19.01.2010 · Das „Montana“ war bis zum Dienstag vergangener Woche das erste Haus am Platz. Die Hotelbesitzerin Nadine Cardozo Riedl konnte nach 100 Stunden aus den Trümmern gerettet werden. Für Reihard Riedl war es die zweite Wiedergeburt der Familie.
Von Matthias RübNach dem Erdbeben ging eine gespensterhafte Gestalt durch den Garten des zerstörten Hotels „Montana“. Sie trug eine dunkelblaue Jeanshose und ein Polohemd, schritt ruhe- und richtungslos von hier nach dort, sprach bald mit den Rettungskräften, setzte sich dann wieder auf einen der umherstehenden Stühle und starrte ins Leere. Seit Samstag ist die Gestalt zwar nicht verschwunden, sie ist noch immer zu sehen und verfolgt die fortdauernden Rettungsarbeiten an dem zerstörten Hotel. Aber sie hat zwischendurch ein Wunder erlebt.
Die sonderbare Gestalt, die aus unerfindlichen Gründen stets eine Papiertasche mit dem Namensaufdruck eines spanischen Reiseveranstalters bei sich trug, war Reinhard Riedl, 65 Jahre alt, Zahnarzt aus dem bayerischen Bad Aibling. Reinhard Riedl ist der Ehemann von Nadine Cardozo Riedl, die gemeinsam mit ihrer Schwester Garthe Cardozo Stephanson das „Montana“ besitzt und betreibt. Das Hotel in Port-au-Prince war bis zum Dienstag vergangener Woche das erste Haus am Platz - einem Platz, der so wenig von Touristen und Geschäftsleuten frequentiert wird, dass es dort bislang kein einziges Haus der sonst überall auf der Welt vertretenen Hotelketten gibt.
Um Jahre zurückgeworfen
So wird es nach den Verheerungen des Bebens vom Dienstag noch viele Jahre bleiben. Denn das ärmste Land der westlichen Hemisphäre ist nach der epochalen Katastrophe um Jahre zurückgeworfen. Reinhard Riedl irrte über die Terrasse, über die Rasenflächen und um das leere Schwimmbecken, weil er in Sorge um seine Frau war. Wie seit mehr als drei Jahrzehnten üblich, war Frau Riedl Cardozo, die drei Jahre jünger ist als ihr Mann, auch am Tag, als die Erde bebte, von früh bis spät an der Rezeption und in der Verwaltung des Hotels „Montana“. Reinhard Riedl erlebte und überlebte das Beben um 16.53 Uhr im Wohnhaus der Familie auf einem benachbarten Grundstück. Es habe mit einem Grollen begonnen. „Ich saß am Schreibtisch am Laptop und wusste sofort, dass das ein Beben war.“ Er sei vom Stuhl geschleudert und wie ein Pingpongball hin und her geworfen worden. „Außer ein paar blauen Flecken habe ich aber nichts abbekommen.“ Die Möbel seien alle umgestürzt, Bücher und Einrichtunsgegenstände im Haus zerstreut. Das Wohnhaus selbst habe außer ein paar Rissen keinen Schaden abbekommen.
„Dann bin ich aus dem Haus geeilt, um nach meiner Frau und unserer Tochter zu sehen. Es herrschte zuerst Totenstille, kein Geräusch war zu hören, und alles war in eine undurchdringliche Staubschicht gehüllt“, sagt Riedl. „Als ich dann vor der letzten Auffahrt zur Lobby stand, war da nichts mehr. Das ,Montana’ war verschwunden.“ Dann seien die ersten Schreie der Verletzten zu hören gewesen. Wer den Einsturz des Gebäudes unverletzt überstanden habe, sei in panischer Eile den Berg hinabgelaufen, um sich in Sicherheit zu bringen. Nur allmählich habe sich der Staub gelegt, und die Zerstörung wurde offenbar. Er habe sich noch zu sammeln versucht, erzählt Riedl, da habe sich aus dem Staub eine Gestalt gelöst, sei auf ihn zugelaufen und habe „Papa“ gerufen.
Sohn und Tochter Beben unbeschadet überstanden
Die 27 Jahre alte Tochter Jaelle hatte im Nebenflügel gearbeitet, der erst vor wenigen Monaten eröffnet worden war, nicht wie die Mutter in der Lobby. Auch die Tochter wurde vom Erdbeben von den Füßen gerissen und in die Luft geschleudert - und zwar hinaus ins Freie durch ein Loch, das in die Außenwand gerissen worden war. „Außer ein paar Kratzern hat sie nichts abbekommen.“ Das sei „die erste Wiedergeburt“ gewesen, die er erleben durfte, sagt Riedl. In einem Augenblick schießen ihm die Tränen in die Augen, und gleich darauf lacht er wieder ein entrücktes Lachen. Er habe nie geglaubt, dass irgendjemand aus dem Schutt lebend herauskommen könne, dazu unverletzt. Bald stellt sich heraus, dass auch der 30 Jahre alte Sohn Sylvanh das Beben in der Stadt unbeschadet überstanden hat. Doch die Mutter und Ehefrau bleibt verschollen, irgendwo in der zerstörten Lobby.
Die Geschichte von Reinhard Riedl aus Bad Aibling und Nadine Cardozo aus Port-au-Prince begann bei den Olympischen Sommerspielen in München 1972. Damals fanden sich der Student der Zahnmedizin und Schlagzeuger einer Rockband namens „Fire Brigade“ mit einem Bekanntheitsgrad bis hinauf nach Rosenheim und die Hostesse des französischen Olympiateams aus der fernen Karibik. Seither haben sie sich nicht verloren. Bald wurde geheiratet. Aber die Leben zwischen der vom Vater Stefan übernommenen erfolgreichen Zahnarztpraxis in Bayern und des vom Vater Frank übernommenen und bis dahin nicht so erfolgreichen Hotelbetriebs wollten vorerst nicht zusammenkommen. Mann und Frau und Kinder lebten halb hier und halb da.
Eine der vermögendsten Frauen in Haiti
So ging es zwischen Bayern und Karibik erst über Jahre, dann Jahrzehnte. 2004 dann kam ein Einschnitt. Als in Port-au-Prince der brutale Präsident Jean-Bertrand Aristide mit tatkräftiger Hilfe der Amerikaner außer Landes geschafft wurde, brach die fragile öffentliche Ordnung zusammen. Nadine Cardozo Riedl wurde von einer Bande entführt, deren Anführer über so viel kriminelle Intelligenz verfügte, dass er sich eines der lukrativsten Opfer herausgesucht hatte. Denn die energische Frau mit ihrer nicht weniger energischen Schwester hatte das „Montana“ von einst zwölf Zimmern über die Jahre auf die zehnfache Größe aufgebaut und war zu einer der vermögendsten Frauen Haitis geworden. Neun Tage blieb Nadine Cardozo Riedl in der Gewalt ihrer Entführer, geknebelt, gefesselt, misshandelt. Es musste Lösegeld fließen, ehe sie freikam.
Im Jahr 2005 entschloss sich Reinhard Riedl, endgültig nach Haiti zu kommen. Sollte das gemeinsame Leben nur so kurz währen? Man grub nach seiner Frau. Ein am Donnerstag aus den Trümmern geretteter Angestellter der Buchhaltung wollte sie gehört, ihr sogar die Hand gedrückt haben. Doch der Körper, der nach der Bergung des Angestellten unter den Trümmern freigelegt wurde, war der einer anderen Frau – und er war leblos. Dann machte das Gerücht die Runde, man habe Frau Cardozo Riedl doch gefunden, sie habe das Unglück nicht überlebt. „Da habe ich meine Frau sozusagen beerdigt“, sagt Reinhard Riedl.
„Sie ist ein harter Knochen“
Dutzende Retter suchen bis heute in dem ausgedehnten Hotelkomplex nach verschütteten Opfern, und immer wieder werden Menschen lebend gefunden. Der Sohn Sylvanh kroch mit den Rettungsmannschaften aus Spanien, Chile, Kolumbien, Spanien, Frankreich oder Amerika in die Trümmer und zeigte ihnen den Ort, wo sich die Mutter um sieben Minuten vor Sechs aufhielt. Er glaubte, ihre Stimme zu hören. Ein spanisches Team begann zu graben, sie schafften während einer ganzen Schicht von zwölf Stunden Schutt und Beton zur Seite, kämpften sich voran und bargen schließlich eine stark dehydrierte, aber kaum verletzte Frau. Am Samstag, 100 Stunden nach dem Beben, wurde Nadine Cardozo Riedl lebend gerettet. „Sie ist ein harter Knochen“, sagt Reinhard Riedl. Jetzt befindet sie sich in einem Krankenhaus in Santo Domingo, es geht ihr den Umständen entsprechend gut.
Für Reinhard Riedl war es „die zweite Wiedergeburt in meiner Familie“. Die Umstehenden klatschten nur kurz, als seine Frau auf einer Trage herabgelassen und in einen Krankenwagen gelegt wurde. Andere Bergungstrupps sind längst wieder in den Trümmern verschwunden, haben sich über das herabgefallene Dach ins Innere der Trümmerhalde geseilt. Nicht einmal die Freude über Wunder währt lange in Port-au-Prince.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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