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Haiti Die vergessene Stadt

18.01.2010 ·  Alle Welt schaut nach dem Beben von Haiti nach Port-au-Prince. Dabei ist die Not außerhalb der Hauptstadt teils noch größer. Zum Beispiel in Léogane, der Stadt im Epizentrum. Tagelang war sie von der Außenwelt abgeschnitten, erst jetzt erreichen Helfer die Stadt, die zu 90 Prozent zerstört wurde.

Von Matthias Rüb, Léogane
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Doktor Bérius Eloi hat seit Tagen Gewissheit, dass sein älterer Bruder Gallien nicht mehr am Leben ist. Gallien Eloi befand sich zum Zeitpunkt des Bebens am Dienstag um kurz vor fünf Uhr nachmittags in der Apotheke im Erdgeschoss. Aber das Erdgeschoss des „Help Hospital and School of Nursery“ gibt es nicht mehr. Es wurde vom herabsackenden Obergeschoss sowie vom Dach des Krankenhauses zu einem Nichts aus Beton und Schutt zusammengedrückt.

Es ist dieser Anblick, der sich abertausende Mal in Port-au-Prince und in Carrefour, in Gressier und vor allem in Léogane bietet. Das sind die Namen von Orten aus Betonhäusern und Blechhütten, mit großen und kleinen Märkten, Holzhandlungen und Altmetallverwertern und qualmenden Müllhalden, die entlang der Überlandstraße von der Hauptstadt aus in Richtung Westen auf der langgestreckten Halbinsel im Südwesten Haitis aneinandergereiht sind.

Die Fahrt von Port-au-Prince in das vielleicht 30 Kilometer entfernte Léogane führt ins Epizentrum des Bebens vom vergangenen Dienstag. Das türkisfarbene Wasser des Meeres glänzt im fahlen Sonnenlicht. Am Horizont unterscheidet man den mächtigen Umriss des amerikanischen Flugzeugträgers „USS Carl Vinson“, von dem die Hubschrauber der „Navy“ aufsteigen, um über Port-au-Prince und den Vorstädten zu kreisen. Aus der Luft versuchen die amerikanischen Streitkräfte ihre Macht in Städte und Dörfer zu projizieren, die sie mit Bodentruppen bisher noch nicht erreichen können.

Haiti: Léogane - die vergessene Stadt

Das Epizentrum des Bebens in und um Léogane hat überhaupt kaum noch jemand erreicht. Die Straße ist durchgängig passierbar, auch wenn hier und da Erdrutsche die Fahrbahn verengen. Der Asphalt ist an vielen Stellen auseinandergerissen, und wo die Spalte am breitesten und vielleicht auch am tiefsten ist, haben die Bewohner der Umgebung Zweige und Äste in den Boden gesteckt, um die Autofahrer vor der Gefahr zu warnen. Anders als auf den Ausfallstraßen nach Norden, der vom Beben weitgehend verschont wurde, sieht man hier keine überladenen Lastwagen und Busse, aus denen Menschentrauben und deren Hab und Gut quellen - eingeschlossen die mit den Beinen an die Seitengeländer der offenen Lastwagenpritschen festgebundenen und kopfüber über den Radkästen baumelnden Ziegen, die nur selten ein klagendes Meckern von sich geben.

„Die Lage ist unerträglich“

Nach Léogane fährt kaum jemand. Und aus Léogane kommen noch weniger. Denn wer sich nach dem Beben entschlossen hatte, die Stadt zu verlassen, ist längst fort. Doktor Berius Eloi ist nicht fortgegangen. Noch ist der in der Apotheke verschüttete Leichnam seines Bruders nicht geborgen. Den meisten Schutt im Hof hinter dem zusammengesackten Krankenhaus, an welches eine Krankenpflegeschule angeschlossen war, hat man mit Planierraupen fortgeräumt. Jetzt aber stehen die Innenwände frei und werden von den Helfern mit Vorschlaghämmern bearbeitet, um an die Stelle im Boden des herabgefallenen ersten Stocks zu gelangen, unter dem der tote Apotheker vermutet wird. An einer Wand steht „Sortie de Secours“, und ein Pfeil in Treppenform zeigt nach unten. Doch jetzt ist da keine Treppe mehr, und der Pfeil, der einst den Notausgang wies, zeigt ins Erdreich.

Berius Eloi sagt: „Die Lage ist unerträglich. Wir haben bisher keinerlei Hilfe erhalten.“ Einmal sei der Vertreter einer internationalen Hilfsorganisation vorbeigekommen, um „die Lage einzuschätzen“, dann sei er wieder fortgefahren. Die Lage im einstigen Hospital von Bérius Eloi stellt sich nach Angaben des Arztes so dar: Im Krankenhaus starben mehr als die Hälfte der gut 20 Patienten. Die Verletzten habe man in ein nicht vollständig zusammengebrochenes Hospital gebracht, wo man sie aber auch nur notdürftig habe behandeln können. In den gleichfalls eingestürzten Räumen der Krankenpflegeschule im Hof des Krankenhauses starben sechs Studenten und Mitarbeiter. Die anderen konnten sich mit leichteren Verletzungen in Sicherheit bringen - auch Doktor Eloi selbst, dessen Büro im ersten Stock herabsackte, aber nicht in sich zusammenstürzte. „Allein in der Stadt selbst sind etwa 5000 Menschen gestorben, in den Vororten wohl noch einmal so viele“, sagt Bérius Eloi. „Die Lage ist wirklich unerträglich.“

Gewirr aus Trümmern zusammengestürzter Häuser

Für einen kurzen Augenblick unterbrechen die Arbeiter das Hämmern und Stemmen in dem aufgerissenen Gebäude und springen von den Trümmern ins Freie, weil wieder ein leichtes Nachbeben zu spüren ist. Schließlich aber wird der Leichnam von Gallien Eloi mit Pickeln und Schaufeln und am Ende mit bloßen Händen freigelegt, behutsam emporgehoben und in einen grauen Holzsarg gelegt. Der Sarg wird auf einen Kleinlastwagen geschoben und zum Friedhof gebracht. Der Apotheker Gallien Eloi wird nicht in einem Massengrab enden.

Die Innenstadt von Léogane ist ein Gewirr aus Trümmern zusammengestürzter Häuser, umgestürzter Strommasten und herabgerissener Leitungen. Die mächtige „Kirche der unbefleckten Empfängnis“ ist in sich zusammengesackt, die Glocke liegt auf einem gut fünf Meter hohen Steinhaufen obenauf. Auf dem Platz gegenüber zimmern die Männer unterdessen Hütten aus den Balken und Latten der eingestürzten Kirche zusammen. Wellblech und Plastikplanen werden Wände und Decken sein. Die Frauen frittieren Kochbananen und waschen an einem Brunnen. Die Kinder haben aus Plasiktüten und Zweigen Drachen gebaut, die sie in den Rauchschwaden der Holzkohleöfen und der brennenden Müllhaufen tanzen lassen.

Zwischen 80 und 90 Prozent der Häuser in Léogane, wo einmal rund 100 000 Menschen oder auch mehr lebten, sind nach Schätzungen des örtlichen Polizeichefs Alain Auguste zerstört. Am Sonntag erreichte ein 40 Mann starkes britisches Rettungsteam erstmals die Küstenstadt. Sie gingen in ihren orangefarbenen Overalls und den blauen und gelben Helmen durch einige Straßenzüge, schätzten die Lage ein und fuhren hernach wieder nach Port-au-Prince zurück. Auf welchem Trümmerhaufen hätten sie die aussichtslose Suche beginnen sollen? Auch Astrid Nissen von der deutschen Caritas ist von Port-au-Prince nach Léogane gekommen und schätzt mit ihrem kleinen Team, zu dem auch Mitarbeiter der Diakonie gehören, die Lage ein, die sich vor aller Augen offenbart. Zu retten ist fast nichts und kaum jemand mehr. Dafür brauchen die Überlebenden, die sich in den Parks in einer Trümmerlandschaft und auf den Feldern zwischen Bananenstauden Behelfsunterkünfte errichten, alles. Doch bekommen haben sie bisher nichts, weil die Hilfe der Staatengemeinschaft gerade erst für die Hauptstadt Port-au-Prince angelaufen ist. Was sie tun konnten, taten die Vergessenen von Léogane selbst: Sie haben die vielleicht 1300 geborgenen Toten begraben, davon 800 in Massengräbern. Die meisten Toten aber liegen noch unter den Trümmern, denn es gibt in ganz Léogane kein schweres Räumgerät.

Unzählige Tote in den Straßengräben

Auf halber Strecke zwischen Léogane und Port-au-Prince liegt die Ortschaft Gressier. Am Straßenrand brennt ein Reifen, dunkler Qualm steigt auf. Der Rauch soll die Autofahrer dazu bringen, langsam zu fahren, weil etwa ein Dutzend Männer aus dem Dorf hier an der Arbeit ist. Auf der gegenüberliegenden Fahrbahn haben die Männer den Straßengraben zusätzlich vertieft und darin neun Tote zur Ruhe gelegt. Jetzt schaufeln sie die auf der Fahrbahn aufgehäufte Erde und zusätzlich Boden von der Böschung über der Straße auf die Toten in dem Graben. Schließlich legen sie Äste und Gras auf die Stelle. Ihr Tagwerk ist verrichtet.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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