14.01.2010 · Fast zwei Tage nach dem schweren Erdbeben in Haiti mit vermutlich zehntausenden Toten haben die ersten Helfer das Katastrophengebiet erreicht. Unterdessen spitzt sich die Lage immer mehr zu. „Die Menschen wissen nicht, wo sie mit den Leichen hinsollen“, sagte ein Helfer.
Von Christiane HeilFast zwei Tage nach dem schweren Erdbeben in Haiti mit vermutlich zehntausenden Toten haben die ersten Helfer das Katastrophengebiet erreicht. Die Vereinigten Staaten und zahlreiche andere Länder brachten am Donnerstag Hilfsgüter und Rettungsteams auf den Weg in den armen Karibikstaat. Die Regierung in Port-au-Prince befürchtete bis zu 100.000 Todesopfer.
Das Ausmaß der Katastrophe ist immer noch nicht abzusehen. In den Straßen der Hauptstadt Port-au-Prince liegen Hunderte Tote. „Die Menschen wissen nicht, wo sie mit den Leichen hinsollen“, sagte der Leiter der Welthungerhilfe auf Haiti, Michael Kühn, im ZDF. Immer mehr Verletzte versammelten sich vor den wenigen noch offenen Krankenhäusern der Hauptstadt. Die medizinische Hilfe bleibt jedoch eingeschränkt, da Medikamente sowie Verbandmaterial fehlen und in einigen Kliniken inzwischen das Benzin für die Generatoren ausgegangen ist. Aus Angst vor Nachbeben übernachteten tausende Überlebende im Freien.
Suche in den Trümmern mit bloßen Händen
Noch immer suchen verzweifelte Haitianer in den Trümmern ihrer Häuser mit bloßen Händen nach Familienmitgliedern und Freunden. Die Chance, sie noch lebend zu finden, sinkt mit jeder Minute. Nach Angaben von Raj Shah, dem Leiter der amerikanischen Behörde für internationale Entwicklung (USAID), gilt die Faustregel, dass in den ersten 72 Stunden nach einem Beben noch Verschüttete lebend geborgen werden können.
Die meisten Überlebenden haben die ersten Nächte auf der Straße verbracht aus Angst, in ihre Häuser zurückzukehren. Port-au-Prince wurde von fast 30 Nachbeben mit Magnituden von bis zu 5,0 erschüttert; die Bewohner fürchten, noch von einstürzenden Decken und Wänden erschlagen zu werden. Der Zusammenbruch der Wasser- und Stromversorgung hat währenddessen zu chaotischen Zuständen im Katastrophengebiet geführt. Auch in der zweiten Nacht kam es im Schutz der Dunkelheit wieder zu Plünderungen von Geschäften und Wohnungen.
Selbst Indonesien bietet Hilfe an
Die amerikanische Marine hat unterdessen ein Kampflandungsschiff mit fast 2000 Soldaten an Bord nach Haiti verlegt, um die Sicherheit im Katastrophengebiet zu gewährleisten. Auch ein Krankenschiff der Vereinigten Staaten, das während der zerstörerischen Hurrikane auf Haiti vor zwei Jahren bereits in der Karibik im Einsatz war, ankert bereits wieder vor der haitianischen Küste. Deutschland, Frankreich, Großbritannien und zahlreiche weitere Länder schickten ebenfalls Such- und Bergungsteams, Ärzte, Spürhunde, Medikamente und Lebensmittel. Auch das häufig von Naturkatastrophen heimgesuchte Indonesien bot seine Hilfe an.
Deutschland sagte 1,5 Millionen Euro Soforthilfe zu, die EU gewährte drei Millionen, London rund 6,9 Millionen Euro. Die Weltbank stellte 100 Millionen Dollar (knapp 69 Millionen Euro) an Soforthilfe in Aussicht, das Welternährungs-Programm (WFP) sagte 15.000 Tonnen Lebensmittel zu.
Wut und Enttäuschung
Die Verteilung der dringend benötigten Hilfsgüter gestaltet sich aber schwierig, da die meisten Straßen der 2-Millionen-Metropole Port-au-Prince durch Trümmer oder zurückgelassene Fahrzeuge blockiert werden. Angesichts der ausbleibenden Hilfe droht die Verzweiflung vieler Haitianer in Wut und Enttäuschung umzuschlagen. Wie Ken Isaccs von der amerikanischen Hilfsorganisation „Samaritan's Purse“ dem Fernsehsender CNN sagte, befürchtet er Unruhen im Krisengebiet, falls die Erdbebenopfer nicht schneller versorgt werden: „Eine gute Koordination der einzelnen Hilfsaktionen wäre der beste Weg, um Chaos zu vermeiden.“
Die Abstimmung wird vor allem dadurch erschwert, dass auch viele der in Port-au-Prince stationierten Hilfsorganisationen Opfer des verheerenden Erdbebens wurden. Das mehrstöckige Hotel mit den Büros der Vereinten Nationen kollabierte am Dienstag und verschüttete etwa 100 UN-Mitarbeiter, unter ihnen auch Sonderbotschafter Hédi Annabi. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen Ban Ki-moon hat am Mittwoch zudem den Tod von 16 brasilianischen, jordanischen und argentinischen Angehörigen der Friedenstruppen bestätigt. Auch die Helfer von „Ärzte ohne Grenzen“ konnten den Verletzten an den ersten beiden Tagen nur Erste Hilfe bieten, nachdem ihre drei medizinischen Einrichtungen auf Haiti durch das Erdbeben fast völlig zerstört wurden.
Eine nicht erdbebentauglichen Bauweise
Seismologen wie Kate Hutton vom California Institute of Technology in Pasadena machen für die Katastrophe auch die laxen Bauvorschriften im Inselstaat Haiti mit seinen fast zehn Millionen Bewohnern verantwortlich. Hutton verglich das Erdbeben von Dienstag mit dem Loma Prieta-Beben gleicher Stärke, das vor zwanzig Jahren die Gegend südlich von San Francisco rüttelte. Obwohl dabei 63 Menschen starben und etwa 10.000 ihre Häuser verloren, eskalierte das kalifornische Erdbeben nicht wie auf Haiti zu einer Tragödie. Schon vor zwei Jahren soll der Bürgermeister von Port-au-Prince vor der nicht erdbebentauglichen Bauweise vieler Gebäude der Stadt gewarnt haben.
Angesichts der dramatischen hygienischen Zustände und der mangelnden medizinischen Versorgung in Port-au-Prince befürchten Experten eine mögliche Ausbreitung von Krankheiten und Seuchen. Besonders Masern und andere Kinderinfektionskrankheiten bereiten den Medizinern im Katastrophengebiet Sorgen, da fast die Hälfte aller Haitianer jünger als 18 Jahre ist und nicht bei bester Gesundheit. Für die kommenden Wochen sind daher Massenimpfungen geplant, die weitere Todesfälle auf Haiti verhindern sollen.
Eine der größten humanitären Katastrophen
UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sprach in New York von einer „großen humanitären Notsituation“. Der frühere US-Präsident und UN-Sondergesandte für Haiti, Bill Clinton, sprach von einer der größten humanitären Katastrophen auf dem amerikanischen Kontinent. Er schätzte die Zahl der Betroffenen auf fast ein Drittel der insgesamt neun Millionen Einwohner Haitis.
Seine Frau, Außenministerin Hillary Clinton, brach eine Asien-Reise ab, um von Washington aus die amerikanische Hilfe zu koordinieren. Sie verglich das Erdbeben mit der Tsunami-Katastrophe im Jahr 2004, bei der mehr als 220.000 Menschen starben. Das Beben habe Schäden von „unvorstellbarem Ausmaß“ verursacht, sagte Clinton.
Vielleicht zählt ja das Wünschen wieder?!
Reinhard Wolf (Pumuckel42)
- 14.01.2010, 14:00 Uhr
Respekt vor den Toten
Felix Keyserlingk (tankoalhadji)
- 14.01.2010, 14:55 Uhr
20mal mehr Tote als bei 9/11
Paul Rabe (heidelpaul)
- 14.01.2010, 15:44 Uhr
Zum Vergleich:
Stefan Schmidt (StSchmidtSG)
- 14.01.2010, 18:10 Uhr
@ (Pumuckel42) Halbwahrheiten als Schuldzuweisungen
Sönke Peters (soenkepeters)
- 14.01.2010, 18:19 Uhr