30.05.2006 · Das Erdbeben auf Java hat mit der Stadt Yogyakarta das kulturelle Herz Indonesiens und eine bisher gut entwickelte Region getroffen. Getroffen ist auch die javanische Kultur, die den Archipel prägt wie keine andere.
Von Jochen BuchsteinerDaß ein Unglück selten allein kommt, erfahren wenige Völker so schmerzhaft wie die Indonesier. Während am Montag und am Dienstag morgen die Hilfsmaßnahmen im Erdbebengebiet Fahrt aufnahmen, begannen die Behörden nur wenige Kilometer entfernt mit Evakuierungen am Fuße des Mount Merapi.
Der Vulkan, der seit Wochen raucht und Lava spuckt, habe seit den Erdstößen am Samstag morgen seine Tätigkeit verdreifacht, rechneten indonesische Seismologen vor. Manche fürchten nun einen baldigen Ausbruch, nach dem die Retter in der Region um Yogyakarta an zwei Fronten zu kämpfen hätten. Damit nicht genug: Am frühen Dienstag morgen ereignete sich zudem ein weiteres Erdbeben der Stärke 6,0 in der Provinz Papua - Berichte über Schäden oder Verletzte gibt es bisher nicht.
„Wettlauf gegen die Zeit“
Trotz Dutzender Hilfsorganisationen, die inzwischen ihre Arbeit aufnahmen, wird die Lage in großen Teilen des Katastrophengebiets als chaotisch beschrieben. Noch immer wartet eine unbekannte Anzahl Menschen unter den Trümmern eingestürzter Häuser auf Rettung. Viele der inzwischen mehr als 5400 Toten sind noch nicht begraben.
Die Krankenhäuser der Region werden des Ansturms nicht Herr; mehr als 10.000 Verletzte soll das Beben hinterlassen haben. Jan Egeland, der schon die Rettungsarbeiten nach dem Tsunami und dem Erdbeben in Pakistan für die Vereinten Nationen koordiniert hatte, faßte die Lage am Montag in die traurig vertraut klingenden Worte zusammen, man befinde sich in einem „Wettlauf gegen die Zeit“.
Zelte, Öfen und Kochgeschirr
Zum Zentrum der Rettungsmaßnahmen wurde der Ort Bantul, in dessen nächster Nähe das Epizentrum lag. Sowohl die eingetroffenen ausländischen Hilfsorganisationen als auch die Rettungseinheiten der indonesischen Armee operieren aus der Kleinstadt heraus, die zu 80 Prozent zerstört wurde. Von hier aus werden auch die umliegenden Ortschaften versorgt. Mehrere Feldlazarette sollen inzwischen aufgebaut sein. Erleichterung rief hervor, daß der teilweise beschädigte Flughafen in Yogyakarta wieder eröffnet werden konnte. Eine erste Maschine der Vereinten Nationen brachte Zelte, Öfen und Kochgeschirr ins Gebiet, aber Augenzeugen berichten, daß die Verteilung der Hilfsgüter noch schleppend verlaufe.
Leicht nach unten korrigiert wurde inzwischen die Zahl derer, die ihr Dach über dem Kopf verloren haben. Aber auch 100.000 Menschen, die Schutz vor dem Wetter - auch in der Nacht zu Dienstag regnete es wieder stark - suchen, bedeuten eine logistische Herausforderung. Viele fanden in den vergangenen Nächten keinen Unterschlupf in den provisorisch aufgeschlagenen Zelten. In manchen Gebieten ist die Stromversorgung gekappt, die Bewohner behelfen sich mit funzeligen Öllampen. Aus der Luft betrachtet, sei die ziemlich gut entwickelte Provinz Yogyakarta nach dem Sonnenuntergang ins „Zeitalter der Dunkelheit“ zurückgefallen, berichtete ein Reporter der „Jakarta Post“.
Zweitwichtigste Stadt Indonesiens
Der indonesische Präsident persönlich hat ein Lager in der Provinzhauptstadt Yogyakarta aufgeschlagen. Er will die Rettungsmaßnahmen aus der Nähe kontrollieren. Manche hatten Susilo Bambang Yudhoyono vorgeworfen, nach dem Tsunami vor fast eineinhalb Jahren nicht rechtzeitig und beherzt genug tätig geworden zu sein. Das war schon im Dezember 2004 nicht ganz richtig, weil sich der Präsident am Tag der Flutwelle am anderen Ende des riesigen Inselreiches befand und das Ausmaß auch erst nach einigen Tagen zu erkennen war.
Der Schauplatz im Süden Zentraljavas zwingt Yudhoyono aber auch aus anderen Gründen zu ostentativem Handeln. Yogyakarta ist keine entlegene Provinz wie Aceh im Norden Sumatras - es ist nach der Hauptstadt Jakarta die wichtigste Metropole des Landes. Kleiner als Städte wie Surabaya oder Medan, behauptet Yogyakarta seine Bedeutung als Herzstück des Inselreichs - als Wiege der javanischen Kultur, die den Archipel wie keine andere prägt.
Teile des Sultanspalastes zerstört
Yogyakarta gilt nicht nur als Mittelpunkt der klassischen Künste des Landes, vom Tanz über die Gamelan-Musik bis hin zur Batik. Mit der Gaja-Mada-Universität beherbergt die Stadt die traditionsreichste Hochschule des Landes. Die historische Bedeutung der Stadt materialisert sich im Stadtpalast von Sultan Hamengkubuwono X., der zugleich Gouverneur der Provinz (und gerne genannter Kandidat für das Präsidentenamt) ist. In dem Gebäude spiegelt sich die Geschichte einer javanischen Dynastie, die bis in die legendäre Mataram-Ära im 16. Jahrhundert zurückreicht.
Mehrere Teile des Sultanspalastes sind zerstört worden, unter ihnen der Bangsal-Trajuma-Pavillon, dessen Decke auf mehrere dort aufbewahrte Kunstschätze herabstürzte. Auch der nahe gelegene Hindu-Tempel Prambanan, der auf die indischen Einflüsse im 9. Jahrhundert verweist, hat gelitten. Das von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärte Bauwerk werde ein weiteres Mal restauriert werden müssen, hieß es am Montag. Offenbar unbeschadet hat der buddhistische Borobudur-Tempel - der ebenfalls vor den Toren der Stadt steht - das Beben überstanden.
Enge Verbindung nach Jakarta
Die Verbindung zwischen Jakarta und der Kulturmetropole im Süden ist eng - so eng, daß seit Samstag auf den Busbahnhöfen und Eisenbahnhöfen sowie dem Flughafen der Hauptstadt der Ausnahmezustand herrscht. Zehntausende Indonesier versuchen, sich auf den Weg in den Südosten zu machen, um Verwandten oder Freunden in Yogyakarta unter die Arme zu greifen. Viele kamen auch aus anderen Landesteilen und nutzten Jakarta zum Umsteigen. Allein am Samstag fuhren vom „Lebak Bulus Terminal“ 5000 Passagiere Richtung „Yogya“ ab, wie die Stadt allgemein abgekürzt wird. Normalerweise sind es weniger als tausend.
An vielen Straßenkreuzungen Jakartas wurde am Montag gesammelt. Studentenvereinigungen, Moscheen und Parteien organisierten die Spendensammlungen - zum Teil waren sie noch in Übung aus Tsunami-Zeiten. Auch die Reaktionen aus dem Ausland erinnern an die Zeit vor fast eineinhalb Jahren. Aus aller Welt wird Indonesien technische Hilfe und Geld zugesagt.
Als Vorteil mit tragischem Hintergrund dürfte sich erweisen, daß diesmal viele Wege kürzer sind. Finanzierungskanäle sind erprobt, die Repräsentanten der Hilfsorganisationen und Geberländer kennen ihre Kontaktpersonen in der Regierung, manch technisches Gerät - wie etwa die Trinkwasseraufbereitungsanlage des Deutschen Roten Kreuzes - muß nicht mehr aus der Ferne eingeflogen werden, sondern kann von der Nachbarinsel Sumatra abgezogen werden, wo die Lage seit langem im Griff ist.
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
Jüngste Beiträge