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Großbrand bei London So heftig ist kein Betriebsunfall

14.12.2005 ·  Experten vermuten, daß doch ein terroristischer Anschlag für den gigantischen Brand in einem Öllager bei London verantwortlich sein könnte. In Deutschland halten sie eine ähnliche Explosion nicht für möglich.

Von Georg Giersberg und Johannes Ritter
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Uwe Puls kennt sich mit Tanklagern aus. Er prüft als Sachbearbeiter der Gewerbeaufsicht in Hamburg viele solcher Anlagen. Das Unglück in Hemel Hempstead bei London hat er sich bisher aber nicht einmal im Traum vorgestellt. Denn bei seinen Prüfungen an deutschen Tanklagern "gibt es vor Ort fast keine Schwachpunkte", ist sein Fazit. Für ihn ist schon unvorstellbar, daß so riesige Mengen explosionsgefährdeter und brennbarer Stoffe an einem Ort gelagert werden.

In Deutschland dürfen nur bis zu 10 Tanks mit zusammen 2.000 Kubikmeter Fassungsvermögen in einem Auffangraum stehen. Bei großen Tanks ist eine Einzelstellung in einem Auffangraum vorgeschrieben. Der Auffangraum ist ein um diese zehn Tanks gezogener Erdwall oder eine Betonwand. Dieser "Raum" ist nach oben offen, weil Dämpfe aus Erdölprodukten schwerer sind als Luft und am Boden bleiben. Und das Gefährliche sind diese Dämpfe - nur sie explodieren, nicht die im Tank gelagerte Flüssigkeit.

Eine kaum vorstellbare Menge

Diese Dämpfe aber sammeln sich wenige Zentimeter über der Erde. Selbst wenn in Deutschland ein großes Leck auftritt und viel Flüssigkeit austritt, könne sich kaum mehr als 10.000 Kubikmeter explosionsgefährdetes Dampf-Luft-Gemisch ansammeln. "Wenn die explodieren, wozu man zu dem Dampf noch den Zünder braucht, dann hört man das vielleicht fünf Kilometer weit." Da man die Explosion von Hemel Hempstead aber mehr als 50 Kilometer gehört haben soll, müssen also mehr als 100.000 Kubikmeter Dampf-Luft-Gemisch entzündet worden sein. Allein das ist schon eine kaum vorstellbare Menge. Hinzu kommt, daß dort Kerosin für die Londoner Flughäfen gelagert gewesen sein soll. Das kann man nach Ansicht von Puls ausschließen. "Denn Kerosin verdampft erst bei 38 Grad Celsius." Für Puls kann es sich nur um riesige Mengen ausgelaufenen Benzins handeln, die verdampft und dann explodiert sind.

Ein Auslaufen so großer Mengen müßte aber nach seiner Erfahrung mit deutschen Anlagen sämtliche Alarmanlagen schrillen und sämtliche Warnlampen aufleuchten lassen. Schon das Absacken des Tankinhalts um wenige Zentimeter werde registriert. "In Hemel Hempstead muß aber so viel Benzin ausgelaufen sein, daß der Benzindampf mindestens einen Meter hoch gestanden hat", schüttelt Puls noch zwei Tage nach der Explosion den Kopf.

Vieles an dem Unglück ist unverständlich

Auch Klaus Ehlers, Technischer Leiter einer zugelassenen Überwachungsstelle für Anlagen in explosionsgefährdeten Bereichen bei dem internationalen Zertifizierungsunternehmen Bureau Veritas, ist vieles an dem Londoner Unglück unverständlich. Beispielsweise müßte bei entsprechenden Tanks, wie man sie auf Fernsehbildern gesehen habe, in Deutschland im Dach eine automatische Beschäumungsanlage eingebaut sein, die von einer externen Bedienzentrale aus geregelt werden kann. Viele Anlagen sind zudem mit Beschäumungskanonen ausgestattet, die fest installiert und auf die Tanks gerichtet sind. Sie können 24 Millionen Liter Löschschaum in der Minute auf den Tank schießen. Um das Überspringen auf andere Tanks zu verhindern, würden diese sofort über die auch im Tankdach eingebauten Beregnungsanlagen gekühlt werden.

Für Eckhard Lippold, Geschäftsfeldleiter beim TÜV Rheinland, kommen daher auch andere Ursachen für das Unglück in Frage. Im Tank selbst könnte sich Wärme entwickelt haben. Diese bewirkt, daß sich die Luftblase unter dem Dach des Tanks ausdehnt. Der entstehende Druck bringt den Tank zum Bersten. Herumfliegende Teile wiederum können Schaden an anderen Tanks verursachen. Auch das brennende Benzin könnte andere Tanks zum Brennen und Bersten gebracht haben. Das würde aber den Knall nicht erklären.

Puls wie auch Ehlers geben sich überzeugt, daß in Deutschland bei sachgerechtem Betrieb ein solcher Unfall weitgehend ausgeschlossen werden kann. Alle fünf Jahre werden die Anlagen überprüft. "Ein kürzerer Abstand ist nicht nötig, weil die ganze Anlage ja steht und nicht einem dynamischen Verschleiß unterworfen ist wie ein fahrendes Auto", rechtfertigt Ehlers den langen Zeitraum zwischen den technischen Überprüfungen.

300 Tanklager in Deutschland

Bisher haben sich die Sicherheitsvorkehrungen auch bewährt. Ein Sprecher des Verbands gewerblicher Tanklagerbetriebe in Hamburg versichert, "daß es ein vergleichbares Explosionsunglück wie jetzt bei London hierzulande noch nie gegeben hat". In der Bundesrepublik gibt es insgesamt immerhin rund 300 Tanklager. In dieser Zahl enthalten sind zwar auch kleine Zwischenlager, die von lokalen Heizölhändlern betrieben werden. Nach Angaben des Verbands gibt es aber 40 wirklich große Lager, in denen auch Benzin umgeschlagen wird und die mit dem Lagerkomplex in England vergleichbar sind. Sie stehen verteilt im ganzen Land, wobei ein gewisser Schwerpunkt entlang der Rheinschiene liegt. Die Lager werden meist von mittelständischen Dienstleistern betrieben; einige große Ölkonzerne wie Exxon-Mobil (Esso) oder Royal Dutch Shell besitzen auch eigene Lager.

"Angesichts der Sicherheitsvorkehrungen kann ich mir nicht vorstellen, daß so ein Unglück bei normalem operativen Betrieb auch bei uns geschehen kann", sagt auch Wim Lokhorst, Vorstandschef des Hamburger Ölhandelshauses Marquard & Bahls, das über die Tochtergesellschaft Oiltanking zu den größten unabhängigen Tanklagerbetreibern Deutschlands zählt. Andere Branchenvertreter wollen sich nur hinter vorgehaltener Hand zu der Katastrophe in England äußern. Unter dem Siegel der Vertraulichkeit deuten sie an, daß sie wegen der außergewöhnlichen Heftigkeit eher einen terroristischen Anschlag als einen Betriebsunfall hinter dem Großbrand bei London vermuten. Gegen Terroranschläge, so heißt es in der Branche, lasse sich ein großflächiges Lagerensemble kaum schützen. Daher hätten viele Lagerbetreiber nach dem 11. September 2001 Terrorismus-Versicherungen abgeschlossen.

Quelle: F.A.Z., 14.12.2005, Nr. 291 / Seite 20
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Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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