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Flugzeugkatastrophe in São Paulo TAM-Maschine hatte defekte Schubumkehr

20.07.2007 ·  Ein Triebwerkschaden und ein nasse Landebahn haben nach bisherigen Erkenntnissen die Landung der Unglücksmaschine in São Paulo erschwert. Die Tragik: Beide Probleme waren vor dem verheerenden Flugzeugunglück bekannt.

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Das am Dienstag in Brasilien mit 186 Passagieren verunglückte Flugzeug der Gesellschaft TAM hatte offenbar technische Probleme. Ruy Amparo, Technikchef der Fluglinie, räumte in einer Reaktion auf einen Fernsehbeitrag ein, es habe Probleme beim Umkehrschub am rechten Triebwerk des Airbus 320 gegeben. Das Problem sei schon am Freitag der vergangenen Woche entdeckt worden. Die Maschine sei allerdings weiter eingesetzt worden, weil das laut Airbus-Handbuch bis zu zehn Tage nach Entdeckung des Defekts möglich sei.

TAM versicherte, der Umkehrschub-Mechanismus könne beim Auftreten von Problemen an einem Triebwerk ausgeschaltet werden. Nur bei sehr starkem Regen könne solch ein Problem das Landemanöver beeinträchtigen. Man wiederhole deshalb, dass die Maschine am Unglückstag in der Praxis keine technischen Probleme gehabt habe, hieß es.

Probleme mit Aquaplaning waren bekannt

Das Fernsehmagazin „Globo“ berichtete außerdem, dass die Unglücksmaschine genau einen Tag vor dem Unfall bereits Probleme bei der Landung in Congonhas gehabt habe. Der Pilot habe sich darüber beklagt, dass die Runway „sehr rutschig“ gewesen sei.

Erste Vermutungen, wonach die regennasse Fahrbahn dazu beitrug, dass das Flugzeug wegen Aquaplanings nicht mehr zu beherrschen war, scheinen sich damit zu bestätigen. Die erst kürzlich renovierte Hauptlandebahn war auch für die Benutzung bei Regenwetter freigegeben worden, obwohl die Drainage-Rillen, die für einen Abfluss des Wassers sorgen sollen, noch nicht aufgebracht waren.

Maschine konnte nicht abbremsen

Allem Anschein nach versuchte der Pilot noch durchzustarten. Das Flugzeug scherte nach links aus, durchbrach die Umgrenzung des Flughafengeländes, raste auf der gegenüberliegenden Seite einer vielbefahrenen Straße in ein Dienstgebäude der Frachtgesellschaft „TAM Express“ und explodierte dort in einem Feuerball.

Videoaufnahmen der Sicherheitskameras zeigen, wie die Unglücksmaschine mit deutlich höherer Geschwindigkeit aufsetzt als Flugzeuge, die zuvor gelandet waren, und am Ende der Piste von der Bildfläche verschwindet. Kurz darauf ist der Widerschein der Explosion zu sehen.

Flugzeug kann auch ohne Schubumkehr landen

Flugzeuge bremsen bei der Landung nicht nur mit den Scheibenbremsen am Fahrwerk. Zur Unterstützung der Bremswirkung kann der Abgasstrahl am Triebwerk durch Klappen nach schräg vorn umgeleitet werden. Die Geschwindigkeit wird durch diesen Umkehrschub abrupt reduziert. Eine ausgefeilte Technik sorgt gewöhnlich dafür, dass die Schubumkehr erst nach dem Aufsetzen ausgelöst werden kann. Auch der Pilot kann aber die aerodynamische Bremse einschalten.

Auch ohne Schubumkehr kann ein Flugzeug starten und landen. Es gibt Flughäfen, auf denen zum Beispiel aus Lärmschutzgründen keine Schubumkehr verwendet werden soll. Ein Ausfall der Einrichtung wird dem Piloten durch das Kontrollsystem angezeigt, so dass er sich auf die Situation einstellen kann. Beim Simulationstraining wird jeder Pilot darauf vorbereitet. In einer so genannten Minimum Equipment List (MEL, Liste mit den minimalen technischen Voraussetzungen) des Flugzeugherstellers wird dem Piloten angezeigt, ob trotz eines Fehlers gestartet werden darf. Ein Fehler bei der Schubumkehr ist laut MEL kein Grund für ein Startverbot.

Viele Verspätungen

Der Flughafen hat zwar nach vorübergehender Schließung den Betrieb wiederaufgenommen, doch kommt es noch immer zu Verspätungen und der Annullierung von Flügen. Die Luftfahrtbehörden haben einstweilen die Benutzung der Hauptpiste bei Regenwetter untersagt. Fachleute sind sich einig, dass der zuletzt weit über seine Kapazitätsgrenze hinaus beanspruchte Inlandsflughafen Congonhas, der mitten im Stadtgebiet liegt und über den 80 Prozent des Flugverkehrs in Brasilien abgewickelt werden, entlastet werden müsse.

Dazu sind jedoch umfangreiche und kostspielige Erweiterungsarbeiten auf dem an der Stadtgrenze von São Paulo gelegenen internationalen Flughafen Guarulhos und in dem 100 Kilometer entfernten Campinas nötig. Manche Experten und Politiker fordern sogar die vollständige Schließung von Congonhas.

Kein Deutscher unter den Opfern

Inzwischen sind 183 Opfer geborgen worden. In dem vollbesetzten Flugzeug hatten sich 186 Passagiere und Besatzungsmitglieder befunden. Drei Personen, die sich auf dem Unglücksgelände aufgehalten hatten, sind an ihren schweren Verletzungen gestorben, mindestens sechs Angestellte der Fluggesellschaft werden noch vermisst.

Sie hatten sich zum Zeitpunkt der Katastrophe mutmaßlich in dem durch das Feuer fast vollständig zerstörten Gebäude aufgehalten. 30 Gerichtsmediziner sind damit befasst, die Opfer zu identifizieren. Das gestaltet sich äußerst schwierig, weil die Leichen stark verkohlt sind.

Unter den Opfern befindet sich kein Deutscher, obwohl die Passagierliste ungewöhnlich viele deutsche oder deutsch klingende Namen aufweist. Der Grund für diese Besonderheit: Der Unglücksflug JJ 3054 kam aus dem südbrasilianischen Porto Alegre, der Hauptstadt einer Region, in der viele deutschstämmige Brasilianer wohnen.

Quelle: FAZ.NET mit Material von Josef Oehrlein, Buenos Aires
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