29.07.2003 · Bei Waldbränden an der Côte d'Azur und auf Korsika sind fünf Menschen ums Leben gekommen. Das verheerende Feuer löscht Existenzen aus. Eine Reportage aus Sainte-Maxime.
Von Christian von Hiller, Sainte-MaximeAm Montag nachmittag wird der Himmel schwarz über Sainte-Maxime. Einen Augenblick lang hoffen die Menschen, die Wolken kündigten das lang ersehnte Gewitter an. Denn seit bald drei Monaten herrscht im ganzen Süden Frankreichs eine Jahrhundertdürre. Doch Thérèse Perez, die hier alle nur Mamy Thérèse nennen, wird schnell klar, daß sich aus dem Nordwesten, von Vidauban aus, eine Feuersbrunst auf die Stadt zubewegt. Binnen Minuten färbt sich die Sonne rot. Dann verschwindet sie in den schwarzen Rauchwolken.
"Dieses Mal sind wir dran", sagt eine Nachbarin. Dieses Mal wird das Feuer Le Couloubrier erreichen, eine kleine Siedlung am nördlichen Rand von Sainte-Maxime. Vor zehn Tagen schon vernichtete ein Feuer hier 900 Hektar Wald; erst kurz vor dem Ort drehten die Flammen Richtung Meer ab. Die ganze Nacht lang bespritzt der Mann von Mamy Thérèse das Haus mit dem Gartenschlauch. "Bis hierher kam das Feuer schon vor zwölf Jahren", sagt er und zeigt auf die Gartenmauer unterhalb des Hauses. Noch heute sind die rußgeschwärzten Baumstümpfe im Buschwerk zu erkennen.
Kein Entrinnen
Dieses Mal ist der Brand noch brutaler. Windböen peitschen das Feuer mit 60, manchmal 80 Kilometern in der Stunde auf Sainte-Maxime zu. Sofort stellen die Behörden Strom und Telefon ab. Kommt Löschwasser an die Leitungen, könnten die Funken neue Brände verursachen. Mobilfunk und Fernsehen funktionieren nicht mehr. Die großen Radiostationen spielen ihr normales Programm. "Die in Paris interessieren sich doch für uns nicht", sagt der Schwiegersohn, der zu Hilfe gekommen ist. Plötzlich verbreitet sich eine Nachricht im Dorf: "In einer Stunde wird das Feuer Le Couloubrier erreichen." Dieses Mal wird es nichts nützen, die Flammen mit Gartenschläuchen zu bekämpfen. Hastig verrammeln die meisten ihre Häuser, sichern Gastanks, werfen Plastikmöbel in Swimmingpools und packen das Nötigste ein, bevor sie sich nach Sainte-Maxime absetzen.
Von dort gibt es kein Entrinnen. Binnen drei Stunden hat das Feuer die Stadt im Norden und Westen umklammert. Brände in der Nähe von Fréjus schneiden den letzten Fluchtweg nach Osten entlang der Küste ab. Insgesamt sieben Feuer suchen die Region heim. "Alle Ausfallstraßen sind gesperrt", bestätigt der Diensthabende der Polizeistation zwischen zwei Telefonaten. "Nein, auch diese Straße ist gesperrt", ruft er in den Apparat. "Ich weiß nicht, wann sie wieder offen ist! Beschweren Sie sich wo, sie wollen! Das Feuer allein bestimmt, was hier geschieht!" Kaum hat er aufgehängt, klingelt das Telefon wieder.
Touristen fliehen die Flammen
Draußen blockieren flüchtende Touristen den Löschfahrzeugen die Straße. Ein deutscher Urlauber will Richtung Norden, Richtung Feuer. "Ich muß hier einfach raus", ruft er aus dem Fenster. Die Polizisten, überfordert, dirigieren die Urlauber in ein Notlager auf dem Sportplatz. 900 Feuerwehrleute sind um Sainte-Maxime im Einsatz. Hubschrauber fliegen Wasser vom nahen Meer heran. Angeblich können die Löschflugzeuge wegen des hohen Wellengangs nicht eingesetzt werden. Manche vermuten sie in Fréjus.
Anfangs trieb Neugier die Bewohner auf die Balkons. Bald erfaßt auch sie das Grauen. Der Wind treibt die Asche durch die Stadt, der beißende Rauch macht das Atmen schwer, die ersten Flammen erscheinen über dem Bergkamm, gewaltige haushohe Feuerwellen. "Wenn es hart auf hart kommt, flüchten wir zum Strand", meint Mamy Thérèse, die in der Stadt bei ihrer Tochter Zuflucht gefunden hat. Sie sagt es mit der Gewißheit, daß ihr Heim längst ein Opfer der Flammen geworden ist. "Dort verbrennt gerade mein Haus", sagt ein Mann und deutet auf eine helle Fackel, die in den Flammen auflodert. "Warum hilft mir denn keiner", stammelt eine ältere Frau und geht von Passant zu Passant. "Dort oben brennt das Haus meines Sohnes, und ich weiß nicht, wo er und seine Familie sind."
Brandstiftung vermutet
Erst in den frühen Morgenstunden können die Löschtrupps das Feuer kurz vor der Stadt stoppen. 8000 Hektar Wald haben sich in eine schwarze Landschaft verwandelt. Die Ruinen Dutzender Häuser ragen daraus hervor. Fünf Menschen sind tot, unter ihnen zwei Briten, die vor den Flammen flüchten wollten, statt sich im Haus zu verrammeln. Am Morgen liegt lähmendes Schweigen über der Stadt. Erschöpfte Feuerwehrleute ruhen sich auf den Dächern der Einsatzfahrzeuge aus. Nach dem Entsetzen kommt die Trauer, dann die Wut. Schuldige werden gesucht.
"Das ist doch kein Zufall, daß die Brände immer dann ausbrechen, wenn Windwarnung ausgegeben wurde", mutmaßt ein Hitzkopf am Morgen im Café. Die Brandleitung, meint einer, habe die falschen Prioritäten gesetzt. Unternehmer, meint ein anderer, hätten ein Interesse daran, daß die geschützten Wälder vernichtet werden: So könnten sie neue Feriensiedlungen bauen. Die Regierung, sagen andere, habe nicht genügend Stauseen gebaut, damit eine solche Dürre gar nicht erst aufkommen kann. In der Zeitung erhebt der Wissenschaftler Michel Thinon den Vorwurf, die Wälder der Provence seien aus Geldgier mit schnell wachsenden Pinien und Kiefern aufgeforstet worden. Er fordert eine Rückkehr zu den ursprünglichen Arten: Eichen, Eiben, Linden, Ahorn. Die Kiefern, da hat er recht, brennen wie Zunder. Ihre Zapfen verwandeln sich bei Hitze in Feuergeschosse, die Hunderte Meter durch die Luft geschleudert werden.
Mamy Thérèse und ihr Mann kehren am Dienstag in ihr Haus nach Le Couloubrier zurück. Es hat den Brand überstanden. Wenige Meter vor dem Dorf haben sich die Flammen zweigeteilt und um die Siedlung gewunden. Als sie die Nachricht erhält, sagt sie, leise vor Glück: "Es ist ein Wunder." Dann spricht sie ein Dankgebet.