18.01.2010 · Die Verzweiflung vieler Überlebender des Erdbebens schlägt in Port-au-Prince zunehmend in Gewalt um. Fünf Tage nach dem Erdbeben in Haiti suchen die Rettungskräfte weiter fieberhaft nach Überlebenden. Die Hoffnung schwindet.
Knapp eine Woche nach dem verheerenden Erdbeben hat die Regierung von Haiti den Ausnahmezustand ausgerufen. Anlass sind chaotische Zustände mit ersten Unruhen und weiterhin großen Versorgungsengpässen. Der Notstand soll vorerst bis Ende des Monats aufrechterhalten werden. Die Vereinigten Staaten wurden in einer am Sonntagabend veröffentlichten Erklärung ersucht, für die Sicherheit in Haiti zu sorgen und langfristig beim Wiederaufbau zu helfen. Die Erklärung folgte auf ein Treffen von Präsident René Préval mit der amerikanischen Außenministerin Hillary Clinton in Port-au-Prince, wo am Montag nach Militärangaben bis zu 12.000 amerikanische Soldaten erwartet wurden.
Die Europäische Union will Haiti nach dem Erdbeben mit insgesamt rund 420 Millionen Euro beistehen, 200 Millionen davon sollen mittel- und langfristige Wiederaufbauhilfe sein. Das teilten der EU-Ministerrat und die EU-Kommission nach einem Krisentreffen der Außen- und Entwicklungsminister am Montag in Brüssel mit.
Die genaue Zahl der Opfer ist offiziell weiter unklar. Schätzungen gehen jedoch von bis zu 200.000 Toten aus. Rund 70.000 Leichen seien bereits geborgen, sagte Ministerpräsident Jean-Max Bellerive. Zahlreiche Menschen - darunter 23 Deutsche - werden seit dem Beben am Dienstag weiter vermisst. Helfer versuchen in der Trümmerstadt noch immer verzweifelt, Verschüttete zu retten. Obwohl es weiter Berichte über Gerettete gibt, sinken nach Ansicht von Experten die Chancen, die noch verbliebenen Opfer lebend zu retten.
In Léogâne „70 bis 80 Prozent der Gebäude zerstört“
Generalsekretär Ban Ki-moon bat unterdessen die Opfer des Jahrhundertbebens, die zunehmend verzweifelt auf Hilfe warten, um Geduld. Die Versorgungslage werde sich langsam weiter verbessern. Ban hatte am Sonntag die in Trümmern liegende haitianische Hauptstadt Port-au-Prince besucht. Nach Angaben der Polizei wurde in verschiedenen Teilen der Millionenstadt auf Menschen geschossen. Voraussichtlich am 25. Januar werde sich die Weltgemeinschaft auf einer Konferenz in Montréal (Kanada) über den Wiederaufbau Haitis abstimmen, sagte Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner.
Rettungstrupps von Caritas International erreichten die Region um Léogâne, etwa 30 Kilometer westlich von Port-au-Prince. „Hier sind etwa 70 bis 80 Prozent der Gebäude zerstört“, betonte Mitarbeiter Alexander Bühler nach Angaben der Organisation. Rund 20 Kilometer weiter westlich, in dem Ort Petit Goave, seien viele der alten Holzhäuser dagegen unzerstört. „In dieser Region auf dem Land schätzen wir, dass etwa 40 bis 50 Prozent der Gebäude zerstört sind“, betonte Bühler. Mehrere Straßen seien zudem unpassierbar.
Andere Retter befreiten am Sonntag einen Dänen lebend und ohne körperliche Schäden aus den Ruinen des eingestürzten UN-Hauptquartiers in Port-au-Prince. Nach UN-Angaben sind mindestens 40 UN-Mitarbeiter bei dem Erdbeben ums Leben gekommen. Insgesamt 330 weitere werden vermisst. Kurz zuvor hatten israelische Rettungskräfte einen 52-jährigen aus den Ruinen eines Regierungsgebäudes geborgen, nachdem dieser eine SMS geschickt hatte.
Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) wird diese Woche nach der mobilen Gesundheitsstation noch ein Hospital ins Erdbebengebiet entsenden. Das Hospital kann nach DRK-Angaben bis zu 700 Patienten täglich ambulant versorgen und hat 120 stationäre Betten. Es war zuletzt beim Erdbeben in China im Mai 2008 im Einsatz und hat einen Wert von 1,4 Millionen Euro. Die Kapazität entspricht dem eines deutschen Krankenhauses für eine Bevölkerung von 250.000 Menschen.
Waisenkinder ausgeflogen
Noch immer nicht vollständig eingetroffen ist dagegen das aufblasbare Krankenhaus der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“. Nach deren Angaben hatte eines der Transportflugzeuge keine Landegenehmigung für den Flughafen Port-au-Prince erhalten. Die Mitarbeiter der Organisation operierten nun pausenlos im wieder einsatzfähigen OP-Trakt des Carrefour- sowie des Choscal-Hospitals. Der Bedarf an lebensrettenden chirurgischen Eingriffen für die Schwerverletzten sei „immens“.
„Da draußen tobt ein Krieg“, sagte der Arzt Karmi Bar-Tal nach israelischen Medienberichten zu den chaotischen Zuständen seit dem Erdbeben. „Wir entlassen Patienten, aber wir wissen nicht, was sie erwartet.“ Israel bemüht sich nach den Berichten um die Adoption von etwa 50 Waisenkindern aus Haiti. Die Niederlande wollen mit einem Charterflug 109 Adoptivkinder in Sicherheit bringen. „Wir machen uns große Sorgen und wollen die Kinder so schnell wie möglich rausholen“, sagte Letje Vermunt, Sprecherin der Niederländischen Stiftung für Adoption (NAS). Die Rettungsaktion wird von der niederländischen Regierung unterstützt, berichtete die Zeitung „Trouw“ am Montag.