18.01.2010 · Zwei Haitianer ernährten sich von Erdnussbutter und Marmelade. Mehr als fünf Tage überlebten sie in einem eingestürzten Supermarkt. Per SMS hatten sie Verwandte benachrichtigt.
Von Jochen Stahnke, Port-au-PrinceAm Ende, dem Anfang, einer Wiedergeburt nach fünf Tagen, geht es ganz schnell. UN-Soldaten stellen sich um einen Krankenwagen des Roten Kreuzes, die vorrangig amerikanische Bergungsmannschaft bildet ein Spalier an einem freigeschaufelten Zugang zum eingestürzten „Caribbean Market“, einem der größten Supermärkte der Hauptstadt. Zuächst kommt der nassgeschwitzte Einsatzleiter heraus. Sie klopfen sich auf die Schulter und klatschen sich ab wie vor einem Football-Spiel. Ihre heiseren Stimmen krächzen „Well done“ und „Great Job“. Es war gefährlich. Vor wenigen Stunden haben die Bergungsarbeiten einen kleinen Erdrutsch im Inneren des Gebäudes verursacht.
Und dann werden die Überlebenden auf die Straße getragen: Zuerst der Mann, 30 Jahre alt, der starr, mit aufgerissenen Augen, apathisch in die Suchscheinwerfer blickt. An seinem rechten Fuß klebt Blut, eine oberflächliche Wunde. Kurz hebt er seine rechte Hand und reckt seinen Daumen in die Höhe. Eilig wird er zum Flughafen gefahren, zum UN-Krankenhaus. Von Erdnussbutter und Marmelade habe er sich im eingestürzten Supermarkt ernährt, hat er dem Sender CNN noch in der Ruine zugeflüstert, der von der amerikanischen Einsatzleitung zur Empörung des französischen Fernsehteams einen privilegierten Zugang erhält.
Die Dieselgeneratoren brummen weiter
Wenige Minuten später folgt die Frau, sie ist 40 Jahre alt. Sie lacht und ruft von ihrer Trage herauf, dass es ihr gut gehe. Die Menschen um sie herum applaudieren. 125 Stunden haben die beiden Haitianer in einem Hohlraum zwischen dem ehemaligen zweiten und dritten Stock des Supermarktes ausgeharrt, gleich neben der Tiefkühlabteilung. Sie konnten ihre Verwandten per SMS benachrichtigen, einen Tag vor ihrer Rettung konnten die Hilfskräfte bereits Wasserflaschen durch einen kleinen von ihnen freigelegten Spalt stecken.
Der Schutthaufen, der einst der fünfgeschossige Caribbean Market war, sieht aus wie ein Haufen voll Pfannkuchen mit seltsamer Füllung: Einkaufswagen, Toilettenpapiersäcke, Weihnachtsschmuck. Das monochrome Brummen der Dieselgeneratoren macht die Szenerie surreal. Am Rand steht ein junger Mann mit verschränkten Armen und gelbem Hemd. Es ist Steve Thompson, der Neffe des zuständigen Supermarktleiters, der noch in den Trümmern liegt. „Ich bin amerikanischer Staatsbürger“, sagt der Haitianer schnell. Das hat ihm den Zugang zur Unglücksstelle erleichtert, denn UN-Sicherheitskräfte haben den Straßenzug im Mittelstandsviertel Delmas abgesperrt. Thompson sagt, dass sich zum Zeitpunkt des Unglücks etwa 100 Menschen im Markt befanden.
„Hier habe ich immer eingekauft“
Am Sonntag abend gelangen auch der 71 Jahre alte Marc Henry und seine Frau durch den Kordon vor allem philippinischer UN-Soldaten, die den abschüssigen Straßenzug abgesperrt haben und kaum Haitianer vorlassen. „Hier habe ich immer eingekauft“, sagt der Transportunternehmer und zeigt auf die Mitte des Gebäudes, wo die Obstabteilung war. Er würde mit seinen fünf Lieferwagen gern bei der Verteilung von Hilfsgütern helfen, sagt er, „aber es gibt kaum Benzin“. Darum gebeten habe ihn bislang auch niemand. Einige Nahrungsmittel könne man mittlerweile wieder auf den offenen Märkten einkaufen. „Das ist aber anstrengend, ich bin alt und habe Angst vor Plünderungen.“ Noch können er und seine Frau auskommen: „In Haiti legt man sich immer Vorräte an.“
Bislang haben die internationalen Rettungsmannschaften fünf Überlebende aus dem Caribbean Market gezogen. In den ersten Tagen waren es vor allem Jugendliche aus der Umgebung, die angeblich 15 bis 20 Verschüttete nach draußen zogen - vielleicht nahmen sie hernach auch Lebensmittel für den Eigenbedarf mit. Um sechs Uhr am Sonntagmorgen konnten die Bergungskräfte bereits drei Menschen aus den Trümmern befreien, unter ihnen ein sieben Jahre altes Mädchen, das sich von Früchten ernährte. Entsprechend motiviert gehen die Amerikaner ans Werk.
Die Amerikaner haben das Sagen
Der Geruch des Todes und der vergammelten Supermarktabfälle mindert ihre Hoffnung nicht. Eigentlich ist das hier ein Gemeinschaftsunternehmen: Zuerst war ein achtköpfiges türkisches Bergungsteam zur Stelle, dann auch holländische Teams. Schließlich übernahmen die Amerikaner. Bei den 60 Bergungsspezialisten aus Florida sind noch sechs Türken und ein Mexikaner. Auch wenn es sich bei der Bergung am Caribbean Market um ein Gemeinschaftsunternehmen handelt, ist unmissverständlich klar, wer führt: „Das türkische Team hat sich sehr gut integriert“, sagt Leutnant Charles McDermott, der an diesem Ort meist als Sprecher fungiert. Es gebe keine Abstimmungsschwierigkeiten mit den Amerikanern, sagt eine weibliche türkische Rettungskraft. Der Mexikaner geht die letzten Stunden meist nur kurz in die Ruine zu den beiden Verschütteten. Vielleicht geht es darum, Präsenz zu zeigen. Die Mexikaner haben sich bei den UN über die Ungleichbehandlung ihrer Arbeit durch die Amerikaner beschwert.
Das Wunder von Pétionville ist sorgfältig vorbereitet worden. Nahezu stündlich tritt am Sonntag einer der leitenden Rettungsspezialisten aus amerikanischen Rettungsteam hervor, um über den Fortgang der Bergungsarbeiten zu informieren. Charles McDermott macht nicht den Eindruck, als sei die Presse unwillkommen. Über mehr als zehn Stunden heißt es, die Rettung sei in ein bis zwei Stunden vollzogen. Um 22.40 Uhr ist es dann soweit. „Was für ein großartiger Abend“, sagt McDermott. Die Suche sei nicht eingestellt. Die nächste Schicht steht bereit für ihren 12-Stunden-Einsatz bis zum nächsten Morgen. Man habe Kontakt zu wenigstens einem weiteren Überlebenden, sagt McDermott. Sein Onkel sei das aber nicht, sagt Thompson. Er geht den Hügel hinauf nach Hause. Morgen will er wiederkommen.