Home
http://www.faz.net/-gup-vby4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Griechenland Die große Feuerwanderung

31.08.2007 ·  Weshalb nur waren die Brände in Griechenland diesmal so schwer? Neben Verschwörungstheorien führen viele die sinkende Nutzung der Waldflächen an. Daher befürchten Experten nun, dass die Waldbrandgefahr noch größer wird.

Von Michael Martens, Athen
Artikel Bilder (1) Video (2) Lesermeinungen (0)

Vielleicht wären die Waldbrände in Griechenland weniger verheerend ausgefallen, wenn die Griechen noch immer so arm wären wie früher und sich teure französische oder italienische Weine nicht leisten könnten. Das ist gewiss eine zugespitzte These, doch sie lässt sich wissenschaftlich belegen - im Gegensatz zu dem Wust der Verschwörungstheorien, die von populistischen Radiosendern oder bei abendlichen Symposien in den Tavernen Athens derzeit verbreitet werden.

Denn die Wälder in Griechenland haben nach Ansicht von Fachleuten auch deshalb so rasend schnell Feuer gefangen, weil sie anders als früher kaum noch wirtschaftlich genutzt werden: „In der Vergangenheit boten die Wälder vielen Griechen eine Einkommensquelle. Imker, Holzsammler oder Harzhändler lebten von ihnen, Schäfer ließen ihre Herden darin grasen. Heute gibt es das kaum noch. Die Leute haben in den Städten oder im Tourismus ein besseres Auskommen gefunden. In den unberührten Wäldern haben sich daher riesige Mengen an totem Material angesammelt - und das ist ein idealer Brennstoff für die Feuer“, sagt Margarita Arianoutsou, Professorin an der Fakultät für Biologie der Universität Athen.

Ein Urteil, das nicht zu Stimmung passen will

Nikos Charalambides, Chef von Greenpeace in Griechenland, führt das Beispiel weiter: „Früher war der Retsina der häufigste Wein in Griechenland. Das ist nicht mehr der Fall, heute leisten sich viele Leute teure Importweine.“ Der Absatz von Retsina sei gesunken, was auch für manche Wälder nicht ohne Folgen geblieben sei. Denn Retsina wird mit Harz von Pinien oder der Aleppokiefer versetzt. In der Antike geschah das notgedrungen, weil die zähe Flüssigkeit zum Abdichten von Weinfässern verwendet wurde. Später wurde bewusst Harz zugesetzt, um dem Retsina seinen charakteristischen Geschmack zu erhalten. Eine Harzwirtschaft aber, sagt Charalambides, finde in vielen Waldgebieten kaum noch statt.

Video: Proteste nach den Bränden in Griechenland

Nur vorsichtig spricht Margarita Arianoutsou, die in Griechenland und im Ausland als führende Kennerin in der Erforschung der Ursachen und Folgen von Waldbränden gilt, zudem von einer anderen Erkenntnis. Es ist ein Urteil, das nicht so recht zu der Stimmung passen will, die dieser Tage in Griechenland herrscht: Feuersbrünste sind nicht notwendigerweise schädlich für die mediterranen Wälder Griechenlands, im Gegenteil - sie können sogar nützlich sein. Gefährlich ist dagegen die wachsende Häufigkeit der Feuer, für die auch menschliche Fahrlässigkeit verantwortlich zu machen ist.

„Brände gehören zum Lebenskreislauf der Wälder“

Arianoutsou ist sich bewusst, dass ihre These politisch höchst inkorrekt ist, da die Mehrheit der Griechen lieber von einem Flammeninferno spricht, für das böse Immobilienmagnaten auf der Suche nach neuem Bauland und eine unfähige Regierung verantwortlich seien. „Man darf sich eigentlich nicht hinstellen und behaupten, ein Wald brauche Feuer. Ich kann das als Wissenschaftlerin zwar vertreten, aber es ist sehr schwierig, den Leuten das verständlich zu machen“, sagt Margarita Arianoutsou und schränkt die Behauptung auch gleich ein: „Brände gehören zum Lebenskreislauf der mediterranen Wälder, doch nicht alle Wälder in Griechenland gehören zu diesem Typ.“

Die Wälder der Brandgebiete im Westen der Peloponnes aber haben nach der Darstellung der Wissenschaftlerin eine erstaunliche Fähigkeit entwickelt, mit Feuern auszukommen und sie zur Verjüngung zu nutzen. „Sie sind Feuern gewachsen. Es gibt Kiefernarten, deren normalerweise geschlossene Zapfen sich nur bei extremer Hitze öffnen. Bei Bränden werden so die Samen verteilt. Manche Büsche und Sträucher haben ähnliche Mechanismen entwickelt.“ Brände seien also nicht der Tod dieser Wälder, sondern nur eine Art von Wiedergeburt, zumal die Aschen sehr nährreich und für den Boden wie ein Dünger seien: „Aus ökologischer Sicht ist es nicht richtig, wenn ein solcher Wald in einem Zeitraum von zweihundert Jahren nicht ein einziges Mal niederbrennt.“

„Haben genug absichtslose Brandstifter unter uns“

Doch sind diese Wälder mit ihrer Fähigkeit zur Wiederaufforstung in Eigenregie nur dann gegen Feuer gewappnet, wenn sie nach einem Brand genug Zeit zur Regeneration haben. Die ist jedoch in vielen Regionen durch eine nicht gekannte Häufung von Bränden gefährdet. Nach Angaben von Greenpeace-Chef Charalambides sind zwar in mehr als der Hälfte der Fälle die Brandursachen später nicht mehr einwandfrei festzustellen. Bei den anderen sei jedoch vor allem menschliche Fahrlässigkeit im Spiel.

Gewiss sei mitunter auch Brandstiftung die Ursache, vor allem in Gebieten mit hohen Immobilienpreisen, wie in touristisch nutzbaren Küstengegenden oder in der Umgebung großer Städte. Doch eine Hauptursache für die Feuer seien die Brandlegungen entgegen der landläufigen Volksmeinung nicht. „Wir haben genug absichtslose Brandstifter unter uns. Die Ursache kann zum Beispiel eine der vielen wilden Müllkippen sein, die es im Lande gibt. Auch landwirtschaftliche Feuer, die außer Kontrolle geraten, können zu Flächenbränden führen.“

Feuer brennt auch in früher verschonten Gebieten

Margarita Arianoutsou erklärt, warum das ausgefeilte Regenerationssystem von eigentlich „feuerfesten“ Wäldern gefährdet wird, wenn Feuer zu häufig auftreten: „Um eine Wappnung gegen Brände aufzubauen, braucht ein Wald nach einem Feuer mehrere Jahrzehnte Zeit.“ Kiefern zum Beispiel benötigten allein sechs bis acht Jahre, um Zapfen hervorzubringen, und auch die brauchen ihre Zeit, um fruchtbar zu werden. Außerdem seien immer häufiger Wälder von Feuern bedroht, die keine Überlebenstechniken dagegen entwickelt haben. Die Zahl der Feuer in den Mittelmeeranrainern der EU hat sich in den vergangenen 25 Jahren verdoppelt.

Für Griechenland ist diese Entwicklung auch deshalb bedrohlich, weil die Zunahme nicht allein auf häufigere Feuer in „angestammten“ Waldbrandregionen zurückzuführen ist, sondern gleichsam auf eine große Feuerwanderung. Inzwischen brennt der Wald auch in Landstrichen, die früher verschont blieben. Für Griechenland hat Arianoutsou festgestellt, dass es immer „nördlichere“ und „höhere“ Feuer gebe. Als Beispiele nennt sie Waldbrände in der Gebirgslandschaft des Epirus oder im Gebiet um die Prespaseen an der Nordgrenze zu Mazedonien. Das sind abgelegene Landstriche, in denen an Brandstiftungen schwerlich jemand ein Interesse hat.

„Hier gibt es bis zu zwei Millionen illegale Bauten“

Überhaupt sei die Schuld an der von Menschen geförderten Naturkatastrophe in der öffentlichen Diskussion Griechenlands allzu wohlfeil der Politik oder den Konzernen unterstellt worden, bestätigt Nikos Charalambides. Tatsächlich hätten die sogenannten Durchschnittsbürger sehr viel mehr mit den Feuersbrünsten zu tun, als sie einsehen wollten. „Heute gibt es in Griechenland, je nach Quelle, zwischen 500.000 und zwei Millionen illegale Bauten. Die meisten davon gehören nicht Millionären oder Konzernen, sondern Durchschnittsbürgern. Das sind oft Leute, die ein Wochenendhaus haben wollen, vorzugsweise an einem schönen Ort“, lautet seine Bestandsaufnahme, die hinter vorgehaltener Hand in den Zentralen der beiden großen Parteien des Landes nicht bestritten wird.

Die Besitzer von Häusern mit ungeklärtem Status repräsentieren schließlich eine Masse, die sich in viele hunderttausend Wählerstimmen übersetzen lässt. Weder die Nea Dimokratia von Ministerpräsident Konstantin Karamanlis noch die zuvor für fast zwei Jahrzehnte ununterbrochen regierende Panhellenische Sozialistische Bewegung des Oppositionsführers Georgios Papandreou hatten bisher den Mut, diese Schichten zu verprellen und gegen die Bauten vorzugehen. So konnte es geschehen, dass mehrere zehntausend Gerichtsurteile zum Abriss von illegal errichteten Häusern aus politischen Gründen nicht durchgesetzt wurden.

„Hoffentlich wird uns das eine Lehre sein“

Auch hauptberufliche Naturschützer sehen freilich ein, dass es politisch nicht durchsetzbar ist, im Laufe von Jahrzehnten entstandene illegale Siedlungen zu renaturieren. Möglich ist nach Angaben von Greenpeace aber der Abriss einiger Siedlungen, die besonders dreist in Naturgebiete hineingebaut wurden - als Warnung und als öffentlichkeitswirksamer Auftakt einer Politik, die baulichen Wildwuchs nicht länger duldet. Damit ließen sich neue Brände zwar nicht verhindern, aber wenigstens der menschliche Anteil an ihrer Entstehung verringern, sagt Charalambides. Zusätzlich müsse man sich allerdings mehr Gedanken über Vorbeugung machen.

„Diese Feuer waren keine Überraschung. Wir hatten einen sehr trockenen Winter und Frühling, dem ein außergewöhnlich heißer Sommer folgte. Wir wussten auch, dass es starke Hitzewellen geben würde. Dennoch wurde die notwendige Arbeit nicht getan. Hoffentlich wird uns das eine Lehre sein.“

Quelle: F.A.Z., 01.09.2007, Nr. 203 / Seite 8
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

Jüngste Beiträge