20.07.2006 · Nach dem verheerenden Tsunami vom Montag steht die indonesische Regierung in der Kritik: Warum wurden Warnungen aus dem Ausland nicht an die Küstenregionen weitergegeben? Die Zahl der Todesopfer stieg mittlerweile auf 525, mehrere hundert Menschen werden noch vermißt.
Von Jochen BuchsteinerDie Natur entläßt die geprüften Javaner nicht aus ihren Klauen. Kleinere Nachbeben und ein neuerliches Seebeben der Stärke 6,2 riefen am Mittwoch eine derartige Panik hervor, daß Tausende aus Pangandaran und angrenzenden Orten abermals ins Hinterland flohen. Während die Ängstlichen auf den Hügeln auf einen neuen Tsunami warteten, vor dem zwar gewarnt wurde, aber der nicht kam, gingen die Bergungsarbeiten an der Küste voran. Bis zum Abend stieg die Zahl der Toten auf 525 und die der Vermißten auf fast 300. Die vier Meter hohe Flutwelle, die am Montag über Südjava hereingebrochen war, habe mehr als 50.000 Indonesier obdachlos gemacht, teilten die Behörden mit.
Die neue Naturkatastrophe lenkt die Aufmerksamkeit früher als sonst von den Opfern und Hilfsmaßnahmen auf die Verantwortung der Behörden. Die Regierung in Jakarta sah sich am Mittwoch unangenehmen Fragen gegenüber: Wie konnte es passieren, daß frühzeitige Warnungen nicht an die Küstenregion weitergegeben wurden? Und warum konzentrierten sich alle Sicherheitsmaßnahmen auf die Insel Sumatra, wo doch die Nachbarinseln offenkundig ebenso gefährdet sind?
Keinerlei Reaktion auf die Warnung
Mit seinen Antworten macht das Kabinett von Präsident Susilo Bambang keine gute Figur. Auch wenn nicht klar ist, wie lange vor der Flutwelle die Warnungen amerikanischer und japanischer Meßstationen eingegangen sind - zwanzig oder gar 45 Minuten -, so scheint unzweifelhaft, daß sie keinerlei Reaktionen nach sich zogen. Wissenschaftsminister Kusmayanto Kadiman wurde am Mittwoch mit den Worten zitiert, die Regierung habe die Warnungen nicht verbreitet, weil sie keinen unnötigen Alarm auslösen wollte. „Was wäre passiert, wenn er (der Tsunami) nicht gekommen wäre?“ soll der Minister nach Agenturangaben gefragt haben. Auch Vizepräsident Jusuf Kalla, der von Yudhoyono als oberster Manager nach dem Jahrhundert-Tsunami vom Dezember 2004 eingesetzt worden war, meldete sich mit ungeschickten Argumenten zu Wort. „Als das Erdbeben begann, rannten die Menschen auf die Berge hoch - insofern gab es eine Art natürliches Warnsystem“, soll Kalla die Tatenlosigkeit seiner Regierung begründet haben.
Selbst wenn es die Regierung für nötig gehalten hätte, die Warnung weiterzugeben, wäre der Erfolg wohl fragwürdig gewesen. Die Südküste der stark bevölkerten Hauptinsel Java kennt keinerlei Alarmvorrichtungen, die hätten angesteuert werden können. Die provisorischen Frühwarnsysteme, die nach der verheerenden Flutwelle von 2004 aufgebaut wurden, schützen nur Küstenabschnitte auf der Nachbarinsel Sumatra. Die Regierung war bei ihren Planungen Wissenschaftlern gefolgt, die darauf verwiesen hatten, daß die östlich von Sumatra gelegenen Inseln, historisch betrachtet, zwar regelmäßig von Erdbeben, nicht aber von Tsunamis heimgesucht würden.
Seismologen geben Irrtum zu
Zerknirscht gestehen indonesische Seismologen jetzt ein, sich geirrt zu haben. „Es zeigt sich, daß unsere Voraussagen falsch waren“, sagte Surono, ein Mitarbeiter der Meteorologischen und Geophysikalischen Agentur in Bandung. Noch 30 Minuten nach dem Seebeben vom Montag hatte das Institut ausgeschlossen, daß eine Flutwelle folgen könnte. „Jetzt glauben wir, daß es keine tsunamifreien Gebiete entlang der Südküsten von Java, Bali und Nusa Tenggara gibt“, sagte Surono weiter. Bestätigt sehen sich nun jene Wissenschaftler, die früh vor einer Vernachlässigung anderer Inseln gewarnt hatten. Hamzah Latief vom „Bandung Institute of Technology“ erinnerte gegenüber der „Jakarta Post“ daran, daß er schon lange alle Küstenregionen, die in der Nähe des tektonisch unruhigen „Ring of Fire“ liegen, als potentiell tsunamigefährdet eingeschätzt habe.
Die Verunsicherung der Indonesier wächst. Nicht nur die Küstenbewohner, auch die Hauptstädter leben gefährlich. Das Seebeben vor der Küste Südjavas hat - wie schon 1997, 1999 und 2000 - die Hochhäuser in Jakarta schwanken und Fragen nach Schutzmaßnahmen und Handlungsanweisungen der Behörden laut werden lassen. Zeitungen zitierten am Mittwoch Hausmeister von Wolkenkratzern, die standardisierte Empfehlungen für den Notfall verlangten. Der Gouverneur der Metropole, Sutiyoso, versprach inzwischen, das zuständige „Jakarta Krisen-Zentrum“ entsprechend aufzurüsten.
Drei Jahre bis zum Frühwarnsystem?
Den Küstenbewohnern versicherte Vizepräsident Kalla, daß innerhalb der kommenden drei Jahre ein Frühwarnsystem in Betrieb genommen werde, das alle Risikogebiete des Landes abdecken soll. Erste Einrichtungen könnten schon im kommenden Jahr funktionstüchtig sein. Die Südjavaner, die allein in den vergangenen sechs Wochen zwei Beben mit einer tsunamirelevanten Stärke erlebt haben, dürften diesen Zeitplan als quälend großzügig empfinden.
Warnung ohne Flucht oder Rettungspläne sinnlos?
Eckhard Schmidt (eckhard43)
- 19.07.2006, 19:45 Uhr
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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