26.02.2009 · Die Ermittler suchen weiterhin nach der Ursache für den Flugzeugabsturz von Amsterdam. Luftfahrtexperten halten einen Ausfall der Triebwerke für wahrscheinlich. Augenzeugen hatten berichtet, das Flugzeug sei „erstaunlich tief geflogen“.
Nach dem Absturz einer türkischen Passagiermaschine bei Amsterdam mit neun Toten und 86 Verletzten halten immer mehr Luftfahrtexperten einen Ausfall der Triebwerke für wahrscheinlich. Allerdings blieb am Donnerstag zunächst unklar, was die konkrete Ursache für das Unglück gewesen sein könnte. Fachleute waren intensiv mit der Auswertung der vom Stimmrekorder aufgezeichneten Cockpit-Gespräche beschäftigt. Zugleich ging die Untersuchung der Wrackteile der Boeing 737-800 weiter.
Wie inzwischen bekannt wurde, erhielt der dritte Pilot an Bord der Maschine ein Training auf dem Typ Boeing 737-800. Olgay Özgür (29) habe aber bereits seit 2004 eine Pilotenlizenz gehabt, sagte ein Sprecher der Fluggesellschaft am Donnerstag in Istanbul.
Auch ein Deutscher unter den Passagieren
Das Luftfahrt-Bundesamt hat „keine negativen Erkenntisse“ über die Fluggesellschaft. Seit 2007 hat das Amt Maschinen der Turkish Airlines im Rahmen von Routineuntersuchungen 49 Mal unangemeldet vor dem Start in Deutschland kontrolliert, erklärte eine Sprecherin auf Anfrage von FAZ.NET. Nach einer Mitteilung von Turkish Airlines war im vergangenen Oktober an einer Start- und Landklappe ein Bauteil ausgetauscht worden. Danach habe die Boeing ihren Flugbetrieb ohne Komplikationen fortgesetzt.
Den Angaben zufolge befand sich auch ein 48 Jahre alter Deutscher aus Nordrhein-Westfalen unter den Passagieren. Wie das Auswärtige Amt in Berlin mitteilte, gehe es dem Mann gut. Er befinde sich nicht im Krankenhaus. Insgesamt waren außer dem Deutschen 53 Niederländer, 51 Türken, sieben Amerikaner, drei Briten, ein Bulgare, ein Finne, ein Italiener und ein Taiwaner an Bord. Unter den Todesopfern seien fünf Türken und vier Amerikaner. Das teilten niederländische Behörden am Donnerstagabend mit. Nachdem alle Angehörigen der insgesamt neun Todesopfer des Absturzes informiert worden seien, könne man nun auch deren Staatsangehörigkeit bekanntgeben, sagte ein Regierungsvertreter.
„Instabiler Landeanflug“
Experten der nationalen Einrichtung für Luftfahrtsicherheit gehen bislang davon aus, dass die Maschine beim Landeanflug nicht genügend Leistung brachte. Denkbar sei ein Versagen der Triebwerke, aber auch ein „instabiler Landeanflug“, hieß es in einer Mitteilung der staatlichen Einrichtung. Beides könnte nach Angaben der niederländischen Pilotenvereinigung sowohl auf Fehler der Crew als auf technisches Versagen zurückzuführen sein. „Es könnte sein, dass (beim Landeanflug) nicht genügend Schub gegeben wurde“, sagte der Sprecher der Pilotenvereinigung, Hans Tettero.
Der Koordinator der Untersuchungen, Pieter van Vollenhoven, äußerte sich nach einer Besichtigung des Wracks der in drei Teile zerbrochenen Maschine „sehr überrascht“, dass es nicht noch mehr Tote gegeben habe. Die Zerstörungen an dem Flugzeug seien enorm. Die drei Piloten im Cockpit seien durch eine beim Aufprall auf den Boden herausbrechende Instrumententafel erschlagen worden. Angaben von Überlebenden würden bestätigen, dass die Maschine bei einem zunächst normal erscheinenden Landeanflug plötzlich in den freien Fall überging.
„Erstaunlich tief geflogen“
Augenzeugen am Boden hatten berichtet, das Flugzeug sei im Vergleich zu anderen Maschinen, die auf dem Amsterdamer Airport Schiphol landeten, „erstaunlich tief geflogen“. Die Triebwerksgeräusche seien stärker als gewohnt gewesen und plötzlich ausgeblieben, berichteten Anwohner von Gemeinden in Flughafennähe. „Wahrscheinlich ist etwas mit den Antrieben schiefgegangen“, sagte der Experte Michel van Tooren von der Technischen Universität Delft. Überlegungen, wonach der Maschine der Treibstoff ausgegangen sein könnte, wurden zunächst nicht bestätigt.
Der Wetterdienst erklärte, dass Wind, Sicht und Temperatur zum Zeitpunkt des Unglücks am Mittwochvormittag normal und unproblematisch gewesen seien. Zur Unterstützung der Untersuchung wurden in Amsterdam Vertreter des amerikanischen Flugzeugbauers Boeing sowie türkische Experten erwartet.
Die niederländische Königin Beatrix sprach den Angehörigen der Toten ihr Beileid aus. Auch Ministerpräsident Jan-Peter Balkenende kondolierte - ebenso wie tausende Menschen, die auf einer eigens eingerichteten Website Trauer und Bestürzung bekundeten. Bei einem Besuch der Unglücksstelle lobte Balkenende den „professionellen Einsatz“ aller Rettungskräfte. Dadurch seien viele Menschen in sehr kurzer Zeit aus den Trümmern des Flugzeugs geborgen und die Verletzten sehr schnell in Krankenhäuser gebracht worden.