt er. „Sie haben die Leute in ein Stadion gesteckt. Meine Nerven machen so was nicht mit, ich könnte niemals inmitten einer solchen Menschenmenge leben.“ Schon mehrfach haben die Soldaten bei Young an die Tür geklopft und ihm geraten, sich dem Flüchtlingsstrom anzuschließen. Bisher vergeblich. „Ich will einfach, daß die mich in Ruhe lassen“, sagt Young.
Nach „Katrina“: Geisterstadt New Orleans - Nur das Militär ist unterwegs
Die Gründe, warum viele Menschen in der verwüsteten Stadt bleiben, sind unterschiedlich. Häufig sind sie alt und krank, so daß sie sich wie Douglas Young den Strapazen eines Umzugs ins Ungewisse nicht gewachsen fühlen. Bei anderen handelt es sich um psychisch Gestörte oder um Drogenabhängige. Eigentlich hatte Bürgermeister Ray Nagin schon Mitte der Woche die Zwangsräumung von New Orleans angeordnet. Doch sowohl die Armee als auch die Nationalgarde und die Polizei weigern sich bisher, die Verbliebenen mit Gewalt aus ihren Häusern zu zerren. „Es wird eine Zwangsevakuierung werden, nicht daß wir Gewalt anwenden werden, aber es wird obligatorisch sein“, windet sich Vize-Sheriff Anthony Fernandez.
200 Milliarden Dollar Hilfe notwendig
Die Zahl der offiziell bestätigten Todesfälle in New Orleans erhöhte sich auf 118. Schätzungen zufolge kamen mehrere tausend Menschen ums Leben; auch mehr als 880 Ausländer werden vermißt. Die Bergung der Leichen kommt nur schleppend voran. Die Gesundheitsdienste warnen vor der Ausbreitung von Hepatitis und Wundstarrkrampf.
Der amerikanische Kongreß hat unterdessen dafür gesorgt, daß die Katastrophenhilfe weitergehen kann. Er hat die von Präsident George W. Bush beantragten 51,8 Milliarden Dollar (41,7 Milliarden Euro) für weitere Hilfsmaßnahmen bewilligt. Insgesamt wurden damit nun mehr als 62 Milliarden Dollar bereitgestellt. In die Zustimmung zu der Hilfsaktion mischten sich Warnungen vor einem Mißbrauch der Mittel und vor einer zu hohen Belastung des amerikanischen Haushalts. „Wenn so viel Geld so schnell ausgegeben wird, bringt das Gefahren mit sich“, sagte der republikanische Senator Jeff Sessions. Inzwischen gebe es schon Schätzungen, nach denen 200 Milliarden Dollar für die Hurrikan-Hilfe erforderlich seien. Jedoch wisse jeder, „daß dieses Geld nicht da ist“.
16. September: „Tag der Gebete für die Hurrikan-Opfer“
Bush erklärte den 16. September zum landesweiten Tag der Gebete für die Opfer des Hurrikans. Die oppositionellen Demokraten beharrten auf der Forderung nach einem unabhängigen Untersuchungsausschuß, um die Mißstände in den ersten Tagen der Katastrophenhilfe aufzuklären. Der von den Republikanern dominierte Kongreß sei nicht geeignet, um die Regierung zu überprüfen, sagten führende Vertreter der Demokraten. Ein Sportler könne auch nicht gleichzeitig Schiedsrichter sein.
Vor dem Weißen Haus in Washington forderten 150 Menschen, Bush müsse abgesetzt werden. Auch der frühere Außenminister Colin Powell kritisierte die Katastrophenhilfe. Es habe auf allen Niveaus „viel Versagen“ gegeben, sagte Powell. Er widersprach jedoch dem häufig geäußerten Vorwurf, die unzureichende Versorgung der Hurrikan-Opfer sei eine Form des Rassismus.
Michael Brown vor Ort abgelöst
Der umstrittene Chef der Behörde für Katastrophenmanagement (Fema), Michael Brown, wird als oberster Aufseher der Hurrikanhilfe vor Ort durch Vizeadmiral Thad Allen abgelöst. Brown solle als Chef der Behörde die Hilfe von Washington aus organisieren. Der Küstenwachenoffizier Allen werde die Koordination vor Ort leiten.
Ein Einsatzteam des Technischen Hilfswerks (THW) hat im Katastrophengebiet seine Arbeit aufgenommen. Wie die deutsche Botschaft in Washington mitteilte, trafen 54 THW-Fachleute mit Pumpen und anderem Hilfsmaterial in New Orleans ein. Die Experten sollen in den überschwemmten Gebieten vor allem beim Abpumpen des Wassers helfen. Die Pumpen wurden von der Bundesregierung auf Bitte Amerikas zur Verfügung gestellt.
Hilfsbereitschaft: 587 Millionen Dollar gespendet
Im Zusammenhang mit Spenden für Opfer des Hurrikans tauchten erste Fälle von Betrug auf. Unter anderem würden Empfänger von gefälschten E-Mails mit Logo und Bildern des Roten Kreuzes zum Spenden aufgefordert, teilte die Internet-Sicherheitsfirma Sophos Labs mit. Der angegebene Link führe aber nicht zu einer offiziellen Seite der Organisation. Die Täter versuchten nicht nur an Geld, sondern auch an Benutzer- und Paßwörter zu gelangen. Die Hurrikan-Katastrophe hatte bei den amerikanischen Bürgern eine beispiellose Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst. Bis Donnerstag wurden 587 Millionen Dollar gespendet.
Schlechter Journalismus
Thomas GH Dorsch (tdorsch)
- 06.09.2005, 09:29 Uhr