15.01.2010 · Während Teile der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince auch am Freitag ein Bild des Elends boten, bemühte sich die Staatengemeinschaft, Hilfsgüter und Rettungstruppen nach Haiti zu schaffen. Ungezählte Leichen waren von den Überlebenden auf den Straßen und Gehwegen aufeinandergehäuft.
Von Matthias Rüb, Port-au-PrinceWährend Teile der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince auch am Freitag ein Bild des Elends boten, bemühte sich die Staatengemeinschaft, Hilfsgüter und Rettungstruppen nach Haiti zu schaffen. Ungezählte Leichen waren von den Überlebenden auf den Straßen und Gehwegen aufeinandergehäuft, doch weder die haitianischen Behörden noch auch internationale Organisationen waren bisher in der Lage die Leichname wegzubringen. Am Donnerstag war von den Behörden und der UN-Mission in Haiti (Minustah) beschlossen worden, die Leichen in Massengräbern beizusetzen. Die Regierung geht von 140.000 Toten aus. Etwa 40.000 Leichen seien schon bestattet worden. Weitere 100.000 werden unter den Trümmern befürchtet.
Die Vorräte an Trinkwasser und Nahrung gehen derweil zur Neige. Bislang versorgen sich die Menschen, die zu Zehntausenden in improvisierten Lagern unter freiem Himmel leben, selbst bei Händlern mit dem Nötigsten. Zwar gab es vereinzelt Berichte von Plünderungen, doch im Allgemeinen war die Lage angesichts des grassierenden Elends relativ ruhig.
Chaotische Verkehrsverhältnisse
Hilfsorganisationen befürchten den Ausbruch von Krankheiten wie Typhus und Cholera, Malaria und Dengue-Fieber. Zwar trafen am Donnerstag und Freitag weitere Rettungsmannschaften mit Suchhunden aus aller Welt ein, doch für viele Verschüttete dürfte jede Rettung zu spät kommen. Angesichts der Tagestemperaturen von mehr als 30 Grad vermindert sich die gewöhnlich auf 72 Stunden veranschlagte Zeit, die ein Verschütteter ohne Wasser unter Trümmern überleben kann. Noch immer graben die Menschen mit bloßen Händen oder allenfalls mit Schaufeln in den Trümmern nach Überlebenden. Am Donnerstag traf schweres Räumgerät aus der benachbarten Dominikanischen Republik ein. Die meisten Straßen der Hauptstadt sind zwar passierbar, aber von früh morgens bis spät in die Nacht wegen chaotischer Verkehrsverhältnisse unpassierbar. Aus Angst vor Nachbeben, die auch am Freitag wieder zu spüren waren, verbringen die Menschen die Tage und Nächte im Freien. Suchtrupps mit Spürhunden konnten bis zum späten Donnerstagabend 23 Menschen lebend aus den Trümmern des Hotels Montana bergen im Stadtteil Pétionville bergen. In dem Hotel hatten viele Ausländer gewohnt. Auch im eingestürzten Nationalpalast, der Residenz des Präsidenten, konnte ein Kleinkind geborgen werden.
Der französische Staatspräsident Sarkozy schlug eine internationale Konferenz zum Wiederaufbau in Haiti vor. In einem Telefongespräch mit dem amerikanischen Präsidenten Obama am Donnerstagabend sei die Initiative abgestimmt worden, hieß es am Freitag im Elysée-Palast. Brasilien und Kanada sicherten schon ihre Unterstützung zu. Ziel der internationalen Konferenz soll es sein, über die Soforthilfe für die Erdbebenopfer hinausgehende Hilfsprogramme zu vereinbaren und Haiti mittelfristig beim Wiederaufbau zu helfen. „Haiti hat nicht die Berufung, ein Märtyrerland zu bleiben. Diese neue Tragödie könnte die letzte sein, wenn die internationale Gemeinschaft sich mobilisiert, um dem Land zu helfen“, sagte Sarkozy. Schon am Montag soll in Brüssel eine Sondersitzung des Rates der Außenminister stattfinden, an der für die deutsche Bundesregierung Staatsminister Hoyer vom Auswärtigen Amt teilnehmen soll.
Komplizierte Brüche und zerschmetterte Gliedmaßen
Nach Angaben der UN werden vor allem Ärzte und Krankenschwestern, aber auch Leichensäcke dringend benötigt. Bisher werden die Leichen, wenn überhaupt, nur notdürftig bedeckt auf offenen Lastwagen fortgeschafft. Um die Masse der Verletzten medizinisch versorgen zu können, wollen die UN das nationale Fußballstadion des Landes in ein Lazarett verwandeln. „Wir prüfen diese Möglichkeit zusammen mit den haitianischen Behörden, um den internationalen Ärzteteams Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen“, sagte UN-Nothilfekoordinator John Holmes in New York. Höchste Eile sei geboten: „Viele Überlebende haben schwerste Verletzungen, komplizierte Brüche und zerschmetterte Gliedmaßen.“ Auf einem Gelände nahe der amerikanischen Botschaft soll ein Lager zur Unterbringung der Menschen ohne Obdach errichtet werden.
Derweil war der Flughafen im Norden der Stadt, dessen Landebahn bei dem Beben nicht beschädigt wurde, von der Zahl der landenden Frachtflugzeuge mit Hilfsgütern überlastet. Viele Rettungsmannschaften saßen zudem stundenlang auf dem Flughafen fest, weil keine Fahrzeuge zur Verfügung standen, um sie in die Stadt zu bringen. Amerikanische Suchteams reisten am Donnerstagabend bereits wieder ab.
Die Vereinigten Staaten spielen eine zentrale Rolle
Die Vereinigten Staaten müssen bei den Hilfsmaßnahmen, die freilich verspätet einsetzten, eine zentrale Rolle spielen. Am Freitag sollte vor Haiti der Flugzeugträger „Carl Vinson“ mit 19 Hubschraubern und tausenden Soldaten eintreffen. Schon in der Nacht zum Freitag landeten Soldaten des amerikanischen Heeres auf dem Flughafen. Das Pentagon wird außerdem sechs weitere Schiffe auf den Weg schicken, darunter drei Amphibienboote mit Helikoptern sowie ein Lazarettschiff. Insgesamt werden sich nach Angaben des Südkommandos der amerikanischen Streitkräfte in Miami am Wochenende mehr als 6000 Angehörige der Streitkräfte in Haiti oder in Küstennähe aufhalten. Diese Truppen könnten notfalls auch bei größeren Unruhen gegen Plünderer zum Einsatz kommen, hieß es.
Unterdessen wurde bekannt, dass das Beben auch im Süden des Karibikstaates schlimme Schäden angerichtet hat. Städte und Ortschaften dort seien schwer beschädigt, sagte der Repräsentant der Welthungerhilfe in Haiti, Michael Kühn. Aus Jacmel an der Südküste wurde gemeldet, dass mindestens 2500 Menschen umgekommen seien.
Die Hilfsbereitschaft hält an
Über das Schicksal der etwa 100 Deutschen in Haiti war nur wenig bekannt. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin sagte, eine Gruppe von sechs Bundesbürgern sei zurück nach Deutschland geflogen. Andere seien in die benachbarte Dominikanische Republik ausgereist. Vom Flughafen in Port-au-Prince aus brachten zahlreiche Staaten mit Charterflugzeugen ihre in Haiti lebenden Staatsbürger in Sicherheit.
Derweil hält die Hilfsbereitschaft der Menschen in aller Welt für das ärmste Land der westlichen Hemisphäre weiter an. Allein Weltbank, Internationaler Währungsfonds und die Vereinigten Staaten sagten jeweils 100 Millionen Dollar zu. Daneben spendeten große Unternehmen und vor allem Millionen Privatleute in aller Welt. Schauspieler und Prominente riefen zu Spenden auf oder starteten Spendenaktionen.
Auch Deutschland hilft
Die Bundesregierung hat inzwischen 1,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um rasche Hilfe für Haiti zu organisieren. Nachdem ein vierköpfiges Vorauskommando des Technischen Hilfswerks (THW) am Freitag nach zweitägiger Anreise in der Hauptstadt Port-au-Prince angekommen ist, machte sich am Freitag ein Spezialistenteam auf den Weg, das im Erdbebengebiet zwei Trinkwasseraufbereitungsanlagen errichten soll. Die Gewinnung von sauberem Trinkwasser gehört in beinahe allen Katastrophengebieten zu den dringenden Notwendigkeiten, um die Entstehung und Ausbreitung von Seuchen zu verhindern. Entsprechende Spezialteams und -ausrüstungen sind allerdings auf der Welt vergleichsweise dünn gesät.
Ebenfalls abreisebereit steht nach Regierungsangaben eines „Basis-Gesundheitsstation“ des „Deutschen Roten Kreuzes“, mit der die Notfallversorgung in Haiti verbessert werden könnte. Ziel der Bundesregierung ist es allerdings zunächst einmal, einen Überblick über die Lage zu gewinnen und die Hilfe aus Deutschland zu koordinieren. Auch soll eng mit der Europäischen Union zusammengearbeitet werden. Entwicklungshilfeminister Niebel sagte, es sollten Fehler vermieden werden, die bei den Hilfen nach dem Tsunami in Ostasien gemacht wurden.
Wie schnell sind die Deutschen
Norbert Berger (fourcats)
- 15.01.2010, 19:16 Uhr
Antwort zu den langsamen Deutschen
Anne-K. Pöhls (annepoehls)
- 16.01.2010, 11:37 Uhr
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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