22.03.2011 · Seit 20 Jahren lebt Jochen Legewie in Japan. Der Kommunikationsberater ist mit einer Japanerin verheiratet. In diesen Tagen erlebt er eine gelassene Bevölkerung. Naiv oder desinformiert seien die Japaner jedoch nicht.
Dr. Jochen Legewie, Jahrgang 1965, lebt seit 20 Jahren in Japan und ist mit einer Japanerin verheiratet. Er arbeitete beim japanischen Industrieverband Keidanren, war bis 2004 für Daimler Kommunikationschef von dessen japanischer Tochtergesellschaft Mitsubishi Motors, arbeitete am Deutschen Institut für Japanstudien und leitet heute das Tokio-Büro der deutschen Kommunikationsberatung CNC.
„Als Kommunikationsberater ist es meine Aufgabe, komplexe Sachverhalte zu erklären und zwischen den Kulturen zu vermitteln. Das ist dieser Tage nicht ganz einfach. Die Lage ist sehr ernst. Wir haben Angst vor den weiteren Entwicklungen in den Atomreaktoren in Fukushima. Verwandte, Freunde und Bekannte in Deutschland haben mich und meine Frau gebeten, Tokio zu verlassen. Zumindest sollen wir weiter nach Süden in Richtung Osaka gehen, um dort sicherer vor möglicher Strahlung zu sein. Ich verstehe sie gut. Wie ich auch die verstehe, die Tokio schon verlassen haben.
„Untergang“ und „Apokalypse“
Wir sehen die Bilder der Reaktoren, wir lesen die Nachrichten auf japanischen, deutschen und englischen Internetseiten, und wir fühlen uns gut informiert. Sehr schnell war gerade auf deutschen Internet-Medien die Rede von „Untergang“ und „Apokalypse“. Damit wurden mir auch die Sorgen meiner Lieben in Deutschland klar. Zu dramatisch lesen sich diese Beschreibungen. Wie fast alle Japaner habe ich mich mit meiner Frau jedoch entschieden, in Tokio zu bleiben. Keine einfache Entscheidung, aber bewusst getroffen.
Auch nach 20 Jahren betrachte ich dieses Land nicht nur mit japanischen Augen, dafür bin ich zu deutsch. Aber nach so langer Zeit sehe ich mich auch in der Verantwortung, gegenüber meiner japanischen Familie, unseren Kunden, die selbst durch eine schwere Zeit gehen. Statt in Panik zu geraten, erfüllen die Japaner ihre familiären und beruflichen Pflichten, beobachten die Situation ruhig und bereiten sich systematisch auf mögliche weitere Verschärfungen vor. Diese Stärken werden Japan helfen, die schwierige Situation zu meistern.
Von Hysterie keine Spur
Dabei fühle ich mich nicht als treu-gläubiger Empfänger der offiziellen Botschaften oder als naiver Mitläufer. Wir haben für unsere Wasser- und Lebensmittelvorräte in den Supermärkten in langen Schlangen gestanden. Unser Wagen ist vollgetankt, genügend Bargeld ist vorhanden. Hier verfolgen alle die Nachrichten, ohne ständig darüber zu sprechen und sich in dieser Extremsituation gegenseitig noch weiter nervös zu machen.
Als ich jetzt mit dem Fahrrad ins Büro fuhr, um möglichen Ausfällen der U-Bahn aus dem Weg zu gehen, meinte eine Mitarbeiterin: „Oh, das muss ja gesund sein, Auf und Ab über einen so langen Weg.“ Als Deutscher habe ich zunächst einmal geschluckt und Ironie vermutet, da ich in diesen Tagen bei Betätigungen draußen nicht unbedingt an Fitness denke. Doch sind bisher in Tokio nur niedrige Radioaktivitätswerte gemessen worden. Außerdem wehte ein starker Westwind, so dass Tokio gar nicht von möglichen Emissionen erreicht werden konnte. Insofern hatte sie recht. Von Hysterie und Ironie keine Spur. Naiv oder desinformiert sind die Japaner auch nicht.
Innenpolitische Beweggründe der Deutschen?
Dieser Tage telefonierte ich mit einem befreundeten japanischen Journalisten, der Deutschland gut kennt und ab April dort als Korrespondent einer großen japanischen Zeitung arbeiten wird. Er fragte mich in japanischer Zurückhaltung, ob die deutsche Berichterstattung ausschließlich die deutsche Besorgnis widerspiegele, oder ob auch innenpolitische Beweggründe eine Rolle spielen könnten. Das saß. Ich konnte ihm zwar glaubhaft versichern, dass sich Deutschland wirklich Sorgen macht. Die Rolle der Politik konnte ich jedoch nicht ganz in Abrede stellen. Für manche Japaner trübt so etwas den Eindruck von der überwältigenden Anteilnahme. Und das ist schade, gerade in dem Jahr, in dem beide Länder 150 Jahre diplomatische Beziehungen feiern.“
wir brauchen Hilfe
Hans-Joachim Mueller (hansprag)
- 22.03.2011, 11:16 Uhr
Super Beitrag
Rüdiger Kimpel (rkimpel)
- 22.03.2011, 11:44 Uhr
Vielen Dank
Christina Kaiser (tina-san)
- 22.03.2011, 11:48 Uhr
Vielen Dank für diesen Beitrag...
Hans-Christian Schneider (Schneider-Hc)
- 22.03.2011, 11:50 Uhr
naiv
Ivo Huber (jimmycarter)
- 22.03.2011, 12:34 Uhr