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Haiti Ein Name unter den Zahllosen

21.01.2010 ·  Molly Hightower McKenzie war die Verkörperung des „all american girl“. Die Herkunft irisch, das Lächeln einnehmend, das Lebensziel authentisch: für Waisenkinder aus Haiti Adoptiveltern zu finden. Am Tag bevor die Bagger kamen, fand man ihren leblosen Körper.

Von Matthias Rüb, Port-au-Prince
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Vielleicht ist es ein natürlicher Schutzmechanismus, dem massenhaften Tod von Mitmenschen als etwas Abstraktem zu begegnen. Zudem lässt sich das individuelle Leiden und Sterben nicht mehr erfassen, wenn aufgedunsene Leiber, ineinander verkeilt, aneinandergeklammert, zuerst auf den Straßen von Port-au-Prince liegen, dann mit den Schaufeln riesiger Bagger aufgenommen, auf die Kipper von Baulastwagen geworfen und schließlich in Massengräbern vor den Toren der Stadt zu Halden aus menschlicher Vergänglichkeit und Bautrümmern aufgeschüttet werden.

Vielleicht ist die Trauer, die dann einsetzt, wenn unter den zahllosen Toten plötzlich der Name eines bekannten Menschen auftaucht, der hilflose Versuch, auch um die zu trauern, mit denen man nichts anderes als das Menschsein geteilt hat - was freilich mehr als genug ist, um den Verlust zu spüren.

Zu den unzähligen, den ungezählten Toten von Port-au-Prince gehört Molly Hightower McKenzie. Sie war 22 Jahre alt, stammte aus Port Orchard im amerikanischen Bundesstaat Washington und war die Verkörperung eines „all american girl“: die Herkunft irisch, das Lächeln einnehmend, das Lebensziel authentisch: für Waisenkinder in den ärmsten Ländern der Welt Adoptiveltern zu finden.

Die Verkörperung des „all american girl“

Im Juni 2009, nach dem Abschluss des Studiums, ging Molly Hightower nach Haiti, sie wollte ein Jahr bleiben, um für die amerikanische Organisation „Friends of the Orphans“ in einem Heim für Waisen und teilweise verwaiste, teilweise auch behinderte Kinder zu arbeiten. In Portland und in Paris hatte sie Französisch, Psychologie und Soziologie studiert.

Vom Waisen- und Behindertenheim der internationalen Stiftung „Nos Petits Frères et Soeurs“ in Port-au-Prince, an das auch ein Krankenhaus und eine Schule angeschlossen waren, kennen wir Molly. Dort arbeitete sie und lachte sie, drehte sie Videofilme von den tanzenden Kindern, um sie dann auf Youtube zu stellen, begleitete sie die Kinder zum therapeutischen Reiten auf einen nahegelegenen Reiterhof.

Mollys Freundin Rachel überlebte

Das Heim, die Schule und das Krankenhaus der Stiftung blieben weitgehend unbeschädigt; nach allem, was man weiß, wurde keines der Kinder verletzt. Die Stiftung nutzte aber noch ein anderes Gebäude im Stadtteil Pétionville, wo Mitarbeiter wohnten und Besucher. Dort befanden sich Molly und ihre Freundin Rachel, die zu einem Besuch gekommen war, als am Dienstag vor einer Woche die Erde bebte. Das mehrstöckige Gebäude sackte in sich zusammen.

Am Donnerstag standen wir vor den Trümmern des Hauses. Patrick Figaro, der verantwortliche Ingenieur einer Baustelle auf dem Nachbargrundstück, hatte seine Arbeiter angewiesen, in den Trümmern nach Überlebenden zu suchen. Tatsächlich konnten ein Mann und auch Mollys Freundin Rachel lebend geborgen werden, wenn auch mit erheblichen Verletzungen. Für zwei Verschüttete gab es keine Hilfe. Zuletzt wurde am Donnerstagnachmittag der Leichnam von Molly Hightower McKenzie aus den Trümmern geborgen. Am Tag darauf kamen die Bagger und begannen mit den Aufräumarbeiten.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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